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  • Helfen Antikörper gegen Corona? Die Suche nach Impfstoffen und Medikamenten gegen Sars-CoV-2

Helfen Antikörper gegen Corona? Eine Suche mit Risiko

  • Antikörper-Therapien gelten als vielversprechender Ansatz im Kampf gegen das neuartige Coronavirus.
  • In Studien behandeln Ärzte derzeit Covid-19-Patienten mit dem Blutserum von Genesenen – und sehen dabei erste Anzeichen für die Wirksamkeit.
  • In Braunschweig haben Forscher bereits hochwirksame Antikörper gegen das Coronavirus – und wollen diese nun zu einem Medikament weiterentwickeln.
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Braunschweig. In der Stimme des Professors liegt Vorsicht. Er will keine falschen Hoffnungen wecken. Und tatsächlich sind Einzelerfahrungen weit entfernt von einem wissenschaftlichen Beweis. Aber andererseits bestätigt das, was Holger Hackstein, Transfusionsmediziner an der Uniklinik Erlangen, an seinen Patienten beobachtet hat, eben auch seine Vermutung.

Neun Männer und Frauen, die an einer besonders schweren Form der Lungenkrankheit Covid-19 litten, haben Hackstein und seine Kollegen auf eine spezielle Art behandelt: Sie gaben ihnen das Blutplasma von Menschen, die die Krankheit überstanden und also Antikörper gegen das Virus gebildet haben. Bei mehr als der Hälfte, sagt Hackstein, hätten sich Erfolge gezeigt. Bei fünf der neun hätten sich die Entzündungswerte verbessert, die Viruslast sei zurückgegangen.

“Ermutigend”, so nennt Hackstein das, was er sah.

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"Ermutigt" durch die Besserung von Patienten: Professor Holger Hackstein behandelt an der Uniklinik Erlangen. © Quelle: UK Erlangen

Ist es Zufall? Oder ein erster vorsichtiger Hinweis, dass ein mehr als 100 Jahre altes medizinisches Verfahren doch taugt im Kampf gegen die Corona-Pandemie?

Weltweit suchen Wissenschaftler mit Hochdruck nach Medikamenten und Impfstoffen gegen Sars-CoV-2. Ein Ansatz ist, existierende Medikamente daraufhin zu testen, ob sie auch gegen das neue Coronavirus wirken: So stießen sie zum Beispiel auf das Ebolamedikament Remdesivir (das laut ersten Studien den Verlauf etwas mildern kann) und das Malariamittel Chloroquin (das trotz anfänglicher Hoffnungen und Trumps gefährlicher Selbstmedikation damit offenbar keinen Nutzen bringt). Nun rückt ein dritter Weg in den Fokus, eine Mischung aus Behandlung und präventivem Schutz: die Antikörpertherapie.

Die Geschichte der Medizin ist voll von Versuchen, sich diese Waffe im Kampf gegen Infektionskrankheiten zunutze zu machen. Es begann mit Emil von Behring und dem Japaner Kitasato Shibasaburo, die Ende des 19. Jahrhunderts an Diphterie erkrankte Kinder auf diese Weise behandelten. Knapp 30 Jahre später setzten amerikanische Ärzte bei der Spanischen Grippe auf das Blut von Genesenen. Auch gegen Ebola und Mers injizierten Mediziner das Plasma von Menschen, die die Krankheit überstanden hatten.

Binnen Tagen melden sich Tausende

Da lag es nahe, dass die Mediziner sich der alten Methode erinnerten, als sich im Januar mit Sars-CoV-2 wieder ein neuer Erreger anschickte, die Welt zu erobern. Als im März mit den Infektionszahlen allmählich auch die Zahl derjenigen stieg, die die Krankheit bereits überstanden hatten, starteten unter anderem die Unikliniken in Münster, Frankfurt, Hannover einen dringenden Aufruf: Wer Covid-19 überwunden hat, möge bitte Blut spenden, um künftigen Kranken zu helfen.

Die Resonanz war gewaltig. Binnen weniger Tage meldeten sich Tausende.

Aber so plausibel die Wirksamkeit oberflächlich zunächst ist: Studien, die sie belegen, fehlen bis heute. Es gibt hohe Hürden. So finden sich nur bei einem Teil der Patienten ausreichend geeignete, neutralisierende Antikörper im Blut. Stattdessen gibt es dort bei vielen andere Krankheitserreger oder auch Antikörper, die eine Infektion sogar verstärken können, statt sie abzuschwächen – es ist gewiss keine risikolose Methode. Die Mediziner müssen die Blutspenden daher akribisch testen, bevor sie sie verwenden, und viele aussortieren. Nur rund ein Viertel der Spendewilligen kam letztlich infrage, rechnet Hackstein vor. Wie wirksam die Plasmagaben sind, soll eine Studie namens “Capsid” nun klären. Hackstein ist vorsichtig zuversichtlich: “Die Plasmatherapie kann eine wichtige Ergänzung sein”, sagt er.

Mit altem Wissen und neuen Methoden: Michael Hust und Maren Schubert forschen an der TU Braunschweig. © Quelle: TU Braunschweig
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Als “Brückentechnologie”, so schätzt es auch Professor Michael Hust von der Technischen Universität Braunschweig ein, “ist diese Therapie sehr sinnvoll”. Als sofort verfügbares Mittel also, das man so lange nutzen kann, bis er und seine Kollegen an ihrem eigentlichen Ziel sind: die mehr als 100 Jahre alte Methode so weiterzuentwickeln, dass sie zur wirksamen, wichtigen Waffe wird im Kampf gegen die Pandemie.

Denn genau daran arbeiten Hust, seine Kollegin Maren Schubert und ihr Team mit Teams aus aller Welt.

Der Grundgedanke ist einfach: Da das Blutserum der Genesenen eine Mischung aus wirksamen und weniger wirksamen Antikörpern ist, wollen die Forscher genau jene Exemplare isolieren und einsetzen, die auf dieses Virus und sein charakteristisches Zackenprotein zielen.

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Suche nach der Präzisionswaffe

Wenn der Kampf gegen das Coronavirus tatsächlich eine Art Krieg ist, dann wäre die Serumtherapie eine Schrotbüchse – und der Einsatz isolierter, monoklonaler Antikörper ein Präzisionsgewehr.

Hust ist Biotechnologe, sein Spezialgebiet ist seit mehr als einem Jahrzehnt der Kampf gegen einige der gefährlichsten Viren weltweit: Unter anderem gegen das Marburg-Virus und gegen Ebola-Sudan, die zweithäufigste Ebolavariante, hat er in der Vergangenheit Antikörper entwickelt.

Die Arbeit an Sars-CoV-2 begann für das Braunschweiger Team Anfang Februar. Da chinesische Forscher die Gensequenz schon im Januar veröffentlicht hatten, baute Maren Schubert das Oberflächenprotein des Virus im Labor nach – die Voraussetzung für weitere Tests.

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Die Bundesregierung hat ein Sonderprogramm zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus beschlossen.  © Thorsten Fuchs/Reuters

Um möglichst für jede Krankheit passende Antikörper zu finden, verfügen die Biotechniker über eine Bibliothek der Antikörper von knapp 100 Menschen – insgesamt zehn Milliarden verschiedene Antikörper. Im Labor haben die Forscher aus diesen zehn Milliarden mittels der sogenannten Antikörperphagendisplay-Technologie diejenigen isoliert, die sich an das Virusprotein binden – einer Technologie, die 2018 mit dem Nobelpreis für Chemie gewürdigt wurde. Der Leiter der Abteilung Biotechnologie in Braunschweig, Stefan Dübel, ist einer der Erfinder.

“Wir haben schon Antikörper gegen alle möglichen Erreger im Blut”

Die Methode folgt dem Prinzip, dass der Mensch bereits die Anlage für Abwehrkräfte gegen die meisten Erreger in sich trägt, die er im Bedarfsfall aber noch entwickeln muss. “Wir haben schon Antikörper gegen alle möglichen Erreger oder Moleküle im Blut”, sagt Hust.

Viel deutet darauf hin, dass das auch in diesem Fall stimmt: Das Team fand tatsächlich Antikörper, die sich an das Virus binden. Nun wird sozusagen nebenan, im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, getestet, ob diese Antikörper das Virus auch neutralisieren, also zuverlässig verhindern, dass es in menschliche Zellen eindringt.

Sollte es nicht gelingen, haben sie schon zusätzliche Antikörper aus dem Blut genesener Covid-19-Patienten mittels der Technologie isoliert. Der große Vorteil dieses Weges: “Am Ende haben wir komplett natürliche, menschliche Antikörper”, sagt Hust. Antikörper also, deren Nebenwirkungen voraussichtlich gering sein dürften.

Antikörper aus modifizierten Mäusen

Die Braunschweiger sind nicht die Einzigen, die erste Erfolge melden können. Am Universitätsklinikum Erlangen hat der Leiter des Instituts für Virologie, Professor Klaus Überla, zusammen mit seinen Kollegen Jürgen Winkler und Hans-Martin Jäckdrei hochwirksame Antikörper aus dem Blut von Genesenen sowie aus geimpften modifizierten Mäusen isoliert. “Wir könnten damit in einem frühen Stadium Patienten behandeln, die zur Risikogruppe zählen, und so einen schweren Verlauf verhindern”, sagt Überla. Eine andere Möglichkeit wäre die vorsorgliche Gabe an medizinisches oder pflegendes Personal, sodass es mit dieser geliehenen Immunität vor einer Infektion geschützt wäre.

Das alles ist biotechnologisch anspruchsvoll – reine Zukunftsmusik aber ist es nicht. Schon heute sind rund 50 monoklonale Antikörperpräparate im Einsatz, vor allem in der Krebstherapie. Allerdings: Sie sind teuer. Und die Immunität, die sie gewähren, reicht nur für wenige Wochen – dann muss die Gabe wiederholt werden.

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Ein Impfstoff wird nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts aber erst nächstes Jahr verfügbar sein.  © Thorsten Fuchs/Reuters

Klinische Phase im Winter

Dennoch sagt Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am Uniklinikum Eppendorf, sie könne sich gut vorstellen, “dass monoklonale Antikörper die Sterblichkeit bei Risikogruppen oder schwer Erkrankten senken könnten”, und plädiert für weitere Studien.

Die klinische Phase hoffen die Braunschweiger im Winter beginnen zu können; im nächsten Jahr (2021) könnte dann die Zulassung stehen. Womöglich steht dann auch bereits ein regulärer Impfstoff zur Verfügung. Dennoch hält Hust die monoklonalen Antikörper weiter für sehr wichtig – „weil man nicht weiß, ob es den Impfstoff wirklich gibt, ob ihn alle vertragen, ob er für alle zur Verfügung steht. Und weil man auch dann noch Therapeutika brauchen wird.“

Ein greifbarer Hoffnungsträger

Bislang ist es zu beidem noch ein weiter Weg. Vorerst bleibt die Gabe des Serums von Ex-Covid-Patienten die nächste und realistischste Methode, Antikörper zu verabreichen. Für viele Patienten mit Vorerkrankungen ist dies ohnehin schon der greifbarste Hoffnungsträger. Seit der Ankündigung, das Serum einzusetzen, erhält der Transfusionsmediziner Professor Rainer Blas­czyk von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zahlreiche Anfragen von Gefährdeten, die sich auf diese Weise schützen wollen.

Blasczyk will mit Kollegen in der kommenden Woche eine Studie beim Paul-Ehrlich-Institut beantragen, um das Plasma von Genesenen auch in einem früheren Krankheitsstadium einzusetzen. “Wir möchten verhindern, dass eine Beatmung überhaupt nötig wird”, sagt er.

340 Covid-19-Patienten sollen im Rahmen der Studie behandelt werden. Im Moment leiden aber die Wissenschaftler der MHH an einem Problem, das eigentlich ein gutes Zeichen ist: Die Studie, sagt Blas­czyk, werde wohl erst im Herbst starten können – weil es derzeit nicht genug Covid-19-Patienten gibt.

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