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Fehlende Vorwarnung oder mangelnde Umsetzung? Wo die Warnkette ins Stocken geriet

  • Der Deutsche Wetterdienst war bereits Tage vor dem Unwetter wegen dessen Heftigkeit alarmiert.
  • Wieso wurden die Menschen trotzdem von der Flutkatastrophe überrascht?
  • Ein Blick auf die behördliche Infrastruktur des Katastrophenschutzes zeigt, an welchen Stellen noch nachjustiert werden muss.
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Eigentlich steht in Deutschland die behördliche Infrastruktur für den Katastrophenfall. Und trotzdem berichten die von den Wassermassen Getroffenen im Westen Deutschlands, dass nichts auf die sich anbahnende Hochwasserkatastrophe hingewiesen habe – oder wenn doch, dann zumindest nicht ausreichend.

„Wir waren überhaupt nicht auf die Situation vorbereitet“, berichtete dem RND etwa Ulrike Gröger (63), die nur wenige Autominuten von dem besonders stark vom Hochwasser getroffenen Kreis Ahrweiler entfernt lebt und die Fluten vor Ort mitbekommen hat.

Dabei gibt es den bundesweit zuständigen Deutschen Wetterdienst (DWD), der den gesetzlichen Auftrag hat, die breite Öffentlichkeit und die regionalen Einsatzbehörden, Landräte und Bürgermeister mit wichtigen Hinweisen zur aktuellen Wettersituation zu versorgen. Es gibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, das mit seinem Modularen Warnsystem (MoWaS) verschiedene Kommunikationskanäle nutzt, um zu warnen – etwa mittels der Warnapp Nina und Medieninformationen.

Es gibt die Hochwasserzentralen der einzelnen Bundesländer, die tagesaktuell Pegelstände für die Kreise berechnen, und den Katastrophenschutz, der Ländersache ist. Und die regionalen Katastrophenleitstellen, welche im Fall der Fälle die Einsätze der Feuerwehr koordinieren. Tritt der Ernstfall ein, wird also von unten nach oben geplant.

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Unwetterkatastrophe: Hat die Warnkette funktioniert?

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Die Unwetterwarnungen für den Westen Deutschlands gab es frühzeitig – sogar im Ausland. „Es ist unglaublich frustrierend“, sagte Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der britischen Universität Reading gegenüber ZDF heute. „Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht.“ Alle notwendigen Warnmeldungen seien herausgegangen, betont die Wissenschaftlerin, die auf noch ein weiteres Warnsystem verweist: das Europäische Flutwarnsystem EFAS (European Flood Awareness System). „Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind.“

Auch das Ausmaß des Starkregens speziell im Westen Deutschlands wurde schon Tage vorher prognostiziert. „Wir als Meteorologen waren nicht überrascht“, sagte Andreas Friedrich, Tornado-Beauftragter und Sprecher vom Deutschen Wetterdienst (DWD), im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die Behörde habe sehr gute Modellvorhersagen vorliegen gehabt und bereits am Montagmorgen (Anm. der Red.: 12. Juli) der vergangenen Woche eine erste Unwettervorabinformation herausgegeben.

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Darin sei festgehalten worden, dass ab Donnerstag in den westlichen Gebieten Deutschlands bis zu 200 Liter Regen fallen kann. „Am Dienstag haben wir dann nach einer Bestätigung durch die Modelle eine extreme Unwetterwarnung herausgegeben – genau für die Regionen, die nun auch wirklich stark betroffen sind“, berichtete Friedrich. Das lässt sich nachträglich auch in den sozialen Netzwerken nachvollziehen, etwa anhand dieser Meldung vom vergangenen Dienstag bei Twitter:

Die Vorhersageexperten arbeiteten mit etwa 100 verschiedenen Simulationen ihrer unterschiedlichen Rechenmodelle – „und die haben im Prinzip mehrheitlich ziemlich sicher auf den Westen Deutschlands gezielt für den Zeitraum Nacht von Mittwoch auf Donnerstag“, bestätigt auch Franz-Josef Molé, Leiter des Deutschen Wetterdienstes, gegenüber dpa.

Man habe nicht nur vor Starkregen gewarnt, sondern vor Dauerregen, betont Molé. „Normalerweise ist den Wasserverbänden klar, dass das die schlimmste Lage ist, die man im Sommer haben kann – Starkregenfälle eingebettet in ein Dauerregengebiet.“ Die Niederschlagsmengen seien so exorbitant hoch gewesen, dass die Orte eigentlich gar nicht hätten geschützt werden können.

Gemeinden und Kreise entscheiden über Evakuierungen

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Sprich: Aufgerissene Straßen, überflutete Gemeinden, zerstörte Häuser – all das hätte auf die Schnelle trotz Warnungen nicht gerettet werden können. Trotzdem steht der Vorwurf im Raum, dass sich mehr Menschen zumindest in Sicherheit hätten bringen können. Laut DWD-Sprecher Friedrich bekommen die Katastrophenleitstellen vom DWD die Wetterwarnungen für ihre entsprechenden Gemeinden und Landkreise direkt zugespielt und setzten dann ihre Krisenstäbe ein. „Dort wird entschieden, ob beispielsweise evakuiert wird“, erläutert Friedrich das Vorgehen. Die Hochwasserzentralen in den einzelnen Bundesländern berechneten auf Basis der DWD-Modelle die Pegel für die Flüsse.

Zwar haben auch Apps wie Nina und Katwarn gewarnt. Holger Schüttrumpf, Professor für Wasserbau an der RWTH Aachen, gibt jedoch zu bedenken, dass mithilfe der Warnapps nicht alle Menschen erreicht werden könnten. „Wir müssen unterschiedliche Wege der Warnungen finden“, betonte der Hochwasserexperte gegenüber dem RND. Er war selbst im Katastrophengebiet unterwegs, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Die Strömungsgeschwindigkeiten seien so hoch gewesen, „selbst der Weltrekordhalter im 100-Meter-Schwimmen wäre nicht in der Lage gewesen, gegen sie anzukommen“. In den vergangenen Wochen habe es bereits stark geregnet, die Böden seien vermutlich schon gesättigt gewesen. „Und dann kamen die großen Wassermengen aus dem Mittelgebirge hinzu“, erklärt der Experte. Dort gebe es kaum Deiche und Talsperren, und nur vereinzelte Hochwasserrückhaltebecken, sodass die Wassermassen ungehindert in die Städte strömen konnten.

Haben die Verantwortlichen vor Ort also nicht rechtzeitig begriffen, welche starken Überschwemmungen durch so viel Regen punktuell in einem Gebiet entstehen können? Zumindest Marcus Beyer, der als Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst arbeitet, stellt die Relevanz der Unwetterwarnungen infrage. „Trotz des Vorlaufes konnten so viel Menschen nicht geschützt werden und mussten sterben“, schrieb er am vergangenen Donnerstag in seinem Twitter-Kanal. „Ich möchte niemanden anklagen, ich möchte nur verstehen, warum. Was sind die Warnungen wert, wenn dann doch so viele Menschen sterben? Hätte man im Vorfeld anders reagieren können, wo man doch wusste, was kommt? War das überhaupt zu verhindern?“

Der Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Armin Schuster, wies Kritik zuletzt von sich. „Unsere Warninfrastruktur hat geklappt im Bund“, betonte er im „heute-journal“ des ZDF. „Der Deutsche Wetterdienst hat relativ gut gewarnt.“ Das Problem sei, dass man oft eine halbe Stunde vorher noch nicht sagen könne, welchen Ort es mit welcher Regenmenge treffen werde. Es seien 150 Warnmeldungen über die Warnapps und Medien ausgesendet worden. Schuster verwies darauf, dass die Warnapp Nina des BBK neun Millionen Nutzer habe.

Sirenenwarnsystem muss wieder ausgebaut werden

Eine Schwachstelle hat das BBK inzwischen aber ausgemacht: Nur ein Teil der Bevölkerung wurde mit Sirenengeheul alarmiert. Seit Anfang der 1990er wurde das Sirenennetz in Deutschland aus Kostengründen und durch den Wegfall der Warnämter des Zivilschutz-Warndienstes stark verkleinert. Man wollte die Bevölkerung lieber per Rundfunk statt per Sirene warnen. Bis dato verfügte Deutschland über ein gut ausgebautes Netz, das über 80.000 Sirenen zählte. Eine BKK-Befragung von 2015 ergab hingegen, dass nur noch 15.000 Sirenen im Einsatz sind. Neuere Daten gibt es nicht.

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Katastrophengebiet: Merkel und Dreyer versprechen schnelle Hilfe
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Bundeskanzlerin Angela Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer zu Besuch im Katastrophengebiet in Schuld in Rheinland-Pfalz.  © Reuters

Dass Deutschland somit also kein flächendeckendes System zur Alarmierung der Bevölkerung mehr hat, zeigte sich zuletzt auch im September 2020, als erstmals ein bundesweiter „Warntag“ stattfand. Die Kommunen sollten sämtliche Warnmittel zur selben Uhrzeit erproben. Viele Ortschaften konnten sich allerdings nicht beteiligen – weil es schlicht keine ausreichende Sirenentechnik mehr gab.

Der Bund wolle den Ländern nun beim Aufbau und der Ertüchtigung von Sirenen helfen, berichtete Schuster am Montag im Deutschlandfunk. Mit einem Förderprogramm in Höhe von 90 Millionen Euro sollen gemeinsam mit den Bundesländern „an den richtigen Stellen“ wieder Sirenen installiert werden. Allerdings brauche es einen Warnmittelmix aus verschiedenen Methoden, auch rein digitale Warnungen seien nicht der richtige Weg. Dafür brauche es mehr Geld, und die Umsetzung werde Zeit in Anspruch nehmen.

Es müsse auch im Radio und Fernsehen vor potenziellen Überschwemmungen gewarnt werden, oder indem Leute von Haus zu Haus gehen. Schüttrumpf beobachtet zudem, dass die Warnungen der Apps oftmals nicht ernst genommen werden. Dabei sei es wichtig, dass sich jede und jeder rechtzeitig auf Überflutungen vorbereite, zum Beispiel indem er oder sie Sandsäcke, Pumpen oder Generatoren organisiere.

Katastrophenschutz in Deutschland: keine zentrale Verantwortung

  • Wenn Überschwemmungen drohen oder der Wald brennt, wenn giftige Dämpfe aus einer Industrieanlage entweichen oder eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft wird, ist die Bewältigung der Situation Aufgabe der Länder und Kommunen.
  • Wie sie diese Aufgaben im Einzelnen erfüllen, regeln die Landesgesetze zum Brand- und Katastrophenschutz. Hier gibt es zum Teil Unterschiede.
  • Wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen, können die Länder Unterstützung vom Bund erhalten, etwa von der Bundespolizei, von der Bundeswehr oder vom Technischen Hilfswerk (THW). Das BBK stellt den Ländern und Kommunen zudem mit der Warnapp Nina eine Plattform zur Verfügung, über die sie Warnmeldungen an die Bürger in ihrer Region schicken können.
  • Über den Deutschen Wetterdienst, der dem Bundesverkehrsministerium untersteht, und das gemeinsame Hochwasserportal der Länder erhalten die öffentlich-rechtlichen Medien sowie alle Landräte und Bürgermeister Informationen über heraufziehende Unwetter und Hochwassergefahren. Auf dieser Grundlage müssen die Verantwortlichen in Kreisen und kreisfreien Städten als Untere Katastrophenschutzbehörden dann entscheiden, wann, auf welchem Wege und mit welchen Handlungsempfehlungen sie die Bevölkerung auf Gefahren hinweisen.
  • Auch die Entscheidung darüber, welche lokal verfügbaren Einsatzkräfte – etwa der Feuerwehr – in Bewegung gesetzt werden und ob zusätzliche Kräfte aus anderen Landesteilen angefordert werden, wird hier getroffen.
  • Die Obere Katastrophenschutzbehörde gehört zu den jeweiligen Landesinnenministerien. Sie ist in größeren Schadenslagen Ansprechpartner für die Landräte und kann über das beim BBK angesiedelte Gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern zusätzliche Hilfe aus anderen Ländern anfordern.

Mit Material von dpa

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