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Matthias Maurer: „Astronaut zu sein hat Schönheiten, die kein anderer Job der Welt bieten kann“

  • In wenigen Wochen fliegt Esa-Astronaut Matthias Maurer zur Internationalen Raumstation.
  • Dort wird er sechs Monate lang leben und forschen.
  • RND-Redakteurin Laura Beigel hat mit dem 51-Jährigen vor seinem Flug gesprochen – über Experimente in der Schwerelosigkeit, ein herausforderndes Training unter Corona-Bedingungen und einen „kosmischen Kuss“.
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Es ist 8 Uhr morgens, als Esa-Astronaut Matthias Maurer vor die Kamera seines Laptops tritt, um über seinen kommenden Flug zur Internationalen Raumstation (ISS) zu sprechen. Er befindet sich gerade in Houston (Texas), wo er am Johnson Space Center, einem Stützpunkt der Nasa, trainiert. Etwas übermüdet schaue er aus, merkt er selbst gleich zu Beginn des Interviews an und reibt sich mit den Händen kurz über seine leichten Augenringe. Die vergangenen vier Tage habe er mehrere virtuelle Trainings­einheiten zum japanischen Modul der Raumstation gehabt, die teilweise bis Mitternacht gedauert hätten, erzählt er.

Der Terminplan von Maurer ist eng getaktet, denn die Vorbereitungen für seinen ersten Weltraumflug sind umfangreich. Viel Zeit bleibt nicht mehr: Ende Oktober oder Anfang November bricht er zusammen mit Raja Chari, Thomas Marshburn und Kayla Barron zur ISS auf. Sechs Monate lang wird er dort oben leben und forschen. Im RND-Interview erklärt der Astronaut, wie seine Liebe zum All entstanden ist und welche Bedeutung die Arbeit auf der Raumstation für die Menschheit hat.

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Herr Maurer, Sie fliegen bald vom Kennedy Space Center zur ISS. Was motiviert Sie zu diesem Flug?

Der Grund, warum Astronautinnen und Astronauten zur ISS fliegen, ist, Forschung zu betreiben. Das möchte ich natürlich auch tun. Ich will neues Wissen über das Universum, aber auch unsere Erde sammeln. Das heißt, die Experimente, die ich oben durchführen werde, sollen nicht nur dazu dienen, die Raumfahrt besser zu verstehen, sondern sie sollen auch einen Nutzen für unser Leben auf der Erde haben.

Was werden Ihre Aufgaben sein?

Es gibt auf der ISS verschiedene Schmelzöfen, mit denen ich arbeiten werde. Im japanischen Modul gibt es beispielsweise einen Ofen, der nicht metallische Objekte auf bis zu 1500 Grad aufheizen und schweben lassen kann. Wir können also Wissenschaft betreiben, die auf der Erde nicht möglich ist. Dabei werden Daten generiert, die in Computerprogramme eingespeist werden, mit denen dann irdische Herstellungs­prozesse wie Schmelz­verfahren bei Automotoren und Flugzeug­turbinen simuliert werden können, sodass diese umwelt­freundlicher werden.

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Ich werde aber auch chemische und physikalische Experimente durchführen. Bei einem geht es etwa um die Frage: Wann ist ein Objekt brennbar? Denn es gibt sehr viele Verbrennungen im Weltall, zum Beispiel bei Raketen­antrieben oder Steuerdüsen für Satelliten, die wir optimieren wollen. Und gleichzeitig kann das Wissen über Verbrennungs­prozesse, das wir bei diesen Experimenten sammeln, für ein Grund­verständnis über Verbrennungs­motoren auf der Erde hilfreich sein. Aber auch für die Medizin sammeln wir Daten.

Inwiefern?

Zum einen machen wir auf der ISS Experimente, um besser zu verstehen, wie sich der menschliche Körper in der Schwerelosigkeit verhält. Ich muss mir zum Beispiel selbst Blut abnehmen können. Das übe ich nach unserem Interview an einer Testperson. Und wir machen Augenuntersuchungen im Weltall, denn durch die fehlende Schwerkraft kommt es zu einem erhöhten Hirndruck, was sich wiederum negativ auf den Sehnerv auswirken kann. Zum anderen steht im Columbus-Modul die sogenannte „Crystallisation Diagnostics Facility”.

Mit ihr können wir in der Schwerelosigkeit bestimmte Proteine kristallisieren. Dazu muss man wissen, dass Proteine sehr komplex aufgebaut sind und es sehr kurzwellige, hochleistungsstarke Röntgenstrahlung braucht, um ihr Inneres zu erforschen. Um sie ausleuchten zu können, müssen die Proteine kristallisiert werden, was auf der Erde nur schlecht funktioniert. Im Weltraum, in der Schwerelosigkeit, klappt das deutlich besser. Die Proteinkristalle werden dann zurück zur Erde geflogen und dort in Teilchenbeschleuniger-Anlagen einer sogenannten Strukturanalyse unterzogen. So lässt sich dann die Molekülstruktur erkennen. Diese hilft wiederum der Pharmaindustrie dabei, bessere Medikamente zu entwickeln.

Die Internationale Raumstation (ISS) fliegt 400 Kilometer über der Erde. © Quelle: Nasa/dpa
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Das heißt, die ISS dient heutzutage vor allem der Forschung.

Ja, aber sie ist auch eine Inspirations-, Motivations- und Faszinationsplattform für die nächsten Generationen. Wir wollen der Jugend klarmachen: Astronaut zu sein ist ein toller Job, aber dahinter steht eine Heerschar an Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Denn ein Weltraumflug ist immer eine Teamleistung. Und aus diesem Team kommen immer wieder Ideen für Innovationen: Die Raketen werden moderner, die Versuche werden besser. Das heißt, die Raumfahrt ist auch ein Innovationspool.

Hätten Sie gedacht, dass Sie einmal zur ISS fliegen würden?

Zu dieser Frage gehört dazu, wann hätte ich das gedacht (lacht). Bevor ich mich für das Astronautenprogramm der Esa beworben habe, hätte ich nie damit gerechnet, dass ich es einmal schaffen würde, zur ISS zu fliegen. Ich hatte als Kind zwar verfolgt wie Ulf Merbold mit dem Spaceshuttle ins All geflogen ist und bin davon auch unglaublich fasziniert gewesen, aber bei mir war der Weltraumflug eher ein Erwachsenentraum. Obwohl ich schon immer eine Faszination für das Fliegen hatte.

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Während meines Studiums war ich lange Zeit als Segelflieger aktiv. Aber der Traum, selbst einmal ins Weltall zu reisen, kam wirklich erst auf, als die Esa nach Astronautinnen und Astronauten gesucht hat. Ich dachte mir, so ein Astronaut oder eine Astronautin muss heutzutage weniger knüppelhart wie zu Merbolds Zeiten sein, sondern vielmehr Wissenschaftler. Die Herausforderung liegt jetzt darin, dass man im Weltall sechs Monate lang gute Forschung betreibt. Das ist etwas, was ich als studierter Werkstoffwissenschaftler bieten kann.

Wenn Sie jetzt an Ihren Flug denken – lange ist es nicht mehr hin –, was kommt Ihnen dann als erstes in den Sinn?

Vieles. Ich muss mir ja schon seit längerer Zeit darüber Gedanken machen, was ich alles auf der ISS machen will und was ich von der Erde mitnehmen muss. Das meiste Material wird zwar von der Nasa und Esa gestellt, aber man hat noch die Möglichkeit, einige Sachen zu beeinflussen.

Zum Beispiel?

Ich darf mir etwa meine Unterhosen selbst aussuchen. Es gibt auch die Nasa-Standardunterhose, aber das ist Wäsche aus den 80er Jahren, die nicht mehr so favorisiert wird. Außerdem darf ich noch eine kleine Box mit privaten Sachen mitnehmen, die jetzt schon auf der ISS ist. In der Raumkapsel, mit der ich fliege, habe ich auch noch einmal die Möglichkeit, eine Handtasche zu verstauen. Maximal 1,5 Kilogramm schwer darf sie sein. Also da passt auch noch einiges hinein. Dann muss man die Besucherlisten erstellen. Denn zum Start dürfen eigentlich auch Freunde und Familie kommen. Das ist jetzt unter Corona aber sehr erschwert.

Ich vermute, die Corona-Pandemie hat auch Einfluss auf Ihr Training genommen.

Absolut. Es galt die meiste Zeit über eine Maskenpflicht. Und auch die Anzahl der Trainerinnen und Trainer wurde reduziert, damit sich nicht allzu viele Menschen in einem Raum aufhalten. Mit allen anderen hatten wir dann über Videoschalten Kontakt. Und der 1,5-Meter-Sicherheits­abstand musste dauerhaft eingehalten werden. Aber ansonsten ging das Training wie gewohnt weiter.

Und jetzt haben Sie sogar die Möglichkeit, vor Corona davonzufliegen.

Das stimmt. (lacht) Ich freue mich schon darauf, sechs Monate lang mit meinen Kolleginnen und Kollegen an Bord der ISS zu sein – dann ohne Maske. Bis dahin müssen wir aber erst noch die Quarantäne einhalten, damit wir weder dieses Virus noch andere Erreger mit ins All nehmen.

Wenn Sie an Ihr Training in den vergangenen Monaten zurückdenken, was war da für Sie die bisher größte Herausforderung?

Ich erinnere mich da an mein Winter-Survival-Training in Schweden, das bei minus neun Grad Celsius stattgefunden hat. Die zwei Tage Training waren echt eine große Herausforderung – ohne Zelt, ohne Schlafsack und ohne Essen. Ich hatte das, ehrlich gesagt, etwas auf die leichte Schulter genommen. Ich dachte: Ach, zwei Tage draußen in der Kälte sind für mich als Campingfan kein Problem. Das klappt. Aber wenn man nur mit einer Axt und einem Messer ausgerüstet ist und es plötzlich heißt: „Bau dir erst einmal einen Unterstand und mach Feuer“, und man findet nur feuchtes Holz, das nicht brennt, dann können diese zwei Tage doch ziemlich anstrengend werden. Aber auch das Spacewalk-Training unter Wasser ist nicht zu unterschätzen. Man kämpft in dem Astronauten­anzug, der nicht sonderlich ergonomisch ist, gegen den Wasserwiderstand an und muss sich gleichzeitig darauf konzentrieren, dass man keine Fehler macht. Also nach diesen sechs Stunden Unterwasser­training bin ich immer reif für das Wochenende. Das ist alles andere als ein Spaziergang.

Unter Wasser trainiert Matthias Maurer im russischen Orlan-Raumanzug für einen Außeneinsatz an der ISS. © Quelle: ESA/GCTC

Astronaut zu sein ist also ein Knochenjob.

Nicht nur. Astronaut zu sein hat Schönheiten, die kein anderer Job der Welt bieten kann. Aber mit diesen Schönheiten kommen auch Heraus­forderungen, die man meistern muss. Dafür habe ich mich beworben, bin ausgewählt und auch ausgebildet worden. Also alles ist machbar.

Sie haben für Ihre Mission den Namen „Cosmic Kiss“ – auf Deutsch: kosmischer Kuss – gewählt. Das klingt sehr romantisch.

Es soll auch eine Liebes­erklärung an den Weltraum sein. Wenn die Menschen abends in den Himmel schauen, dann sehen sie die Sterne und stellen sich wahrscheinlich die gleichen Fragen, die sich die Menschen schon immer gestellt haben: Was gibt es da draußen noch? Wie ist das Weltall entstanden? Und wie wäre es, wenn ich Astronautin oder Astronaut wäre und auf die Erde hinabblicken könnte? Wie würde ich mich dabei fühlen? Alle diese Gedanken sind uns Menschen inne, ohne dass wir dafür eine wissenschaftliche Ausbildung brauchen. Und das beste Beispiel dafür, dass diese Überlegungen nicht nur unsere Generation prägen, sondern schon mindestens 4000 Jahre alt sind, ist die Himmels­scheibe von Nebra, …

… die Vorbild für Ihren Missionspatch ist.

Genau. Der Vollmond, der auf der Himmels­scheibe abgebildet ist, symbolisiert bei meinem Patch die Erde. Das ist der Blick, den ich als Astronaut aus dem All habe, wenn die Erde von hinten beleuchtet ist. Dann umgibt die Erde ein dünner, goldener Saum, nämlich die Atmosphäre. Das ist der Blick aus der ISS, den alle Astronautinnen und Astronauten immer beschreiben. Der Moment, in dem sie feststellen, dass unser Planet eigentlich sehr zerbrechlich ist. Und dieser Teil meines Patchs soll mich und auch alle anderen daran erinnern, dass wir auf unsere Erde achtgeben müssen.

Der Missionspatch von Matthias Maurer soll an die Himmels­scheibe von Nebra erinnern. © Quelle: ESA

Die Erde ist auf Ihrem Patch durch eine Herzschlaglinie mit einem zunehmenden Sichelmond verbunden. Und in der Mitte sind fünf rote Striche zu sehen, die an ein Herz erinnern.

Diese Striche sollen die ISS darstellen. Sie ist die Verbindung zwischen Erde und Mond. Auf ihr erforschen wir, wie sich beide Himmelskörper im Weltall verhalten. Der Mond ist auch eine Art Geschichtsbuch, das uns dabei helfen kann, die Erde besser zu verstehen. Es gibt zum Beispiel die Hypothese, dass ein Tag auf der Erde früher nur sechs Stunden umfasste, aber dadurch, dass der Mond die Gezeiten erzeugt, bremst er die Rotation der Erde. Deshalb könnte der Tag heute 24 Stunden lang sein.

Also es gibt viele Dinge, die wir über das Verhältnis zwischen Mond und Erde noch lernen müssen. Und der Name „Cosmic Kiss“ soll diese Faszination des Menschen für die Raumfahrt und den Weltraum aufgreifen. Ich glaube, viele Menschen haben diesen Traum, selbst einmal Astronautin oder Astronaut sein zu wollen. Und das ist eigentlich die Haupt­motivation für diesen Namen und die Mission selbst. Ich möchte die Menschen auf diese Traumreise mitnehmen.

Wie ist Ihre Liebe zum Weltall eigentlich entstanden?

Als Kind fand ich es wie gesagt sehr faszinierend, was Ulf Merbold damals gemacht hat und dass es überhaupt Menschen gibt, die ins Weltall aufbrechen können. Ich persönlich war schon immer bestrebt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Dieser Perspektiven­wechsel zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich habe in verschiedenen europäischen und auch außer­europäischen Ländern gelebt und geforscht, bin immer viel und gern gereist. Ich habe dann für mich festgestellt, dass es auf eine Frage nicht immer nur eine einzige Antwort geben muss, sondern dass sie aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann. Und dieser Weitblick, dieser Perspektiven­wechsel, hat mich schon immer fasziniert.

Ich finde das sehr bereichernd. Und mit der Raumfahrt ist es möglich, noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel auf die Erde zu schauen. Aber es ist natürlich auch das Abenteuer, das mich reizt. Das kann ich nicht leugnen. Genauso wie ein Bergsteiger fasziniert davon ist, auf einen Berg zu steigen, den nur wenige Menschen zuvor erklommen haben, genauso ist es für mich und andere Astronautinnen und Astronauten spannend, ins Weltall aufzubrechen und vielleicht irgendwann über den Mond zu laufen.

Das heißt, mit dem Flug zur ISS ist es für Sie nicht getan? Sie wollen auch noch zum Mond?

Als Astronaut habe ich drei Träume. Erstens: ins Weltall fliegen und mindestens einmal die Erde umrunden. Dieser Traum geht bald in Erfüllung. Zweitens: einen Spacewalk machen. Und drittens: über den Mond laufen und ihn erkunden. Den Traum, zum Mars zu fliegen, überlasse ich dann der nächsten Generation. Das ist aus Altersgründen für mich nicht mehr machbar.

Sie werden mit 51 Jahren der älteste deutsche Raumfahrer bei einem Erstflug sein – und der vierte Deutsche auf der ISS.

Ich weiß, dass ich nicht mehr der Jüngste bin, aber ich bin auch nicht der älteste. Mein Kollege Thomas Marshburn, der mit mir mitfliegt, ist sogar 61 Jahre alt. Und auf der ISS werden wir Weltraum­touristen antreffen, die zum Teil über 70 Jahre alt sind. Heutzutage ist es wichtig, dass man gesund und fit ist, aber auch, dass man wissenschaftlich viel zu bieten hat, um die Arbeit auf der ISS zu leisten. Also ich glaube, ein paar goldene Jahre habe ich noch vor mir. Auch der Mond ist noch nicht ausgeschlossen.

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