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„Grey’s Anatomy“ und Co. – Medien schärfen Bewusstsein für sexuellen Missbrauch

  • Eine Studie hat herausgefunden, dass fiktionale Fernsehformate das öffentliche Bewusstsein für sexuellen Missbrauch steigern können.
  • Nach einer Folge der Krankenhausserie „Grey’s Anatomy“, in der es um Missbrauch ging, wurde die genannte Hilfe-Hotline verstärkt kontaktiert.
  • Auch die deutsche Serie „Tatort“ behandelt regelmäßig gesellschaftspolitisch relevante Themen.
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Tulsa. Fiktionale Fernsehformate können das öffentliche Bewusstsein für sexuellen Missbrauch steigern und womöglich auch bei dessen Bekämpfung helfen. Das legt zumindest eine Studie nahe, deren Ergebnisse im Fachblatt „JAMA Internal Medicine“ veröffentlicht wurden. Darin berichten Wissenschaftler von einer Folge der Krankenhausserie „Grey’s Anatomy“, in der es um das Thema sexuelle Gewalt ging. Nach der Ausstrahlung der Folge schnellte die Zahl dazu passender Tweets und Suchanfragen in die Höhe.

„Grey’s Anatomy“ spricht Missbrauchsopfer an

Konkret ging es in der Untersuchung um die Folge „Stumme Schreie“ (Im Original: Silent All These Years), die am 28. März 2019 in den USA ausgestrahlt wurde. Darin muss eine Patientin mit dem Trauma eines sexuellen Missbrauchs umgehen. Nach der Episode rief Hauptdarstellerin Ellen Pompeo Zuschauer, die von Missbrauch betroffen sind, dazu auf, sich Hilfe zu suchen. Sie nannte auch die Telefonnummer von RAINN („Rape, Abuse, and Incest National Network“), einer Organisation, die gegen sexuelle Gewalt kämpft.

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Trevor Torgerson, Jam Khojasteh und Matt Vassar vom Zentrum für Gesundheitswissenschaften an der Oklahoma State Universität untersuchten nun, wie sich diese „Grey’s Anatomy“-Folge zusammen mit dem Aufruf von Ellen Pompeo auf das Internetverhalten der Zuschauer auswirkte. Dafür analysierten sie für den Zeitraum zwei Wochen vor der Ausstrahlung bis eine Woche danach, wie oft bei Google nach dem Namen der Hotline sowie nach Begriffen wie „sexueller Übergriff“ oder „Vergewaltigung“ gesucht wurde oder entsprechende Tweets bei Twitter gesendet wurden. Zum Vergleich berechneten sie das zu erwartende Volumen an derartigen Suchanfragen und Tweets, wäre die Folge nicht gesendet worden.

WHO entwickelt Richtlinien für den Umgang mit Selbstmord

Das Ergebnis: Für „RAINN“, den Betreiber der Hotline, war die Anzahl der Suchanfragen nach der Sendung um 41 Prozent höher als erwartet. Die Suchen nach „Vergewaltigung“ und „sexueller Übergriff“ stiegen um acht, beziehungsweise um neun Prozent. Bei Twitter stieg die Zahl der Tweets, die @RAINN erwähnten, am Tag nach der Ausstrahlung um mehr als das Zehnfache des erwarteten Werts. Tweets mit den Begriffen „sexueller Übergriff Hotline“ stiegen um fast das 20-fache. „RAINN“ selbst berichtete, dass sich die Zahl der Anrufe bei der Hotline in den zwei Tagen nach Ausstrahlung der Episode um 43 Prozent erhöht hatte.

Für die Autoren der Studie bedeutet dies, dass die „Grey’s Anatomy“-Folge das öffentliche Bewusstsein für das Thema sexuelle Gewalt und die genannte Hotline geschärft hat – ein Zusammenhang, der den Wissenschaftlern zufolge in den Medien künftig stärker beachtet werden sollte. So könnte Hollywood eine wichtige Rolle spielen, wenn es um die öffentliche Gesundheit gehe. NGOs wie das „Entertainment Industries Council“ würden schon jetzt dafür werben, gesundheitliche und soziale Inhalte möglichst akkurat in Film, Fernsehen und Musik zu behandeln, indem sie Darstellungsvorschläge für eine ganze Reihe dieser Themen machten.

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Zudem weisen die Studienautoren darauf hin, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits Richtlinien für Medien erlassen habe, um die Aufnahme von Selbstmord-Hotline-Nummern zu standardisieren. Torgerson, Khojasteh und Vassar plädieren angesichts ihrer Ergebnisse nun dafür, ähnliche Empfehlungen für das Thema sexuelle Übergriffe zu entwickeln.

Fernsehserie „Tatort“ geht mit gutem Beispiel voran

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Für Hendrik Buhl, Medienwissenschaftler an der Universität Regensburg, sind die Ergebnisse der drei US-Forscher keine Überraschung: Er selbst hat sich intensiv mit der deutschen Fernsehreihe „Tatort“ beschäftigt und ähnliche Beobachtungen gemacht. Grundsätzlich behandele der „Tatort“ aufgrund seines öffentlich-rechtlichen Produktionshintergrundes regelmäßig gesellschaftspolitisch relevante Themen: „Der „Tatort“ ist das prototypische Beispiel für den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Information und Unterhaltung zu bieten.“

Hendrik Buhl rät allerdings, im Unterschied zu den US-Forschern, davon ab, derartige fiktionale Formate verstärkt für öffentliche Aufklärungskampagnen zu nutzen: „Beim „Tatort“ etwa ist der Kern der Sendung Unterhaltung und das am Wochenende. Ein übermäßiger volkspädagogischer Impetus wäre da fehl am Platz.“

Anders sehe es aus, wenn ein fiktional behandeltes Thema in einem sich anschließenden Informationsformat behandelt würde: „Geht es beim „Tatort“ um ein bestimmtes gesellschaftspolitisches Problem, dann wird dieses zum Teil danach in der Talkshow „Anne Will“ diskutiert“, so Buhl. Ein derartiges zusätzliches Informationsangebot, das Bezug auf die Handlung des „Tatort“ nimmt, könne er schon empfehlen: „Auf diese Weise bleibt die Unterhaltung Kern der Sendung.“

RND/dpa