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Vierter Fall weltweit: weitere Patientin offenbar von HIV-Infektion geheilt

Bei einer vormals HIV-positiven Patientin ist nach einer antiretroviralen Therapie kein HIV-Erbgut mehr gefunden worden.

Amerikanische Medizinerinnen und Mediziner haben einen weiteren Fall entdeckt, bei dem eine Heilung von einer HIV-Infektion sehr wahrscheinlich ist. Normalerweise bleiben HI-Viren nach der Infektion lebenslang im Körper und können nur durch eine antiretrovirale Therapie (ART) in Schach gehalten werden, damit sie nicht Aids auslösen. Bei der jetzt beschriebenen Esperanza-Patientin, benannt nach ihrem Heimatort in Argentinien, konnte jedoch nur ein bruchstückhafter genetischer Code von HI-Viren festgestellt werden. Die Studie einer Forschungsgruppe um Xu Yu von der Harvard Medical School in Boston (Massachusetts, USA) ist im Fachjournal „Annals of Internal Medicine“ erschienen.

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Bis 2019 gab es nur einen Menschen, der weltweit als von HIV geheilt galt: den Amerikaner Timothy Brown, den Berliner Patienten. Er hatte sich 1995 während seines Studiums in Berlin mit HIV angesteckt. Wegen einer Leukämieerkrankung erhielt er 2007 und 2008 in Berlin eine Stammzelltherapie – mit Stammzellen einer Spenderin oder eines Spenders wurde sein Immunsystem neu aufgebaut. Da der Stammzellspender oder die Spenderin eine Mutation des Co-Rezeptors CCR5 trug, die eine Infektion mit dem HI-Virus unmöglich macht, war Brown nun auch von HIV geheilt. 2020 berichteten Ärztinnen und Ärzte von einem ähnlichen Fall, dem Londoner Patienten (Adam Castillejo).

Das Team um Yu beschrieb 2020 auch einen anders gelagerten Fall: In der San Franciscoer Patientin fanden die Medizinerinnen und Mediziner trotz Milliarden untersuchter Blut- und Körperzellen keinen funktionsfähigen HIV-Gencode. Ebenso ist es bei der nun beschriebenen Esperanza-Patientin: In 1188 Milliarden Blutzellen fanden die Forscherinnen und Forscher lediglich sieben Sequenzen von HIV-Gencode, die jedoch lückenhaft waren und aus denen kein Virus hervorgehen kann. In 503 Millionen Zellen aus dem Gewebe der Plazenta (Mutterkuchen) war kein HIV-Erbgut zu finden. Die Patientin hatte im März 2020 ein gesundes Kind ohne HIV-Infektion zur Welt gebracht.

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Elite-Controller haben das Virus womöglich vollständig ausgerottet

Bei der Esperanza-Patientin war 2013 eine HIV-Infektion diagnostiziert worden. Ihr Lebenspartner war damals ebenfalls HIV-positiv und starb 2017 an Aids. Die Patientin hatte nur sechs Monate lang während ihrer Schwangerschaft eine ART erhalten. Trotz der umfangreichen Untersuchung der Patientin sind die Wissenschaftler vorsichtig: „Das Fehlen von Beweisen für intakte HIV-1-Proviren in einer großen Anzahl von Zellen ist kein Beweis für das Fehlen einer HIV-1-Infektion; eine sterilisierende Heilung von HIV-1 kann empirisch nie nachgewiesen werden“, schreiben sie in der Studie.

Yu und Kollegen spürten die Patientin bei der Untersuchung sogenannter Elite-Controller auf – das sind Patientinnen und Patienten, die das Virus in der Regel ohne Medikamente in Schach halten können. In einem Editorial in derselben Fachjournal-Ausgabe schreibt Joel Blankson von Johns Hopkins Medicine in Baltimore (Maryland, USA): „Warum ist das spannend? Es deutet darauf hin, dass einige Elite-Controller möglicherweise über die reine Kontrolle des Virus hinausgegangen sind und es stattdessen geschafft haben, es auszurotten.“ Wie dies genau vor sich gegangen sein könnte, ist noch nicht erforscht.

Fall macht keine große Hoffnung auf flächendeckende Behandlungsmöglichkeiten

„Es spricht viel dafür, dass die Patientin geheilt ist“, sagt auch Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft – Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG). Allerdings könnten sich trotz der intensiven Untersuchung noch intakte HIV-Gencodes im Körper der Patientin aufhalten, etwa im Gehirn, im Darm oder in den Lymphknoten. Deshalb sollten mit dem Fall keine falschen Hoffnungen geweckt werden.

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Brockmeyer empfiehlt, HIV-Patientinnen und -Patienten möglichst schnell nach der Infektion zu behandeln, bevor viele Körperreservoire mit Viruscode gefüllt seien. Er plädiert dafür, den Ansatz der sterilisierenden Therapie verstärkt zu verfolgen, und stellt in Aussicht: „Wenn die Mechanismen der körpereigenen HIV-Elimination erkannt werden, könnte dies vielleicht ein Weg zur Heilung von HIV-Patienten werden.“

RND/dpa

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