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Hochwasserdebatte: THW-Vizepräsidentin warnt davor, „jetzt von Versagen zu sprechen und Schuldige zu suchen“

  • Vermisste suchen, Wasser abpumpen, räumen: Die Helferinnen und Helfer vom Technischen Hilfswerk (THW) sind noch stark im Katastrophengebiet eingebunden.
  • Es könne Wochen dauern, bis die Trinkwasserversorgung mancherorts wieder funktioniert, sagt THW-Vizepräsidentin Sabine Lackner im RND-Gespräch.
  • Eine Schulddebatte zum Katastrophenschutz hält sie für unglücklich.
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Die Lage in den von Unwetter und Hochwasser stark getroffenen Gebieten im Westen Deutschlands bleibt auch Tage nach den Überflutungen sehr angespannt. Sabine Lackner, Vorsitzende des Technischen Hilswerks, berichtet von den Herausforderungen für die Helferinnen und Helfer vor Ort, wie Trinkwasserversorgung trotz kaputter Leitungen funktionieren kann – und wieso sie für ein breiteres Spektrum an Warnungen und Systemen plädiert.

Frau Lackner, was geht Ihnen als Vizepräsidentin des Technischen Hilfswerks (THW) in diesen Tagen besonders durch den Kopf?

Sabine Lackner: Ich denke an die vielen selbst von der Katastrophe getroffenen THW-Helferinnen und Helfer. Viele von ihnen haben beispielsweise auf dem Weg zum Dienst selbst ihre Fahrzeuge verloren. Auch Mitglieder im Koordinierungsstab sind von starken materiellen Schäden betroffen, haben Angehörige, die noch mit den Folgen des Hochwassers kämpfen, oder noch schlimmer, selbst zu Schaden gekommen sind. Alle arbeiten gerade an ihren Kapazitätsgrenzen. Das ist schon eine ziemliche Herausforderung.

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Sabine Lackner ist seit April 2020 Vizepräsidentin des Technischen Hilfswerk (THW). © Quelle: THW

Wann war Ihnen klar, dass die Hochwasserkatastrophe ein größerer Einsatz für das THW wird?

Das war Donnerstagfrüh klar. Da haben wir dann auch direkt den THW-Koordinierungsstab in Köln-Bonn einberufen. Über Nacht sind die Pegel einfach dermaßen hochgeschnellt – und zwar nicht die sonst üblichen. Wir kennen so was von den großen Flüssen wie Rhein und Mosel. Hier waren es aber zum Teil Rinnsale, kleine Bäche, die sich in kürzester Zeit in reißende Ströme verwandelt haben. So etwas haben die Gemeinden im Westen von Deutschland vorher noch nicht erlebt.

Wie viele THW-Helferinnen und Helfer sind aktuell im Hochwassergebiet im Einsatz?

Als Bundesorganisation bringen wir all unsere Ausstattung und Kompetenzen ein. Rund 3000 Helferinnen und Helfer sind aktuell im Einsatz, knapp die Hälfte davon als Ehrenamtliche aus den Ortsverbänden. Von 668 Ortsverbänden bundesweit sind aktuell 310 aus allen acht THW-Landesverbänden zur Unterstützung nach Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gekommen.

Und was sind gerade die wichtigsten Aufgaben der Hilfskräfte?

Man darf nicht vergessen, dass mehr oder weniger alle Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger vor Ort persönlich vom Hochwasser betroffen sind. Wir beraten deshalb die örtlichen Krisenstäbe. Wir räumen die Verkehrswege, das hat gerade oberste Priorität. An der Steinbachtalsperre, wo ein Dammbruch zu befürchten war, haben wir zum Beispiel die Feuerwehr unterstützt. Zusammen mit der Feuerwehr pumpen wir 110.000 Liter Wasser die Minute dort ab, um den drohenden Dammbruch zu verhindern.

Wir haben auch Sandsäcke verbaut. Da braucht es Leute, die speziell geschult sind. Es reicht nicht aus, die irgendwie zu schichten. Und wir verpflegen von der Versorgung abgeschnittene Menschen mit Strom und Trinkwasser – insbesondere in Krankenhäusern und Pflegeheimen.

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Wie viele Menschen müssen akut versorgt werden – und wie funktioniert das, wenn die Leitungen zerstört wurden?

Die Lage ist lokal sehr unterschiedlich. Bei manchen Haushalten ist nur drei Tage der Strom weg. Bei anderen kann es noch einige Wochen dauern, bis die Trinkwasserversorgung wieder funktioniert. Wir werden die Infrastruktur solange unterstützen, bis die eigentlichen Strom, Trink- und Abwassersysteme wieder funktionieren.

Wir bereiten zum Beispiel Trinkwasser auf und verteilen das direkt mit mobilen Tankwagen an die Bevölkerung. Es gibt auch noch Ortschaften, die komplett eingeschlossen sind. Die werden per Luft über Helikopter mit bereits abgefüllten Wassertanks versorgt.

Suchen Sie auch noch nach Vermissten?

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Wir suchen aktuell noch nach Vermissten, etwa beim Räumen der Wege oder Auspumpen der Keller. Bundespolizei und Feuerwehr setzen zur Suche in Gewässern zusätzlich Bergungstaucher ein. Zu diesem Zeitpunkt ist es aber leider sehr wahrscheinlich, dass man Opfer nur noch bergen kann, nicht mehr retten.

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Nach der Hochwasserkatastrophe hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag Bad Münstereifel besucht.  © Reuters

Viele Menschen haben berichtet, dass sie das Ausmaß der Überschwemmungen nicht haben kommen sehen. Hätte man die Todesfälle verhindern können?

Ich warne eindringlich davor, jetzt von Versagen zu sprechen und Schuldige zu suchen. Natürlich werden wir die Abläufe aufarbeiten müssen. Aber ich finde diese Debatte drei bis vier Tage nach der Katastrophe unglücklich. Nach wie vor stehen viele Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. Nach wie vor laufen viele Maßnahmen der Unterstützung. Es braucht für diese Debatte Ruhe – und auch die Expertinnen und Experten. Die sind aber aktuell noch größtenteils in den Überschwemmungsgebieten eingesetzt.

Den Ausbau der Krisenkommunikation hat sich die Politik bereits vorgenommen. Was empfehlen Sie als Hilfsorganisation von der Basis?

Wir sind im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz dezentral grundsätzlich gut aufgestellt, sollten aber noch näher zusammenrücken. Und ganz wichtig: Es braucht ein breiteres Spektrum an Warnungen und Systemen. Den Mobilfunkdienst Cell-Broadcast zum Versenden von Warn-SMS an alle Nutzer und Nutzerinnen, deren Handys an einem Funkmast eingebucht sind, kann ich mir gut vorstellen.

Ich plädiere aber auch dafür, vermeintlich Altmodisches wieder aufleben zu lassen. Wir haben in dieser Situation gesehen: Auch die Technik ist endlich. Wenn Handynetze, Telefone und Strom ausfallen, nützt auch die Warnapp nichts mehr. Und dann bricht die Warnkette zusammen.

Zumal auch nicht alle Menschen ein Smartphone besitzen …

Man sollte sich nicht wundern, wie viele jung gebliebene Ältere inzwischen auch ein Smartphone haben, nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie. Aber, um mal bei der aktuellen Tragödie zu bleiben: Das ist rasend schnell gegangen. Wenn ich das Wasser schon rauschen höre oder es sogar schon in meinem Keller steht – schaue ich dann wirklich noch auf mein Handy? Wenn es ernst wird, will ich vielleicht eher noch ein paar Habseligkeiten retten, statt den Stand der Dinge bei den Warnungen zu verfolgen.

Für welche zusätzlichen Warnsysteme sprechen Sie sich aus?

Wieso nicht mit Lautsprechern vor Ort auf den Straßen warnen, wie zum Beispiel auch bei einem Bombenfund? Auch viele Sirenen sind in den letzten Jahren abgeschafft worden, die braucht es. Und die Bevölkerung sollte auch wieder die Warntöne unterscheiden können.

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