Ist ein schlechter Deutschunterricht schuld am Analphabetismus von Kindern?

  • Laut Expertin Ursula Bredel können rund 19 Prozent der Kinder nach der Grundschule nicht ausreichend lesen und schreiben.
  • Schuld seien fehlerhafte Schulmaterialien, der Mangel an Lehrkräften und eine mangelnde Unterstützung der Eltern.
  • Die Sprachwissenschaftlerin sagt, jetzt müsse die Politik handeln und Schulen unterstützen.
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Hildesheim. In Deutschland haben insgesamt 6,2 Millionen Erwachsene Schwierigkeiten, deutsche Texte zu verstehen. Und auch rund 19 Prozent aller Kinder in Deutschland können nach Angaben der Hildesheimer Sprachwissenschaftlerin Ursula Bredel nach der Grundschule nicht ausreichend lesen und schreiben. Das liege auch an der Lehrerbildung, sagte die Professorin für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Hildesheim dem Evangelischen Pressedienst anlässlich des „Weltalphabetisierungstages" am 8. September. Die niedersächsische Ausbildungsverordnung etwa erlaube es Lehrkräften bislang, an Grundschulen zu arbeiten, ohne Deutsch studiert zu haben. So unterrichteten oft Fachfremde als Klassenlehrer das Fach. „Da kann es zu Schwierigkeiten kommen."

Schulbücher an Grundschulen oft fehlerhaft

Insgesamt bekämen Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Ausbildung zu wenig fachliches Wissen, um zu verstehen, was die Kinder am Lernen hindere, erläuterte Bredel. So verließen sie sich auf Schulbücher. „Viele gängige Lehrmethoden und Schulmaterialien sind aber fehlerhaft", sagte die Professorin. Eines der größten Probleme sei die weit verbreitete Annahme, dass die Schrift das Gesprochene abbilde.

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Gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich

Dabei werde den Lernenden gesagt, um ein Wort zu lesen, müssten sie lediglich jedem Buchstaben einen Laut zuordnen und die Laute anschließend zusammenfügen. Mit dieser Methode entstünden jedoch keine Wörter, sondern Lautfolgen, die kaum Ähnlichkeit mit den gemeinten Wörtern hätten. So sei weder in „roh" noch in „Ohr" ein „h" zu hören. Und das „r" sei zwar in „roh", nicht aber in „Ohr" hörbar. Kinder, die sich auf eine solche Logik verließen und deshalb die Logik der Schrift nicht von sich aus entdeckten, gerieten schnell ins Abseits.

Auch Eltern müssen das Sprach- und Leseverhalten von Kindern schulen

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Darunter litten vor allem Kinder aus Elternhäusern, in denen kaum vorgelesen werde oder Hörbücher gehört würden, sagte Bredel. Bei Kindern aus zugewanderten Familien verstärkten sich die Probleme, weil sie häufig nicht sicher genug auf die deutsche Sprache zurückgreifen könnten. Von den Viertklässlerinnen und Viertklässlern, die 2016 an der „Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung", auch bekannt als Iglu-Studie, beteiligt waren, hatten 19 Prozent einen Migrationshintergrund. Bei der Vorgänger-Studie 2011 waren es 16 Prozent.

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Ein Problem: Der Personalmangel an Schulen

„Je nachdem, was die Kinder von zu Hause mitbringen, kommt es schon in den ersten Schuljahren zu einer riesigen Spaltung", erläuterte Bredel. Allein deshalb müssten Lehrkräfte fort- und weitergebildet und vor allem die Seiteneinsteiger eng begleitet werden. Notwendig seien auch bessere Schulbücher. Aufgrund des akuten Personalmangels könnten sich die Schulen aber nicht selbst helfen, betonte die Wissenschaftlerin. „Da ist die Politik gefragt: Die Schulen brauchen strukturierte Unterstützung."

RND/epd