Ein neues Meer entsteht in Afrika

  • Plattentektonik hat die Oberfläche der Erde und ihre Kontinente geformt – ein Prozess, der sich immer fortführt.
  • Der afrikanische Kontinent ist dabei, sich zu teilen.
  • Ein neuer Ozean könnte entstehen.
Irene Habich
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Zwei Jahre ist es her, da tat sich in Kenia plötzlich das Erdreich auf. Eine Fernstraße und sogar Häuser wurden von einer langen Kluft zerteilt, bis zu 20 Meter tief und bis zu 15 Meter breit. Der Riss im Boden wurde zunächst auf die starken Regenfälle in der Region geschoben. Doch allein dadurch ließ sich das Phänomen nicht erklären: Verantwortlich waren viel größere Kräfte, die tief unter der Erdoberfläche wirken. Denn Afrika bricht auseinander.

Bruchstelle aus dem All erkennbar

Die Erdspalte in Kenia ist dabei nur ein Nebenschauplatz. Vergleichsweise kleine Risse wie diese werden dadurch begünstigt, dass die Kontinentalplatten insgesamt unter Spannung stehen – und beginnen, sich voneinander zu lösen.

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Die eigentliche Bruchstelle Afrikas ist viel gigantischer und sogar vom Weltall aus sichtbar. Von Mosambik im Südosten bis im Norden zum Roten Meer zieht sie sich als bis zu 100 Kilometer breite Senke durch den Kontinent, ein Seitenarm läuft westlich des Victoriasees aus. Hier spaltet sich ein riesiger Teil der Landmasse ab, weshalb man die Senke auch den ostafrikanischen Grabenbruch nennt. Die somalische Erdplatte, auf der das östliche Afrika liegt, entfernt sich allmählich vom Rest des Festlands. Eines Tages wird dadurch ein neuer Kontinent entstehen und ein neues Meer wird diesen von Afrika trennen.

Der Bruch in Afrika wird immer größer

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Das Auseinanderbrechen der Platten begann bereits vor über 20 Millionen Jahren. Seitdem vergrößert sich der Grabenbruch langsam, aber stetig – und die Auswirkungen sind jetzt schon spürbar.

Bereits im 19. Jahrhundert hatte der schottische Forscher John Walter Gregory erkannt, was in Afrika vor sich geht. Ein Teil des Grabenbruchs wird daher auch nach ihm Gregory Rift genannt. Gregory hatte Gestein und Erdschichten im Grabenbruch untersucht und herausgefunden, dass dieser durch eine “Fortsetzung der Erdbewegung bis in die menschliche Epoche hinein” entstanden sein musste. Er stellte auch fest, dass die Bruchzone immer noch in Bewegung war: “Einige der Grabenböschungen sind so jung und scharf, dass sie jüngeren Datums sein müssen”, hatte der Schotte notiert.

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Was Gregory damals ahnte, konnte die moderne Wissenschaft inzwischen bestätigen. “Afrika ist dabei, sich zu teilen, und der Riss ist schon da”, sagt Sascha Staubach, Geowissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt. Immer tiefer werde der ostafrikanische Graben: “An einigen Stellen in Äthiopien liegt er sogar schon unterhalb des Meeresspiegels.” Das ist deshalb von Bedeutung, weil irgendwann Wasser in die neu entstehende Kontinentalkluft einsickern wird.

“In näherer Zukunft” werde das vermutlich geschehen, sagt Staubach, “wobei nähere Zukunft aus Sicht eines Geowissenschaftlers immer mehrere Millionen Jahre bedeutet.” Für Forscher sei das Geschehen überaus faszinierend: “Wir können die embryonale Phase der Entstehung eines Ozeans miterleben, das ist etwas Besonderes.”

Afar-Dreieck: Temperaturen über 50 Grad

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Überflutet würde dabei wohl zunächst das Afar-Dreieck, eine Tiefebene am Roten Meer, am oberen Ende des Grabenbruchs. Hier driften nicht nur Ostafrika und der Rest Afrikas auseinander, sondern auch die afrikanische und arabische Platte, wodurch enorme Kräfte wirken.

Das Afar-Dreieck ist ein extremer Ort. Es gehört zu den heißesten Regionen der Erde, die Temperaturen können auf weit über 50 Grad ansteigen. Schwarzes Vulkangestein bildet bizarre Mondlandschaften, in Kratern brodelt Lava und heißes Wasser schießt aus der Erde, es gibt giftgrüne Seen, die von Salzkrusten gesäumt sind.

Savannenlandschaft der Hawzien-Ebene mit dem Gheralta-Bergmassiv. © Quelle: picture alliance / Bildagentur-o

Immer wieder bebt die Erde in Afrika

Immer wieder bebt hier die Erde. Nomaden, die in der Region leben, berichten, dass sich plötzlich Risse im Boden auftun, in denen Kamele oder Ziegen verschwinden. Vulkanische Aktivitäten und Beben gehören zu den Begleiterscheinungen, wenn sich Erdplatten allmählich trennen. Gleichzeitig wird im Afar-Dreieck die Erdschicht dünner, weil aus allen Richtungen Kräfte an ihr zerren.

“Die Erdkruste wird in die Breite gezogen”, erklärt Geowissenschaftler Staubach. Und dadurch sinke sie ein. Schon heute findet man in der Region den tiefsten Punkt Afrikas. Er liegt 155 Meter unter dem Meeresspiegel und ist von einem Salzsee gefüllt. Wenn sich die Absenkung des ostafrikanischen Grabens immer weiter fortsetzt, wird irgendwann das Rote Meer hineinströmen.

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Die Prozesse vollziehen sich langsam, und das Afar-Dreieck ist nur sehr schwach besiedelt. Aber an anderen Orten Afrikas gibt es schon spürbare Auswirkungen der Plattenabspaltung – die gefährlicher sein könnten als der Erdriss in Kenia. So liegt der Vulkan Nyiragongo im Gebiet des ostafrikanischen Grabenbruchs und direkt neben der kongolesischen Millionenstadt Goma. 2002 hat seine Lava mehrere Hundert Menschen getötet, die Flughafenlandebahn, Geschäfte und Häuser zerstört. Die unterirdische Plattenbewegung kann neue, größere Ausbrüche auslösen.

Kohlendioxid gelangt aus dem Vulkan

Unterirdisch gelangt außerdem Kohlendioxid aus dem Vulkan in den nicht weit entfernten Kivusee. Ingenieure versuchen, es zu entfernen, denn wenn es schnell und in großen Mengen an die Oberfläche gelangt, kann es Tausende Menschen in der Umgebung töten. In Kamerun hatte sich 1986 eine solche Katastrophe ereignet: 1700 Menschen waren gestorben, als dort eine Kohlendioxidwolke aus dem Nyos-See entwich. Die Kohlendioxidspiegel in den großen afrikanischen Seen werden deshalb heute überwacht.

Auch die Erdplattenspaltung im Grabenbruch wird ständig vermessen und dokumentiert. Dabei kommt zum einen Satellitentechnik zum Einsatz. Die Forscher analysieren aber auch radioaktive Zerfallsprozesse und Magnetfelder in den Gesteinsschichten, woraus sich deren Alter und sogar Bewegungen berechnen lassen.

Afrika schiebt sich in Richtung Europa

Diese Daten, sagt Geowissenschaftler Staubach, deuten derzeit auf eine zukünftige Abspaltung Ostafrikas hin. Da es bis zur Trennung der Kontinentalplatten noch Millionen Jahre dauert, könnte der Prozess aber auch vorher zum Stillstand kommen. Ostafrika würde dann zusammen mit dem restlichen Kontinent in eine andere Richtung driften: Denn Afrika als Ganzes schiebt sich derzeit nach Norden in Richtung Europa.

Womöglich könnte sich dann im oberen Teil Landmasse abspalten und schneller auf Europa treiben als der Rest. In der Vergangenheit sei das schon einmal geschehen, sagt Staubach: Dabei entstand zwar kein Kontinent – aber das heutige Italien.



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