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Hirnforscher: „Selbst ein ausgeschaltetes Handy beeinträchtigt die Konzentration“

  • Smartphones, Tablets und Computer sind für viele Menschen zu unverzichtbaren Helfern und ständigen Begleitern geworden.
  • Doch die Digitalisierung hat nicht nur positive Auswirkungen auf unser Leben, sagt Martin Korte.
  • Im RND-Interview erklärt der Hirnforscher, warum Multitasking ein Mythos ist und wieso häufiger offline sein unter Umständen intelligenter macht.
Michèle Förster
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In unserem Alltag sind wir ständig von moderner Technik umgeben. Smartphones, Tablets und Computer sind zu unverzichtbaren Helfern geworden. Dass die Digitalisierung jedoch nicht nur positive Auswirkungen auf die Art unseres Denkens und Handelns hat, zeigt die rückläufige Entwicklung des durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ).

Martin Korte ist Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklärt der Hirnforscher, warum auch ein ausgeschaltetes Smartphone unsere Konzentration beeinträchtigt, was in IQ-Tests gemessen wird und wieso im Privatleben stärker zwischen Online- und Offlinemodus unterschieden werden sollte.

Herr Professor Korte, unser durchschnittlicher Intelligenzquotient ist im vergangenen Jahrhundert stetig angestiegen, doch seit einigen Jahren sinkt er. Werden wir also immer dümmer?

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Studien besagen, dass dieser Wert, der sonst alle zehn Jahre um etwa drei bis vier Punkte gestiegen ist, seit der Jahrtausendwende zumindest stagniert hat, wenn nicht sogar leicht gesunken ist. Diese Aussage ist aber nicht für alle entwickelten Länder verallgemeinerbar. In den USA ist in den letzten Jahren interessanterweise sogar ein leichter Anstieg der Intelligenz zu beobachten. Über die Ursachen dafür kann man nur spekulieren.

Aber die Frage ist eher, wieso der IQ im vergangenen Jahrhundert überhaupt gestiegen ist. Der Intelligenzquotient hat eine starke genetische Komponente, man geht von etwa 50 Prozent aus. Da sich die genetische Zusammensetzung der Menschheit in diesem Zeitraum aber kaum geändert hat, kann das kein Grund sein. Am wahrscheinlichsten ist, dass sich der Rückgang von Mangelernährung bei Kindern positiv auf den IQ auswirkt. Ein anderer Aspekt ist die flächendeckende Schulbildung. Denn jedes Jahr, in dem man die Schule länger besucht, wirkt sich auf den IQ aus. Wenn all diese Umweltbedingungen optimal sind, erreicht die Intelligenzentwicklung irgendwann einen Peak. Vielleicht sind wir da angekommen.

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Als Neurobiologe untersuchen Sie die Lern- und Gedächtnisprozesse unseres Gehirns. Können Sie einmal erklären, was Intelligenz eigentlich ist?

Aus wissenschaftlicher Sicht meinen wir mit Intelligenz, was in einem Intelligenztest gemessen wird. Das ist aber schon eine eingeschränkte Sichtweise, denn dabei wird unsere Kreativität nicht vermessen. In den Tests geht es darum, wie schnell und zielgerichtet man Aufgaben lösen und wie gut man sich konzentrieren kann. Es gibt zum Beispiel den statistischen Faktor „g“, mit dem unser Konzentrationsvermögen gemessen wird. Je länger man sich auf eine Aufgabe konzentrieren kann, desto besser das Ergebnis.

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Mit welchen Tests wird die Intelligenz gemessen?

Am bekanntesten ist sicherlich der Wechsler-Test. Er gilt als der ausgewogenste der IQ-Tests und beinhaltet relativ wenige Wissenskomponenten. Das ist ein großer Kritikpunkt bei Intelligenztests, weil sich so Unterschiede, die durch die kulturelle Prägung entstehen, im Testergebnis niederschlagen können.

Martin Korte ist Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die zellulären Grundlagen von Lernen und Gedächtnis. Seine Arbeiten zu den Themen Gedächtnis, Vergessen und Erinnern werden in führenden Wissenschaftsmagazinen publiziert. © Quelle: Johannes Felsch

Häufig werden die IQ-Tests von Kindern im Vorschul- oder Schulalter abgelegt, um festzustellen, ob sie besonders begabt sind. Was messen diese Tests eigentlich?

Was Intelligenztests messen, ist die Geschwindigkeit, mit der man in der Lage ist, einen bestimmten Typ von Aufgaben zu lösen. Diese Aufgaben sind häufig aus den Bereichen Sprache, visuelle Wahrnehmung, Mathematik und räumliche Orientierung. Die Tests vergleichen außerdem immer das Ergebnis eines Kindes mit dem Durchschnitt des Jahrgangs. Dieser Durchschnittswert ist bei 100 festgesetzt. Wenn ein Kind also einen IQ von 130 oder mehr hat, gehört es zu den besten 2 Prozent. Man muss allerdings berücksichtigen, dass der Durchschnittswert jedes Jahr neu berechnet wird. Und bei Kindern unter zehn Jahren sind die Unterschiede in der Entwicklung so groß, dass die Ergebnisse wenig aussagekräftig sind. Einigermaßen vergleichbare Ergebnisse bekommt man etwa ab der Pubertät.

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In unserem Alltag sind wir ständig von Smartphone, Computer und Co. umgeben. Wirkt sich die Digitalisierung auch auf unsere Konzentration aus?

Wenn Menschen digitale Medien verwenden, verbringen sie einen Großteil des Tages im Multitaskingmodus. Oft liegt das Smartphone in Reichweite und vibriert oder blinkt, wenn Nachrichten eingehen. Die meisten Arbeitnehmer in Deutschland reagieren zum Beispiel innerhalb von 40 Sekunden auf Mails. Es gibt eine Reihe von Studien, die zeigen, dass diese ständige Alarmbereitschaft des Gehirns unserem Konzentrationsvermögen nicht guttut. Die Konzentrationsspanne wird kürzer und die Ablenkbarkeit höher. Dies könnte tatsächlich dazu beitragen, dass der IQ in einigen Ländern stagniert.

Das Smartphone ist mittlerweile unverzichtbar geworden: Wir kaufen damit ein, schauen Serien und machen unsere Steuererklärung per App. Was macht diese Dauerpräsenz von digitalen Medien mit unserem Gehirn?

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Wenn man sich eine Stunde auf das Handy konzentriert und es danach ausschaltet, um sich anderen Dingen zu widmen, hat das keinen Effekt auf unser Konzentrationsvermögen. Die digitalen Medien sind also nicht per se das Problem, sondern ihre ständige Präsenz. Denn dadurch muss das Gehirn seine Aufmerksamkeit immer teilen. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass selbst ein ausgeschaltetes Handy in unserem Blickfeld die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt, weil ein Teil unserer Aufmerksamkeit immer dafür reserviert wird.

Das Arbeitsgedächtnis, das sich vor dem Stirnlappen in der rechten Hirnhemisphäre befindet, reguliert, welche Signale vorrangig bearbeitet werden. Gleichzeitig brauchen wir es, um schnell zwischen Aufgaben hin- und herwechseln zu können. Das Problem ist aber, dass die dort ansässigen Nervenzellen endlich sind. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit also auf mehrere Aufgaben aufteilen, führt das dazu, dass wir die Hauptaufgabe langsamer erledigen. Außerdem kommt es zu einer höheren Fehleranfälligkeit.

Was bedeutet das in Bezug auf unsere Intelligenz?

Dadurch, dass unsere Medien überwiegend visuell funktionieren, sind wir in diesem Bereich der Intelligenztests besser geworden. Ein Bereich, in dem wir hingegen schlechter geworden sind, ist die Sprache. Daran sieht man, dass es einen Zusammenhang mit der starken Nutzung von Smartphones und digitalen Medien gibt. Eine Studie zeigt, dass Kleinkinder, die viel Zeit an Bildschirmen verbringen, nicht nur einen kleineren Wortschatz haben und sich schlechter ausdrücken können als Kinder, die sich zum Beispiel viel im Freien bewegen, sondern es lassen sich auch negative strukturelle Veränderungen im Gehirn beobachten.

Aber hier muss man auch differenzieren. Manche der vermeintlichen Auswirkungen von digitalen Medien haben eher damit zu tun, dass die Kinder und Jugendlichen nur noch einer Sache nachgehen – nämlich ihrem Smartphone, vielleicht noch im Wechsel mit der Playstation – und sich eben nicht mehr mit Gleichaltrigen beschäftigen. Diese Konkurrenzsituation ist immer ein Problem für die Hirnentwicklung.

Also sollte man Smartphone und Co. besser aus seinem Leben verbannen?

Auf keinen Fall. Gerade die jüngere Generation definiert sich darüber, über das Smartphone mit anderen zu kommunizieren. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Nutzung digitaler Medien auch einige Vorteile hat. Ich würde mir nur wünschen, dass wir stärker zwischen on- und offline unterscheiden – sowohl im sozialen Kontext als auch beim Lernen oder am Arbeitsplatz – und die Zeiten der Nichtverfügbarkeit erhöhen. Unsere Gehirne sind schlichtweg nicht dafür gemacht, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Und das ist man praktisch immer, wenn man das Smartphone bei sich hat.

Durch Algorithmen, die unsere Gewohnheiten studieren, werden uns bereits viele Entscheidungen abgenommen. Verlernen wir dadurch, selbstständig zu denken?

Das ist auf jeden Fall etwas, das ich mit einer gewissen Sorge betrachte. Unser Arbeitsgedächtnis wird immer dann trainiert, wenn wir selber Entscheidungen treffen und Dinge hinterfragen. Dass man über Suchmaschinen so viele Informationen erhalten kann, ist zwar schön, aber ohne eine kluge Frage zu stellen oder die Fähigkeit, das Material bewerten zu können, ist das nicht viel wert. Allerdings gibt es auch Bereiche, in denen digitale Helfer sinnvoll sind. In der Medizin setzt man beispielsweise schon lange auf künstliche Intelligenz bei der Diagnostik – wohlgemerkt als Hilfestellung und nicht, um dem Arzt die Entscheidung abzunehmen.

Lässt sich unsere Intelligenz denn auch trainieren?

Ja, die lässt sich trainieren. Wunderbar dafür geeignet ist zum Beispiel Lesen, denn mit einer Buchseite hält man sich statistisch drei Minuten auf. Das trainiert nicht nur das Konzentrationsvermögen, sondern auch unsere Empathiefähigkeit, fördert die Fantasie und das räumliche Vorstellungsvermögen. Es gibt also noch Hoffnung!

Was sollte man tun, um die Hirnleistung möglichst lange zu erhalten?

Viele verschiedene Tätigkeiten, denn Gehirne brauchen für ihre Entwicklung auch Sport und Bewegung. Es ist deshalb wichtig, die Nutzung digitaler Medien zeitlich einzuschränken und das Nutzungsverhalten zu reflektieren. Eltern sollten mit ihren Kindern beispielsweise darüber reden, wie diese Medien funktionieren und auch das eigene Verhalten überdenken. Sie könnten sich auch fragen, was ihre Kinder bis zu einem bestimmten Alter erlebt haben sollen: Welche Berge, Seen sollen sie kennengelernt, welche Erfahrungen gemacht haben? Es lohnt sich, sich darüber Gedanken zu machen und die eigenen Prioritäten wieder zu schärfen.

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