Verhaltensregeln bei Hochwasserkatastrophe: Wie für kommende Unwetter schützen?

  • Heftige Regenfälle haben zahlreiche Regionen in Deutschland unter Wasser gesetzt – von einem Jahrhunderthochwasser ist die Rede.
  • In Zukunft könnte es häufiger zu stärkeren Überschwemmungen kommen.
  • Welche Schutzmaßnahmen sollten für kommende Unwetter ergriffen werden?
Kristina Auer
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Überflutete Straßen, eingestürzte Häuser, Schlammlawinen, Rettungskräfte, die in Booten versuchen, Menschen aus den Trümmern zu retten – in weiten Teilen Deutschlands haben heftige Regenschauer ein Bild der Verwüstung angerichtet. Aus kleinen Flüssen wurden innerhalb kürzester Zeit reißende Ströme, es kam zu einem Jahrhunderthochwasser. Doch wieso?

„Es ist ein sehr lang anhaltendes, ausdauerndes Regengebiet“, sagt Holger Schüttrumpf, Professor für Wasserbau an der RWTH Aachen. „In den vergangenen Wochen hat es bereits stark geregnet, das heißt, die Böden waren vermutlich schon gesättigt. Und dann kamen die großen Wassermengen aus dem Mittelgebirge hinzu.“ Dort gebe es kaum Deiche und Talsperren und nur vereinzelte Hochwasserrückhaltebecken, sodass die Wassermassen ungehindert in die Städte strömen konnten.

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Dutzende Menschen werden bis heute vermisst – oder sind gestorben. „Viele sind von den Fluten überrascht worden“, sagt Schüttrumpf, der selbst vor Ort war, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Die Strömungsgeschwindigkeiten seien so hoch gewesen, „selbst der Weltrekordhalter im 100-Meter-Schwimmen wäre nicht in der Lage gewesen, gegen sie anzukommen“. Oftmals sind die Menschen einem Hochwasserereignis hilflos ausgesetzt. Doch es gibt Möglichkeiten, um sich halbwegs zu schützen.

Unwetter-Warnapps

Zur Warnung vor Unwettern, Hochwasser und anderen Gefahren sind beispielsweise Warnapps für das Smartphone entwickelt worden. Sie bieten unterschiedliche Informationen und Funktionen. Die vier bekanntesten Warnapps in Deutschland sind Warnwetter, Nina, Katwarn und Biwapp:

Name der App Preis Systeme Funktionen
Warnwetter kostenlose Version
Vollversion: 1,99 Euro
Android, iOS, Windows Deutschlandkarte mit Unwettersituation, Warnung vor Hochwasser, Sturmflut und Lawinen, Küstenwarnungen, Prognose zu Zugbahnen von Gewittern, konfigurierbare Alarmierungsfunktionen
Vollversion: Werte und Voraussagen zu Niederschlag, Wind, Blitzen
Nina kostenlos Android, iOS Amtliche Gefahrenmeldungen für abonnierte Orte, Standortwarnungen, Corona-Informationen, Handlungsempfehlungen und Kontaktstellen
Biwapp kostenlos Android, iOS Amtliche Gefahrenmeldungen, Standortwarnungen, Unwettermeldungen des DWD, Informationen zu Straßensperrungen, Bombenentschärfungen, Schulausfällen
Katwarn kostenlos Android, iOS, Huawei Deutschlandweite Warnübersicht, ortsbezogene Warnungen, Weiterleiten und Teilen von Warnungen
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Warnwetter

Die App des Deutschen Wetterdienstes versorgt auch die Einsatzkräfte im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz mit Informationen zu Warn- und Wettersituationen. Auf der nach Gefahrenlage eingefärbten Deutschlandkarte kann die Unwettersituation schnell erfasst werden. Die App beinhaltet Warnungen vor Hochwasser, Sturmflut und Lawinen sowie Küstenwarnungen. Über einen Warnmonitor werden zudem die prognostizierten Zugbahnen von Gewitterzellen angezeigt.

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Bis auf Gemeindeebene informiert die App über die Warnlage in Deutschland. Eine Alarmierungsfunktion per Pushnachricht kann für bestimmte Orte konfiguriert werden. Wer die Ortungsfunktion aktiviert, kann sich zudem vor Unwetterereignissen wie Gewitter, Schnee oder Glätte vor Ort warnen lassen.

Die kostenpflichtige Vollversion bietet außerdem aktuelle Werte und Voraussagen zu Niederschlägen, Wind, Temperaturen und eine Blitzortung.

Nina

Die Notfall-Informations- und Nachrichten-App Nina ist ein Angebot des Bundes und informiert in unterschiedlichen Gefahrenlagen über Warnmeldungen des Bevölkerungsschutzes. Dazu zählen Wetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes und Hochwassermeldungen der Bundesländer, aber auch Informationen über Großbrände oder die Ausbreitung von Gefahrenstoffen. In der Corona-Pandemie wurde die App außerdem um Informationen zu Infektionszahlen oder regionalen Maßnahmen erweitert.

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Video
Scholz: Bund bereitet Hochwasserhilfen vor
1:19 min
Das Ausmaß des verheerenden Unwetters in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wird nach und nach sichtbar. Finanzminister Scholz sicherte Hilfen zu.  © Reuters

Die wichtigste Funktion der Nina-App ist die Übermittlung von amtlichen Gefahrenmeldungen. Nutzerinnen und Nutzer können verschiedene Orte abonnieren, für die sie gewarnt werden möchten. Wer möchte, kann auch seinen Standort übermitteln und so standortbezogene Warnungen empfangen.

Im Fall einer Warnung informiert Nina über das Gefahrengebiet, die Warnstufe und gibt Handlungsempfehlungen für die jeweilige Situation. Außerdem werden weitere Informationsquellen wie etwa Bürgerhotlines und hilfreiche Webseiten aufgelistet.

Biwapp

Die Bürger Info- und Warn-App Biwapp wurde von einer Lüneburger Softwarefirma entwickelt. Feuerwehren und Katastrophenschützer waren an der Entwicklung beteiligt. Biwapp wird von vielen Kommunen genutzt, um Bürgerinnen und Bürger vor Risiken und regionalen Einschränkungen zu warnen. Über das Programm werden Katastrophenwarnungen von Behörden, Gemeinden oder Städten versendet. Auch Meldungen des Deutschen Wetterdienstes sind in die App integriert.

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Auch Biwapp bietet eine standortbezogene Warnfunktion und kann für verschiedene Orte konfiguriert werden. Über Katastrophenwarnungen hinaus bietet die App außerdem zusätzliche Informationen, etwa über Straßensperrungen, Brände oder Schulausfälle. Dabei lässt sich einstellen, zu welchen Themen man aktuell informiert werden möchte. Der Fokus der App liegt nicht ausschließlich auf Katastrophen, sondern auf häufiger auftretenden, besonderen Situationen.

Katwarn

Katwarn ist das Katastrophenwarnsystem des Fraunhofer-Instituts und wurde im Auftrag der öffentlichen Versicherer entwickelt. Die App leitet offizielle Warnungen deutschlandweit oder gefiltert nach betroffenen Regionen weiter. Außerdem werden über die Anwendung Handlungsempfehlungen bereitgestellt.

Auch Katwarn bietet die Möglichkeit, Orte zu abonnieren und standortbezogene Warnungen zu aktivieren. Wer kein Smartphone hat, kann Kartwarn auch als SMS- oder E-Mail-Dienst für eine bestimmte Postleitzahl abonnieren. Auf diesem Weg ist aber nur ein Teil der Warnungen erhältlich.

Über amtliche Gefahrenmeldungen hinaus bietet die App außerdem frei wählbare Themenabos an, etwa zu Produktrückrufen.

Hochwasserexperte: „Wir müssen unterschiedliche Wege der Warnungen finden“

Von den Apps Nina und Katwarn weiß Schüttrumpf, dass sie rechtzeitig gewarnt haben. Auch er wurde auf seinem Smartphone über die Unwetterlage informiert. Er gibt jedoch zu bedenken, dass mithilfe der Warnapps nicht alle Menschen erreicht werden können. „Wir müssen unterschiedliche Wege der Warnungen finden“, sagt der Hochwasserexperte.

Es müsse auch im Radio und Fernsehen vor potenziellen Überschwemmungen gewarnt werden, oder indem Leute von Haus zu Haus gehen. Schüttrumpf beobachtet zudem, dass die Warnungen der Apps oftmals nicht ernst genommen werden. Dabei sei es wichtig, dass sich jede und jeder rechtzeitig auf Überflutungen vorbereite, zum Beispiel indem er oder sie Sandsäcke, Pumpen oder Generatoren organisiere.

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Augenzeuge über Hochwasser: „Zum Packen blieb keine Zeit mehr“
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Im nordrhein-westfälischen Blessem in Erftstadt bei sind mehrere Häuser von den Wassermassen mitgerissen worden.  © RND/Thorsten Fuchs

Diese Tipps gibt auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) auf seiner Internetseite. Ferner empfiehlt die Behörde, wertvolle Möbel, Gegenstände oder Computer in höheren Stockwerken aufzubewahren, sowie Heizöltanks gegen Auftrieb zu sichern, indem sie in der Wand verankert und mit Ballast beschwert werden.

Im Haus sollten bei einer drohenden Überschwemmung zunächst Kellerräume geräumt werden, in die Grundwasser hineinlaufen kann. Prof. Helmut Grüning, Experte für Wasserversorgung und Entwässerungstechnik an der FH Münster, rät, grundsätzlich keinen wertvollen Hausrat im Keller zu lagern. „Bei Überflutungen können Kellerräume innerhalb von Sekunden volllaufen“, sagt er. Türen lassen sich dann nicht mehr öffnen. Deshalb warnt der Experte: „Bei Überflutungen dürfen Kellerräume nicht betreten werden!“ Das kann lebensgefährlich sein. Zumal die Gefahr besteht, dass Menschen einen Stromschlag erleiden, wenn sich im Keller Elektroleitungen befinden.

Grüning weist darauf hin, dass druckdichte Türen und Kellerfenster dabei helfen können, dass Eindringen von Oberflächenabflüssen zu verhindern. Eine Rückstausicherung kann zudem den Rückstau aus der Kanalisation unterbinden.

Bei extremem Hochwasser: Nicht im Haus bleiben!

Wer im Auto unterwegs ist, sollte frühzeitig gefährdete Parkplätze oder Garagen verlassen, rät das BBK. Vor allem in Tiefgaragen kann bei Hochwasser schnell Lebensgefahr entstehen. Auch durch überflutete Straßen zu fahren, ist nicht zu empfehlen. Das Wasser kann im Motorraum schwere Schäden verursachen. Wenn das Fahrzeug bis über die Räder im Wasser steht, sollte man sich besser abschleppen lassen.

Droht ein extremes Hochwasser, gibt es nur einen Weg, um sich zu schützen: „Dann sollte man sich nicht aufs Dach oder ins Obergeschoss retten, sondern wirklich das Gebäude verlassen und wegfahren, am besten zum nächsthöheren Berg“, sagt Schüttrumpf. „Was man gar nicht machen sollte: Wenn das Wasser am Gebäude steht, dortbleiben. Denn das Wasser hat eine gewaltige Kraft, die die Häuser zum Einstürzen bringen kann.“

Schüttrumpf: „Hochwasserschutz konsequenter umsetzen“

Schüttrumpf ist überzeugt, dass es in den kommenden Jahren immer wieder zu derartigen Naturkatastrophen kommen wird. „Wir werden uns nie hundertprozentig schützen können“, sagt er. „Was wir verbessern müssen, sind zum einen die Frühwarnsysteme. Zum anderen muss der Hochwasserschutz konsequenter umgesetzt werden.“

Sein Münsteraner Kollege Grüning stellt in diesem Zusammenhang ganz konkrete Forderungen: „Gewässer müssen sich ausbreiten können, damit Hochwasserschwellen abgeflacht werden. Dazu müssen Deiche zurückgebaut werden, um dem Gewässer Platz zu lassen.“ Das Problem: In der Vergangenheit wurden Flüsse begradigt, wodurch sich die Fließgeschwindigkeiten erhöhen. „Gewässer müssen im Einklang mit der Natur gestaltet werden“, sagt er. „Hier ist künftig noch eine Menge zu tun.“

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