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Heimbewohner sehen Corona gelassen – wir haben Schlimmeres erlebt

  • Das Corona-Virus schränkt den ohnehin schon kleinen Radius alter Menschen weiter ein.
  • Besuche und Festivitäten werden rar, Cafés geschlossen …
  • Doch die Betroffenen scheinen das mit Gleichmut hinzunehmen.
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Böblingen/Köln. Gehen angesichts der Corona-Epidemie in Seniorenheimen Angst und Panik um? Weit gefehlt, sagt Cosmina Halmageanu, Direktorin des Hauses am Maienplatz in Böblingen (Baden-Württemberg). “Die Bewohner sind sehr gelassen, ich sehe keine Ängste”, sagt sie. Die älteren Leute hätten eine große Lebenserfahrung, oft weit Schlimmeres durchgemacht und zum Teil noch den Krieg erlebt. Für viele sei das Virus eine Lappalie. Dabei haben ältere Menschen ein höheres Risiko, an dem Virus zu erkranken. “Denn sie haben womöglich andere Erkrankungen und geschwächte Abwehrkräfte”, erläutert Halmageanu. Bislang sei das Virus aber weder bei den fast 200 Bewohnern noch bei Beschäftigten aufgetreten. Verunsicherung gebe es eher bei den Angehörigen.

Der 89-jährige Siegfried K., der in einem Stuttgarter Heim lebt, bringt es auf den Punkt: "Ich bin in einem Alter, wo ich keine Angst mehr vor dem Tod habe. Ich bedauere aber die anderen Leute, die gesundheitlich oder finanziell leiden müssen." Mit den anderen Bewohnern unterhalte er sich kaum über das Virus, sagt der Mann, der die Flucht der Deutschen aus Ostpreußen als Kind miterlebt hat. Eine Bewohnerin eines Pflegeheims im Taunus sieht es ähnlich. "Ich habe von mir aus gesehen keine Angst. Ich habe mein Leben gelebt", sagt die über 80-jährige mehrfache Großmutter. "Auf Besucher verzichte ich derzeit gern. Ich möchte verhindern, dass jemand wegen mir das Virus hier einschleppt."

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Die meisten Corona-Infizierten haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik. Etwa 15 von 100 Infizierten erkranken schwer, darunter vor allem ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen.

Angehörige sollen auf Besuche verzichten

Im Haus am Maienplatz lautet die Prophylaxe-Strategie, Kontakte zwischen “Außen und Innen” auf ein Minimum zu reduzieren. Das gilt für Feste und andere Aktivitäten mit Beteiligung von Gästen sowie für die Angehörigen, die auf Besuche möglichst verzichten sollen. “80 Prozent der Verwandten und Freunde haben Verständnis dafür”, sagt Halmageanu. Dafür laufe das Telefon heiß, weil Angehörige wissen wollten, wie es ihren Lieben gehe.

Der Engpass bei Schutzmaterial bereitet der Hausdirektorin Sorge – allerdings nicht wegen des Coronavirus. “Wir brauchen Schutzmasken für unser Personal, wenn Bewohner mit multiresistenten Keimen aus dem Krankenhaus zurückkommen”, erläutert Halmageanu. Auf eine Bestellung vor drei Wochen sei noch kein Mundschutz eingetroffen. Normal seien drei oder vier Tage Lieferzeit. “Das könnte langfristig zum Problem werden.”

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Die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen, um sich gegen das Coronavirus zu schützen.  © RND

Das Haus am Maienplatz gehört zur Evangelischen Heimstiftung, dem größten Altenhilfeträger in Baden-Württemberg. Diese hat Anfang März eine Koordinations- und Anlaufstelle für Mitarbeiter eingerichtet - die "AG Corona" mit Geschäftsführung, Fachkräften für Hygiene und Arbeitssicherheit, den Betriebsärzten sowie der Pressesprecherin. Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, hat die AG die Einrichtungen aufgerufen, interne Hygieneschulungen vermehrt anzubieten und öffentliche Cafés der Einrichtungen zu schließen. Mitarbeiter, die sich in Risikogebieten aufgehalten haben, müssen sich beim Gesundheitsamt melden und dürfen nicht in die Einrichtung kommen, bis der Verdacht entkräftet ist.

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Aus Sicht des Bundesverbandes der kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen (BKSB) ist bei einem Krankheitsausbruch in einem Heim zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Das ist vor allem relevant, wenn Pflegepersonal wegen Infektion ausfällt, wie Referent Jörg Henneböle erläutert. Unbedingt aufrecht erhalten werden müssen neben der Nahrungsaufnahme die Flüssigkeitszufuhr, die Gabe von Tabletten und Spritzen oder das Anlegen von Kompressionsstrümpfen. Unverzichtbar ist auch die Hilfe beim Aufstehen, Waschen und bei Bettlägerigen die Lagerung.

Abstriche seien etwa bei Fußpflege, Baden und Abfassen der Pflegeberichte denkbar. "Die Pflege muss laufen, alles andere ist auf den Prüfstand zu stellen", betont Henneböle. Deshalb gibt es Szenarien, wie eventuelle Personallücken zu füllen sind. Bei einem Ausfall von 20 Prozent reiche es, Urlaube zu streichen, Teilzeit zu erhöhen und auf Aushilfen zurückzugreifen. Der Experte des Verbandes aus 50 Trägern mit 250 Einrichtungen und 21 000 Plätzen fügt hinzu: "Bei 40 Prozent weniger Beschäftigten müssen wir externe Dienstleister hinzuziehen."

Dass solche Prognosen durchaus realistisch, aber wegen des ohnehin leer gefegten Marktes an Pflegekräften schwer zu bewältigen sind, zeigt ein Beispiel aus Bad Rappenau bei Heilbronn. Dort hatte sich ein über 80-jähriger Heimbewohner bei einem Pfleger angesteckt, der nach einem Aufenthalt in Mailand erkrankt war. Derzeit sind mindestens 17 Männer und Frauen im Zusammenhang mit dem Pflegeheim positiv auf das Corona-Virus getestet worden, darunter acht Bewohner, fünf Personen der Tagespflege und vier Mitarbeiter. Überdies habe sich die halbe Belegschaft krank gemeldet, sagt eine Sprecherin des Hauses. Der Geschäftsführer hatte kürzlich nicht nur Fachkräfte, sondern auch Studenten, Azubis und Ehrenamtliche zur Unterstützung aufgerufen – mit sehr geringem Erfolg.

RND/dpa

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