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Insekten-Massensterben: Wieso ein „tiefgreifender Rückgang“ in den Tropen droht

  • Forschende warnen vor einem starken Schwund der Insekten – vor allem in den Tropen.
  • Der Zusammenbruch ganzer Populationen könne auf menschengemachte Strukturen zurückgeführt werden.
  • Ein Beispiel aus Brasilien zeige, dass der Bau von Dämmen für Strom aus Wasserkraft fatale Folgen hat.
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Wenn es um das Überleben geht, hilft es, eine Spezies mit Sympathiewerten zu sein. Panda, Koala, Eisbär – das sind prominente Tiere. Sie stehen sinnbildlich für das große Aussterben der Arten und die Forderung nach mehr Artenschutz. Insekten haben es da weitaus schwieriger. Ihr Rückzug aus der Natur erreicht kein großes Publikum. Obwohl sie die artenreichste Klasse aller Tiere auf der Welt ausmachen, das Fundament ganzer Ökosysteme sind – und obwohl auch ihnen ein großes Artensterben bevorsteht.

Langzeituntersuchungen, regionale Einzelstudien und Rote Listen kommen seit Jahren zum Schluss, dass es schlecht um die Insekten bestellt ist. Das große Problem: Wir wissen nicht, wie schlimm genau es schon ist. Der Rückzug der Krabbeltiere ist extrem schwierig zu erforschen. Das liegt unter anderem daran, dass es so viele verschiedene Arten gibt. Mehr als eine Million Spezies sind mittlerweile von der Forschung beschrieben.

Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als fünf Millionen weitere noch nicht einmal entdeckt wurden. Heißt: Wenn Insekten verschwinden, bekommt der Mensch davon oft gar nichts mit – oder erst, wenn es zu spät ist, also ein Gegensteuern durch Umweltschutzmaßnahmen zwecklos wird.

Insekten zeigen, wie es um die Ökosysteme in den Tropen steht

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Ein besonders blinder Fleck sind die Tropen und Subtropen. Monitoring und länger laufende Forschung zu Insekten sind dort die Ausnahme. Dabei gehen Schätzungen davon aus, dass 85 Prozent der weltweit existierenden Insektenarten ebendort beheimatet sind.

Ein internationales Team aus Ökologinnen und Ökologen von der University of Campinas im brasilianischen São Paulo und der Queen Mary University of London will das ändern. Um gegen den Mangel an Daten vorzugehen, haben die Forschenden eine Ordnung beispielhaft näher unter die Lupe genommen: Süßwasserinsekten in den Subtropen, beheimatet in den Wassersystemen am Paraná-Fluss. Dafür werteten sie Langzeitdaten über einen Zeitraum von 20 Jahren aus.

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Was sie fanden, ist kein gutes Zeichen. Die Forschenden registrierten einen „tiefgreifenden Rückgang“ der Häufigkeit aller großen Insektengruppen. Auch bei denen, die eigentlich dafür bekannt sind, dem Trend des langsamen Verschwindens zu entgehen und sich durch verändertes Klima und schwindenden Lebensraum eher noch zu vermehren: Mücken, Eintagsfliegen und Libellen.

Der Mensch hat den Insektenrückgang hervorgerufen

Der Mensch greift gerade in Regenwald-Gebieten tief ein, etwa bei der großflächigen Rodung von Wäldern für die Gewinnung von Viehweiden. © Quelle: imago images/imagebroker
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Wie aber konnte es dazu kommen? Verantwortlich für den Schwund seien menschengemachte Strukturen, resümieren die Forschenden in der dazu Anfang Juni veröffentlichten Studie im Fachjournal „Biology Letters“. Maßgeblich für die Veränderung des Reservoirs und den Artenrückgang sei der Bau von mehr als 100 Dämmen am Fluss und in Seen und Nebenkanälen gewesen. In der Folge habe es eine zunehmende Invasion von nicht einheimischen und insektenfressenden Fischen gegeben.

Auch die Wasserchemie sei unausgewogener geworden, weil die Dämme durch den Abfluss von Sedimenten und Nährstoffen das Wasser transparenter machen. „Die meisten Wasserinsekten sind zur Tarnung im trüben Wasser dunkel oder gesprenkelt. Die erhöhte Wasserdurchlässigkeit schwächte ihre Fähigkeit, sich zu verstecken, was sie noch anfälliger für den Verzehr durch die eindringenden Fische machte“, erklärte Studienautor und Ökologe Liam N. Nash in einem Gastbeitrag des britischen Wissenschaftsportals „The Conversation“ die Problematik.

Bau von Dämmen für den Klimaschutz, aber gegen den Artenschutz?

Weil in Brasilien rund 70 Prozent des Stroms aus Wasserkraft stammt, um auf fossile Brennstoffe zu verzichten, fürchtet Nash, dass der Bau von Dämmen im Sinne des Klimaschutzes unverzichtbar sei. „Dennoch kann das Aufstauen schwerwiegende ökologische und soziale Auswirkungen haben“, betont der Wissenschaftler.

Es brauche mehr Langzeitstudien für ein tieferes Verständnis der vom Menschen verursachten Auswirkungen auf Wasserinsekten. „Wir heben hervor, dass eine erweiterte Überwachung der anthropogenen Auswirkungen und Maßnahmen zur Minderung von entscheidender Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Integrität des Süßwasserökosystems sind“, betont das internationale Team aus Ökologinnen und Ökologen in der Studie.

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Mehr Meeres- und Landflächen unter Naturschutz gefordert

Allein sind sie mit ihren Sorgen nicht. Dass gerade Maßnahmen zum Schutz des Klimas negative Folgen für die Biodiversität haben können, kritisierte gerade erst ein Anfang Juni gemeinsam veröffentlichter Report der beiden Fachgremien aus Sachverständigen vom Weltklimarat IPCC und vom Weltbiodiversitätsrat IPBES.

Die 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler resümieren darin, dass es sich beim menschengemachten Klimawandel wie auch beim Artensterben um zwei große globale Krisen handele, die eng miteinander verwoben sind. Klimaschutz und Artenschutz müssten deshalb wissenschaftlich, politisch wie auch gesellschaftlich mehr zusammengedacht werden – um bessere Lösungen zu finden. Sie verlangten zudem, dass 30 bis 50 Prozent der Meeres- und Landflächen weltweit unter Naturschutz gestellt werden. Zurzeit sind es etwa 15 Prozent der Land- und 7,5 Prozent der Ozeanflächen.

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