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Mai Thi Nguyen-Kim: „Ich will über Moleküle sprechen, statt ständig Streitigkeiten schlichten zu müssen“

  • Meinungen sollten nicht wie Fakten behandelt werden, sagt Mai Thi Nguyen-Kim.
  • Im RND-Gespräch erklärt die „MaiLab“-Wissenschaftsjournalistin, wieso sie nicht mehr mit Verschwörungsideologen diskutiert.
  • Ihre persönliche Lehre aus der Corona-Pandemie: Mehr Aufmerksamkeit für Wissenschaft führe nicht automatisch auch zu mehr Aufklärung.
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„Aufgepasst, Freunde der Sonne“ – so starten die Youtube-Videos von Mai Thi Nguyen-Kim: Verdienstorden der Bundesrepublik, Journalistin des Jahres 2020 und diese Woche auch noch den Grimmepreis abgestaubt – die Wissenschaftsjournalistin und promovierte Chemikerin beeindruckt ein Millionenpublikum mit ihren wissenschaftlichen Analysen. Neben ihrem Youtube-Kanal „MaiLab“ mit rund 1,3 Millionen Abonnenten ist sie in mehreren ZDF-Formaten eingeplant. Und ein Sachbuch hat sie vor Kurzem auch noch herausgebracht. Mit „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ avancierte Nguyen-Kim zur Bestsellerautorin.

Mai Thi Nguyen-Kim, ich vermute, in Ihrem Leben ist gerade ordentlich was los. Sie erreichen ein Millionenpublikum über das Youtube-Format „MaiLab“, sind 2020 Mutter geworden, haben ein neues Buch veröffentlicht und sind die Pandemieerklärerin schlechthin. Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Rolle?

Momentan mache ich nicht viel anderes als Wissenschaft und Mama sein. Das ist auch gut so. Dadurch muss ich mich vermehrt in Selbstdisziplin üben. Einfach mal sagen, nein, ich beschäftige mich jetzt nicht noch eine halbe Stunde mit Kommentaren im Netz. Dazu fehlt mir schlicht die Zeit. Obwohl so viel los ist, habe ich glücklicherweise weiter ein gutes Verhältnis zu meiner Arbeit. Aber es ist natürlich nicht das Schönste, nur über Corona zu berichten und ständig schlechte Nachrichten zu übermitteln.

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Sind Sie als Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin begeistert, dass die Wissenschaft auf einmal viel stärker in der Öffentlichkeit steht?

Bevor Wissenschaft so viel Aufmerksamkeit hatte, war eigentlich ich immer diejenige, die gesagt hat: Wissenschaft ist doch total massentauglich, alle sollten sich damit beschäftigen, eigentlich müsste in jeder Talkshow immer eine Wissenschaftlerin sitzen. Und jetzt, wo es wirklich so weit ist, denke ich manchmal: Oh je, das sind die Geister, die ich rief. Teilweise habe ich mir das wohl etwas naiv vorgestellt. Unterm Strich bin ich aber froh um die Aufmerksamkeit. Ich bin aber nicht sicher, ob das Interesse an wissenschaftlichen Themen nach der Pandemie so präsent bleibt.

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Wissenschaft braucht besondere Formate

Sie kritisieren in „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“, dass wir uns immer mehr von einem gemeinsamen Verständnis von der Wissenschaft entfernen.

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Viele Leute schauen jetzt hin – aber eben zum ersten Mal. Wissenschaft ist immer superkomplex. Selten gibt es Schwarz und Weiß, stattdessen Grautöne, also viel Einerseits und Andererseits. Momentan gibt es dann oft eine schwierige Kombination supergreller Spotlights. Wissenschaft wird oft medial verkürzt oder auch politisch gedeutet. Deshalb ist meine persönliche Lehre aus der Pandemie, dass mehr Aufmerksamkeit nicht automatisch auch zu mehr Aufklärung führt. Es braucht für die Wissenschaft eine spezielle Bühne, die Nuancen auch zulässt. Sonst wird viel missverstanden.

Was denn beispielsweise?

Da gibt es die Meinung, es gäbe keinen wissenschaftlichen Konsens, es gäbe nicht ‚die‘ Wissenschaft, denn der eine sagt dies, die andere das. Dabei gibt es natürlich ‚den‘ aktuellen Wissensstand basierend auf der aktuell stärksten Evidenz. Darauf stützt sich auch wissenschaftlicher Konsens. Oder es heißt, die Wissenschaftler würden uns am liebsten alles vorschreiben und träumten von einer Technokratie. Das ist natürlich Quatsch. Schauen wir uns doch die Realität an. Die Regierung wird beraten. Und was sie daraus macht, ist seit jeher dann meistens doch etwas anderes.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Wissenschaftlicher Konsens? Nguyen-Kim kritisierte Streeck

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Streit gehört ganz wesentlich zur Wissenschaft dazu, sagen Sie, aber eben mit gewissen Regeln. Können auch Laien dieses besondere Streiten lernen, obwohl sie nicht so tief im Thema stecken?

Ja und nein. Es wäre Quatsch zu sagen, dass sich jeder Sachen aneignen kann wie Experten. Aber viele Laien sind gerade damit konfrontiert, in den Medien ständig unterschiedliche Dinge aus ‚der‘ Wissenschaft zu hören. Was also damit anfangen? Ich würde mich da erst mal mit den wissenschaftlichen Basics beschäftigen und vor allem auf die Methoden schauen. Also danach fragen, wie diese Ergebnisse, mit denen ich da konfrontiert werde, eigentlich gemacht wurden und wo genau sie herkommen.

Medialen Rummel gab es nach einem Gespräch mit dem Virologen Hendrik Streeck in der Talkshow „Lanz“. Sie kritisierten, dass er in der Pflicht sei, neuere Erkenntnisse zur Pandemiebekämpfung lauter und offener in der Öffentlichkeit mitzuteilen. Müssen Wissenschaftler mehr kommunizieren?

Man kann nicht grundsätzlich von Wissenschaftlern verlangen, dass sie ihre Ergebnisse an die Öffentlichkeit kommunizieren. Aber wenn ich mich in Talkshows setze, ist es absolut meine Pflicht, sehr verantwortungsvoll mit meinem Expertenstatus umzugehen. Professor Streeck sagte, er habe das Gefühl, missverstanden worden zu sein. Darüber hat sich ja glaube ich unsere Auseinandersetzung entzündet. Er deutete an, er sei eigentlich gar nicht „Team Öffnung“, das sei medial nur so dahingestellt worden. Aber wenn ich mich in die Öffentlichkeit begebe, ist es auch ein Stück weit meine Verantwortung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse richtig bei den Menschen ankommen.

Mai Thi Nguyen-Kim kritisierte die Kommunikation des Virologen Hendrik Streeck in der Talkshow „Lanz“. © Quelle: Screenshot/ZDF Mediathek

Wenn Wissenschaft nicht richtig ankommt, kann das auch fatale Konsequenzen haben. In Ihrem Buch schreiben Sie, Falschinformationen könnten tödlich sein, vor allem auch in der Pandemie.

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Technologie und wissenschaftlicher Fortschritt retten uns in vielen Lagen das Leben. Impfstoffe und Medikamente etwa. Sie werden auch unsere Lebensgrundlage retten müssen, wenn wir an den Klimawandel denken. Aber bei jeder technischen Innovation, seien es die Windräder oder grüne Gentechnik, geht nichts ohne die Akzeptanz in der Bevölkerung. Deshalb muss sie auch mitgenommen werden, um informiert entscheiden zu können, was gut und was schlecht ist. Momentan passiert es aber oft, dass aus dem Bauch heraus entschieden wird.

Sie erwähnen den Wissenschaftler Hans Rosling, der vorschlägt, dass wir nur Meinungen vertreten sollten, für die es auch faktische Belege gibt. Ist das im Alltag denn immer möglich?

Streiten können wir natürlich immer. Aber es wäre toll, wenn wir weniger über das diskutieren, was bereits als sichere wissenschaftliche Erkenntnis gilt. Meinungen sollten auch nicht wie Fakten behandelt werden. Da braucht es eine klare Trennung statt Verbissenheit. Ich wünsche mir auch, dass es ein gemeinsames Verständnis davon gibt, dass Wissenschaft sehr begrenzt in ihrem jeweiligen Gebiet ist und schnell an eigene Grenzen stößt.

Schwebt Ihnen ein konkretes Beispiel vor?

Sagen wir mal, ich habe eine Meinung zum Gendern, dazu gibt es durchaus Forschung, aber die ist methodisch noch nicht so aussagekräftig wie beispielsweise eine groß angelegte Impfstudie. Da müssen wir uns dann in der Debatte doch nicht die Köpfe einschlagen, als ginge es um Naturgesetze.

In der Corona-Pandemie nur streiten, wenn es sich lohnt

Sie saßen vor Kurzem auch in einer Talkshowrunde mit Jan Josef Liefers, es ging um die vielfach diskutierte Kampagne „Allesdichtmachen“. Sie sagten dort, Sie wunderten sich, wieso das überhaupt so großen Raum in der Öffentlichkeit einnehme.

Ich finde das in so einer Zeit schädlich. Meinetwegen können wir uns dazu nächstes Jahr verbal die Köpfe einschlagen. Manchmal frage ich mich aber, ob wir gerade vergessen, dass wir aktuell in einer echten Ausnahmesituation sind. Diese Pandemie ist noch nicht durch, es sind jetzt noch ein paar Monate. Wollen wir uns dann vielleicht lieber streiten, wenn es sich lohnt?

Also beispielsweise um gute politische Maßnahmen ringen, die ja schon kompliziert genug sind. Oder verschwenden wir unsere Zeit lieber mit Diskussionen, die nirgendwo hinführen, eher zur Spaltung beitragen und die Empörungsbewirtschaftung befördern? Je mehr wir uns in der Pandemie als Team verstehen, umso besser ist es doch für alle.

Ihre Person taucht auch in Verschwörungstheorien auf, etwa weil Ihr Mann in der Pharmaindustrie arbeitet und Sie an Cambridge- und Harvard-Instituten geforscht haben. Wie gehen Sie persönlich mit solchen Anschuldigungen um?

Es ist natürlich nicht schön, dass die Anfeindungen zunehmen. Man setzt sich offensichtlich nicht mit meinen Argumenten auseinander, sondern versucht, mich als Person zu diskreditieren. Das hat mit inhaltlicher Diskussion dann nichts mehr zu tun, und deswegen beschäftige ich mich möglichst wenig damit. Ich weigere mich nicht, mit Menschen zu diskutieren, die anderer Meinung sind.

Krasse Verschwörungsideologen haben aber ganz offensichtlich kein Interesse an einem rationalen Diskurs. Deshalb möchte ich da auch nicht so viel Energie verschwenden. Das sind wenige, aber dann eben sehr extreme Stimmen. Ich glaube immer noch an die Vernunft der Mehrheit.

Corona-Impfung: Im Zweifel immer der Stiko folgen

Können Sie nachvollziehen, dass sich jemand aus Unsicherheit noch nicht gegen Covid-19 impfen lassen möchte?

Impfungen sind ganz rational betrachtet immer die bessere Wahl. Damit meine ich Impfungen, die von der Ständigen Impfkommission empfohlen sind. Die Vakzine würden gar nicht zugelassen werden, wenn die Risiko-Nutzen-Abwägung nicht haushoch für die Impfung ausfallen würde. Diesem Gremium kann man wirklich vertrauen.

Zwar hat die Stiko schon häufiger ihre Empfehlungen zu den Covid-19-Impfstoffen angepasst. Das ist im ersten Moment verunsichernd. Aber das zeigt doch, dass man auf neue Ergebnisse reagiert. Das ist für mich total beruhigend. Ich bin aber gegen eine Impfpflicht. Das wäre das falsche Zeichen. Alles, was man braucht, ist eine gescheite Aufklärung. Und jeder, der rational denken kann, wird sich dann sowieso für die Impfung entscheiden.

Und dann eher Astrazeneca oder eher Sputnik?

Natürlich Astra! Zumindest momentan. Sputnik ist ja noch gar nicht zugelassen. Also bitte einfach immer der Stiko folgen. Wir brauchen ein bisschen Vertrauen in unsere Zulassungsbehörden. Ich kann es verstehen, dass man der Stiko nicht blind vertrauen möchte. Deshalb ist es so wichtig, dass nachvollziehbar ist, warum dem Gremium zu trauen ist. Aber wieso sollte ich als Einzelperson auf die Idee kommen, besser beurteilen zu können, welcher Impfstoff nun sicherer ist?

Mit mehr Impfungen wird die Pandemie bald einen großen Teil ihres Schreckens verlieren. Welche Themen stehen bei Ihnen an erster Stelle, wenn sich die Lage entspannt hat?

Es gibt da schon eine ewig lange Liste! Ich sehne mich regelrecht danach, mal wieder ein richtig chemisches Thema zu machen. Vielleicht auch einfach mal etwas total Unkontroverses, bei dem man trotzdem wissenschaftliches Denken lernt. Also einfach mal wieder über Moleküle sprechen, statt ständig Streitigkeiten schlichten zu müssen. Natürlich wird es da auch um die ganz großen Sachen gehen, Klimakrise, künstliche Intelligenz. Ich freue mich auch schon darauf zu diskutieren, ob wir in der Sommer- oder Winterzeit leben wollen. Sicherlich wird niemand mehr große Lust haben, über Corona zu sprechen.

Sind Sie optimistisch für die Zukunft, auch wenn die Klimakrise ansteht?

Bei Corona gibt es den Wettlauf gegen ein exponentielles Wachstum, es geht um jeden einzelnen Tag. Da sind Kollateralschäden leider oft nicht vermeidbar. Das ist bei der Klimakrise ganz anders. Das kann sozial gerechter laufen und politisch so gelenkt werden, dass nicht wieder diejenigen, die eh schon privilegiert sind, ganz gut durchkommen, und die ohnehin Schwachen besonders betroffen ist.

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"Der Sommer kann ganz gut werden in Deutschland." Christian Drosten verbreitete zuletzt Optimismus in Sachen Pandemie.  © dpa

Es geht dann auch nicht darum, sich durch eine gewisse Zeit zu retten, bis die Impfung kommt, und alles ist wieder wie vorher. Sondern es gibt die Chance auf einen nachhaltigen Wandel für die Zukunft, mit einer Welt, die am Ende wirklich besser für alle ist. Das stimmt mich optimistisch, obwohl die Fakten meistens weniger hoffnungsvoll daherkommen.

Wir haben es also noch ein Stück weit in der Hand. Ist das auch der Grund, wieso Sie hoffen, dass Ihre Tochter irgendwann Ihr Buch liest und Sie danach fragt, warum wir damals eigentlich so seltsam waren?

Mal ganz unwissenschaftlich gesprochen, ich weigere mich zu glauben, dass das alles einfach so weitergehen soll. Das ist der Optimismus, der mich auch bei meiner Arbeit begleitet. Und es muss schon echt viel passieren, dass ich nicht mehr lachen kann. Und wenn es dann doch mal schlecht läuft, finde ich zum Glück viel Trost im Humor.

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