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Immer der Nase nach: Wie der Geruchssinn unsere Wahrnehmung beeinflusst

  • Ständig strömt eine Vielzahl an Gerüchen auf uns ein.
  • Die wenigsten davon nehmen wir bewusst wahr.
  • Trotzdem können wir uns einige Gerüche ein Leben lang merken.
Alena Hecker
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Liegt da ein Duft in der Luft oder stinkt es hier? An solchen Fragen scheiden sich zuweilen die Geister. Während die einen angewidert die Nase rümpfen, schnuppert die Mutter liebevoll über die volle Windel ihres Nachwuchses hinweg. Auch der Geruch nach Abgasen und fauligen Eiern mag manch einem übel aufstoßen, andere verbinden ihn mit ihrer letzten großen Reise ins Ausland, wo es in den Straßen ähnlich gerochen hat.

Duftmoleküle lösen elektrische Impulse aus

Gerüche umgeben uns Tag für Tag. Mit der Luft, die wir einatmen, gelangen zugleich Duftmoleküle in die Nase. Mehr als 10.000 unterschiedliche Duftnoten kann die Nase unterscheiden, sie prägen zugleich das Geschmacksempfinden.

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Auf der Riechschleimhaut in der Nase befinden sich 30 Millionen Riechzellen, die mit Rezeptoren für rund 350 verschiedene Duftstoffe ausgestattet sind. Docken Duftmoleküle an den Rezeptoren an, übersetzen diese die Eindrücke in elektrische Signale und leiten sie weiter ins Gehirn: Zuerst in den Riechkolben, dann direkt in die Hirnbereiche, die für Emotionen und Erinnerungen zuständig sind.

Körper verarbeitet Gerüche oftmals unbewusst

In der Regel nehmen wir nur solche Gerüche wahr, die unerwartet auftauchen oder sehr intensiv sind – etwa ein Brandgeruch in der Luft, der uns aus dem Schlaf hochschrecken lässt und uns auf Flucht vorbereitet, oder ein fauliger Geruch, der uns davor warnt, ein Lebensmittel zu verzehren.

Die meisten Gerüche verarbeiten wir unbewusst. Hat ein anderer Mensch Angst, steht er unter Stress? Das alles signalisiert sein Körpergeruch, der womöglich als vages Bauchgefühl registriert wird – mit dem Entschluss: Von dem halte ich mich heute besser fern.

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Wie gut ist der menschliche Geruchssinn?

“Der Geruchssinn ist vermutlich sehr viel wichtiger, als wir denken”, sagt Bettina Pause. Die Psychologin ist eine der weltweit führenden Geruchsforscherinnen und kann auf 30 Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Für die Hypothese, die Nase sei der bessere Verstand, ist sie anfangs noch kritisiert worden, doch die Skepsis schlug zunehmend in Staunen um.

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In ihrem Buch “Alles Geruchssache” gibt die Wissenschaftlerin einen Einblick in ihre Forschungserkenntnisse. Vieles, was man über den Geruchssinn zu wissen glaubte, bringt sie dabei ins Wanken – etwa, dass der Mensch kein Nasentier sei: “Im Vergleich zu allen Tieren, die wir bisher untersucht haben, verschiedene Arten von Mäusen, Ratten, Affenarten, Igel, Kaninchen, hat der Mensch eine bessere Geruchsleistung. Im Moment ist es noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen, es kann aber vermutet werden, dass der Mensch sogar besser ist als der Hund.”

Wir müssten einfach mal den Glauben an die Nase erhöhen.

Bettina Pause, Geruchsforscherin

Feine Nasen, so Pause, könnten sogar Krankheiten anderer Menschen am Geruch erkennen. Wo sonst Hunde Diabetes erschnüffeln oder einer Drogenspur folgen, ist es für die Wissenschaftlerin durchaus denkbar, dass in Zukunft auch Menschen diese Jobs übernehmen könnten. “Wir müssten einfach mal den Glauben an die Nase erhöhen und auch Menschen trainieren und in solchen Geruchserkennungsdiensten einsetzen.”

Gerüche können ein Leben lang im Gedächtnis verankert sein

Der Geruchssinn des Menschen entwickelt sich bereits im Mutterleib, bei der Geburt ist er fast vollständig ausgereift. Anhand ihres Geruchs finden Babys die Brust der Mutter, in den ersten Lebensjahren bildet sich zudem das Geruchsgedächtnis aus.

Und das funktioniert besonders gut: Die Wiedererkennungsrate eines Geruchs bleibt in etwa die gleiche nach drei Sekunden, nach dreißig Sekunden und nach einem Jahr. Das heißt, an einen Geruch, der einmal ins Bewusstsein vorgedrungen ist, werden wir uns wahrscheinlich ein Leben lang erinnern können.

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Schüler lernen mit Duftreiz besser

Nicht umsonst werden Düfte auch in Situationen eingesetzt, bei denen es darum geht, sich an etwas zu erinnern. Eine angehende Lehrerin in Freiburg untersuchte kürzlich in einer Ministudie, wie Duft und Lernleistung miteinander verknüpft sind. 54 Schüler aus zwei sechsten Klassen ließ sie im Schulalltag über vier Wochen Englischvokabeln lernen.

Am Ende der ersten Woche schrieben die Kinder einen Test. Eine Gruppe von ihnen hatte eine Woche während des Lernens und eine Woche zusätzlich während des Schlafens ein Rosenduftstäbchen neben sich stehen, die andere Gruppe lernte komplett ohne Duftreiz.

Das Ergebnis: Wer in der Duftgruppe war, erinnerte sich bei der Abfrage an 30 Prozent mehr Vokabelpaare. Zusätzlich erinnerten sich die Kinder immer dann besonders gut an die Vokabeln, wenn sie den Rosenduft auch beim Abfragen während des Tests riechen konnten.

Geruchssinn lässt sich trainieren

Im Vorteil ist dabei, wer den besseren Riecher hat. Untersuchungen zeigen: Menschen, die weniger Gerüche wahrnehmen können, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit zu sterben als solche mit einem besseren Geruchssinn.

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Die gute Nachricht: Der Geruchssinn lässt sich trainieren – am besten mit eher unbekannten Gerüchen, also beispielsweise selten genutzten Gewürzen, Trockenblumen oder Trockenobst. Zwei- bis dreimal schnuppern pro Tag reicht schon aus, um die eigene Riechleistung deutlich zu steigern.

Was Geruch und Nase in Redewendungen zu bedeuten haben

Geruchsinformationen gelangen über Nervenbahnen zum Hypothalamus und zum limbischen System. Diese Hirnareale spielen für Gefühle und Triebe des Menschen eine große Rolle. Viele Sprach- und Redewendungen verweisen auf den engen Zusammenhang.

  • Jemanden gut riechen können: Jeder Mensch sondert Duftmoleküle ab, die Informationen über das genetische Profil und das Immunsystem enthalten. Laut Studien suchen sich Frauen häufig Männer aus, deren Geruchsprofil sich stark vom eigenen unterscheidet. Unterschiedliche Erbanlagen erhöhen für die Nachkommen die Chancen, gut mit Krankheiten klarzukommen.
  • Etwas ist anrüchig: Genauso kann es zum Himmel stinken oder erstunken und erlogen sein. Anders gesagt: Es liegt etwas in der Luft. Oft sprechen wir in so einem Moment von unserem Bauchgefühl, tatsächlich werden wir aber wohl von der Nase geleitet. Vielleicht führt unser Gegenüber etwas im Schilde und ist darum besonders angespannt. Sein Körpergeruch warnt uns dann unbewusst vor Gefahr.
  • Ein feines Näschen haben: Ein Gespür für Dinge haben, die vor sich gehen, unausgesprochene Schwingungen wahrnehmen – auch das ist ein Fall für die Nase, die so etwas einfach riechen kann. Untersuchungen zeigen: Wer einen ausgeprägten Gesuchsinn hat, ist dadurch empathischer und feinfühliger als andere Menschen.
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