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Heuschrecken – die nächste Welle der Plage reift bereits heran

  • Gewaltige Heuschreckenschwärme haben in Ostafrika bereits Verwüstungen angerichtet.
  • Zur explosionsartigen Vermehrung der Tiere trägt der Klimawandel bei.
  • Experten sehen Insektizide als einzige Chance, die Plage in den Griff zu bekommen.
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Garowe. Auf den ersten Blick erscheinen die kleinen Heuschrecken in der staubigen Wüste im Norden von Somalia nicht bedrohlich. Sie können sich nicht messen mit den gewaltigen Schwärmen von Milliarden Tieren, die seit Wochen in Ostafrika riesige Flächen kahl fressen. Aber ihre Zeit wird kommen.

Die noch flügellosen Heuschrecken bilden die nächste Welle der Plage, die mehr als zehn Millionen Menschen in der Region bedroht. Und sie reifen heran in einer der unzugänglichsten Gebiete der Welt. Weite Teile von Somalia und der halbautonomen Region Puntland stehen entweder unter Kontrolle der Extremistengruppe Al-Shabab oder sind damit beschäftigt, die Kämpfer mit Verbindungen zur Al-Kaida abzuwehren. Das macht großflächige Einsätze von Insektiziden, die aus Flugzeugen versprüht werden, schwierig. Diese Mittel sind jedoch nach Einschätzung von Experten die einzige Möglichkeit, die Ausbreitung der Insekten einzudämmen.

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"Schlimmste Heuschreckenplage seit Menschengedenken"

Somalia hat wegen der Heuschrecken bereits den nationalen Notstand ausgerufen. In der ganzen Region bestehe das Risiko, dass sich die Lage zur "schlimmsten Heuschreckenplage seit Menschengedenken entwickelt, wenn wir das Problem nicht schneller angehen, als wir es derzeit tun", erklärt der UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock.

Begleitet von somalischen Soldaten besuchten Experten in der vergangenen Woche die betroffene Wüstengegend und erläuterten die Bedrohung, die von den kleinen Insekten ausgehe, wenn die Welt nicht rasch handele. "Die Welt muss erfahren, dass hier alles beginnt", sagt Alberto Trillo Barca, ein Sprecher der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). "In den kommenden drei bis vier Wochen werden diese Nymphen, wie sie genannt werden, Flügel ausbilden." Dann werden die Tiere wahrscheinlich in die Nachbarländer Kenia und Äthiopien ziehen, wo nur eine Handvoll Flugzeuge wenig gegen die anrückenden Schwärme ausrichten kann.

Per Zyklon gelangten die Tiere nach Somalia

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Klimaexperten verweisen auf ungewöhnlich starke Regenfälle in jüngster Zeit, die den Ausbruch begünstigt hätten. Hinzu kam im Dezember ein Zyklon vor der somalischen Küste, der die Insekten von der Arabischen Halbinsel nach Somalia trug, wo sie nun die Vegetation kahl fressen. In den kommenden Wochen werden weitere Regenfälle erwartet, die Zahl der Tiere könnte um das Fünfhundertfache ansteigen, warnt Dominique Burgeon von der FAO. Aber selbst trockenere Bedingungen, wie sie für gewöhnlich ab Juni herrschen, könnten möglicherweise nicht mehr viel ausrichten. Die Dichte der Tiere sei bereits so hoch, dass selbst die normale Luftfeuchtigkeit ausreiche, um die nächste Generation heranwachsen zu lassen.

"Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Mutter Natur das Problem lösen wird", sagt Burgeon.

Darum gehen Arbeiter in Schutzanzügen und mit Chemikaliencontainern auf dem Rücken über die Felder und bespritzen Tausende Heuschrecken, die in den dornigen Büschen hocken. Die Bedrohung wird wohl nicht verschwinden, denn wenn sich der Indische Ozean weiter erwärmt, steigt das Risiko von Zyklonen und damit von weiteren Heuschreckenplagen. Das sei die neue Normalität, erklärt Burgeon.

Ostafrika muss sich künftig besser vorbereiten

Das bedeutet nach Darstellung von Experten, dass sich Länder wie Kenia, Äthiopien und andere ostafrikanische Länder, die bisher von solchen Plagen weitgehend verschont blieben, auf die Insekten besser vorbereiten müssen – so wie Teile von Westafrika und des Nahen Ostens schon heute vorbereitet sind. Diese Länder haben Erfahrung mit den Heuschrecken gesammelt und Beobachtungs- und Präventionssysteme eingerichtet.

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Die FAO hat die internationale Gemeinschaft um 76 Millionen Dollar gebeten, um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Bisher gingen nach Angaben von Burgeon 19 Millionen Dollar ein.

"Die größte Herausforderung stellt das Ausmaß der Vermehrung dar", erläutert FAO-Sprecher Barca. Die Heuschrecken würden genau dann nach Südsomalia, Kenia und Äthiopien weiterziehen, wenn dort die Feldfrüchte keimten. "Wenn genau zu dieser Zeit große Zahlen von Heuschrecken da sind, wird das furchtbare Auswirkungen auf die Ernte haben."

Heuschrecken trafen am Sonntag in Uganda ein, wie der ugandische Kommissar für Katastrophenvorbereitung, Martin Owor, sagte. Der gesichtete Schwarm im Bezirk Amudat sei "mit Sicherheit groß".

Plage löst Milchmangel bei Kindern aus

Im ländlichen Somalia ist etwa die Hälfte der Menschen für ihr Überleben von ihrem Vieh abhängig. Wenn die Heuschrecken die Felder abfressen, werden die Tiere geschwächt und geben weniger Milch. Auf diese Milch sind gerade die Kinder angewiesen, so dass Experten nun eine grassierende Mangelernährung unter den Jüngsten befürchten. Um ein solches Szenario noch zu verhindern, könnten die Behörden vor Ort versuchen, mit den somalischen Extremisten zu verhandeln und möglicherweise ihre Zustimmung für das Versprühen von Insektiziden zu gewinnen, erklärt Burgeon.

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Viel Zeit bleibt nicht mehr. In einigen Wochen werfen die Heuschrecken ihre Haut ab, wie der zuständige Experte bei der FAO, Keith Cressman, erklärt. Die Tiere benötigten noch einige Tage, um ihre Flügel zu erwärmen. Nach ersten Testflügen beginne dann die Reise der Tiere, die hungrig seien "wie Teenager". Nach einem weiteren Monat sind die Insekten geschlechtsreif und bereit, sich fortzupflanzen.

Nach der Eiablage sterben die Tiere rasch, aber sie hinterlassen ihre Nachkommen, wie Cressman warnt. "Dann haben wir es mit einer weiteren Generation Heuschrecken zu tun und es sind etwa 20 Mal so viele."

RND/AP

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