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Jägerin appelliert: Auch in der Corona-Krise gilt während der Brut- und Setzzeit Leinenzwang

  • Das Coronavirus macht auch vor dem Wald nicht halt.
  • Für Hundebesitzer gilt während der Brut- und Setzzeit aber nach wie vor ein Leinenzwang für ihre Vierbeiner.
  • Auch im Jagdwesen hat sich durch das Virus einiges verändert, sagt Jägerin Sophia Lorenzoni.
Silia Wiebe
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Seit Beginn der Kontaktbeschränkungen sind viel mehr Menschen in der Natur unterwegs. Das ist einerseits sehr schön, andererseits aber auch bedrohlich für die Tiere. Denn gerade ist Brut- und Setzzeit. Das bedeutet, Fasane, Hasen und Rehe legen ihre Eier oder Jungtiere im Feld ab. Die Jungtiere brauchen in ihren ersten Lebenswochen Ruhe.

Frei streunende Hunde stören Wildtiere

Wenn Spaziergänger aber plötzlich querfeldein gehen oder auch noch mit ihren Hunden die offiziellen Spazierwege verlassen, werden die Tiere gestört und häufig auch in Lebensgefahr gebracht. Auch wenn keine böse Absicht dahintersteckt, sondern einfach Unwissenheit, weiß Jägerin Sophia Lorenzoni.

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Frau Lorenzoni, warum sind Spaziergänger im Wald lebensgefährlich für Jungtiere?

Weil sie die Tiere stören. Es reicht schon, wenn ein Spaziergänger seinen Hund von der Leine lässt und der Hund in die Wiesen oder ins Feld rennt und dort ein Reh anjagt. Ist es gesund, schadet das für einige Minuten nicht. Ist es trächtig, könnte es durch den Stress zu einer Spontangeburt kommen und die Mutter und ihr Junges sterben. Oft merken Hundebesitzer nicht einmal, was ihre Hunde im Feld anrichten. Manch ein Hund spürt ein Hasenjunges auf, das in der Wiese liegt, und schnüffelt daran. Die Hasenmutter riecht von Ferne den Hundegeruch und holt ihr Junges nicht ab. Es stirbt.


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Was würden Sie sich als Jägerin für die Brut- und Setzzeit wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen ihre Hunde in Feld und Wald an die Leine nehmen und auf den offiziellen Wegen bleiben, auch wenn sie dort ab und an anderen Spaziergängern ausweichen müssen. Wer ein Jungtier am Wegesrand findet: Bitte nicht anfassen! Informieren Sie die Polizeibehörde, die sagt dem Jagdpächter Bescheid und der erkennt, ob das Tier krank ist oder vielleicht bloß ein desorientierter Jungfuchs, der nach zwei Wochen erstmals seinen Bau verlassen hat und deshalb so ungewöhnlich neugierig und zutraulich ist.

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In ihrem Buch “Auf der Pirsch. Von Jagdhunden, Gewissensbissen und der Liebe zur Natur” erzählt Sophia Lorenzoni von ihren Erlebnissen als Jägerin. © Quelle: blv

“Ich versuche immer, so viel wie möglich zu verwerten”

Sie sind Jägerin in Rheinland-Pfalz. Was sind dort Ihre Aufgaben?

Jagen bedeutet nicht herumballern. Ich kümmere mich im Auftrag eines Pächters um ein Revier, bin verantwortlich für die Felder der Umgebung, für den Wald und die Gesundheit der Tiere. Wird ein Reh auf der Straße angefahren, suche ich es mit meinem Hund und erlöse es. Oft sitze ich stundenlang auf dem Hochsitz und warte, dass mir ein jagdbares Tier in genau der Position vor die Waffe läuft, dass ich sicher weiß: Ich treffe es mit einem Schuss. Das klappt ungefähr bei jeder zehnten Hochsitzjagd. Niemals riskiere ich, ein Tier nur zu verletzen und unnötig zu quälen.

Was passiert mit dem Tier, nachdem es tödlich getroffen zu Boden gesackt ist?

Ich fahre es ins Kühlhaus und trenne dort Magen, Herz, Lunge und weitere Organe mit dem Messer heraus. Ich versuche immer, so viel wie möglich zu verwerten. Ist die Leber nicht schussverletzt, verarbeite ich sie zu Leberwurst. Die edlen Teile wie Rücken und Keule friere ich ein. Gut fünf Fleischportionen drehe ich durch den Wolf, damit ich sie irgendwann als Hack für Chili con Carne nutzen kann.

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Die afrikanische Schweinepest breitet sich ähnlich wie Corona aus

Wie hat sich die Jagd für Sie durch Corona verändert?

Die Gemeinschaftsjagd ist nicht mehr erlaubt und natürlich auch keine gemeinsamen Aufenthalte im Kühlraum nach der Jagd, wo das Tier zerlegt wird. Wir dürfen, oder besser gesagt müssen aber weiterhin ins Revier, schon allein, um den Wildschweinbestand einzudämmen, der sonst im Feld des Bauern Schaden anrichtet. Die afrikanische Schweinepest, die zurzeit aus Russland, Ungarn und Polen langsam in Richtung Deutschland schwappt, funktioniert in der Ausbreitung ähnlich wie Corona. Je mehr Wildschweine es gibt, desto schneller breitet sie sich aus. Es ist die Aufgabe von uns Jägern, ein Massensterben einzudämmen.

Klingt nach viel Arbeit ...

Natürlich muss auch regelmäßig kontrolliert werden, ob die Witterung oder aber radikale Tierschützer Hochsitze beschädigt haben, was nicht selten vorkommt. Und dann jage ich so wie sonst auch Rehwild, das sich von den Trieben an den Bäumen ernährt und dem Forst nicht zu viele Bäume anfressen darf.

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Jagdschein mit 22

Können Jäger das Fleisch trotz Corona wie gewohnt verkaufen?

Leider nicht, aufgrund der geschlossenen Lokale. Wir müssen uns um private Absatzwege kümmern, denn selber essen können aktive Jäger nicht alles. Eine Zeit lang weniger zu jagen wäre für den durch Trockenheit und Stürme ohnehin schon geschwächten Wald eine zusätzliche Beeinträchtigung.

Was fasziniert Sie so an der Jagd?

Alles begann mit Geweihen, die ich mit 13 Jahren während eines Österreichurlaubs an einer Pensionswand entdeckte. Einem Jäger, der dort mit mir im Urlaub war, gefiel mein Interesse und er nahm mich mit auf die Jagd. Ich liebte sofort die Ruhe bei Vollmond auf dem Hochsitz, ­den Tannengeruch und die Wildschweine, die schlauer waren als wir und uns am Ende entwischten. Dass die Waldtiere ein glückliches Leben haben, dass sie Eicheln und Buch­eckern fressen statt Fertigfutter mit Antibiotikum und dass sie herumspringen können, bis sie geschossen werden, fühlt sich bis heute richtig an. Mit 22 machte ich dann den Jagdschein. Seitdem erlege ich mein Fleisch selbst.

Mit Jagdhund auf der Jagd

Wie aufwendig ist es, den Jagdschein zu machen?

Es hat zwei Monate gedauert und etwa 2000 Euro gekostet, für die ich lange gespart habe. Natürlich musste ich auch eine anspruchsvolle Prüfung bestehen, einen Fragenkatalog richtig beantworten, gezielt schießen, die Organe von Wildtieren zuordnen und einschätzen können, ob sie gesund sind. Ach ja, und mit Hunderassen sollte man sich auskennen.

Sie haben selbst einen Jagdhund?

Ja, meinen Emil, einen Langhaardackel. Er ist zwei Jahre alt und fast fertig mit seiner Ausbildung. Schon als Welpe nahm ich ihn mit auf die Jagd, damit er mit Schüssen vertraut wird und frühzeitig viele Tierarten kennenlernt. Fährt ein Autofahrer ein Wildtier an und das Tier rennt verletzt zurück in den Wald, kann Emil es aufspüren. Den Besuch beim Tierarzt kann man einem Hirsch oder Reh nicht zumuten, der Stress wäre enorm. Ein sicherer Schuss ist die Erlösung.

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