Greta, wir müssen reden

  • Die Erde ist im Klimafieber – und die Menschen auf ihr sind es auch.
  • Doch wer meint, dass entschiedenes Handeln im Angesicht der drohenden Apokalypse eine breite gesellschaftliche Debatte ersetzen kann, der irrt.
  • Das Gegenteil ist der Fall, meint Dirk Schmaler.
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Gerade hat sie den alternativen Nobelpreis verliehen bekommen, sie redet Staatenlenkern aus aller Welt ins Gewissen, Millionen Menschen auf der ganzen Welt gehen nach ihrem Vorbild für den Kampf gegen den Klimawandel auf die Straße: Die 16-jährige Greta Thunberg, die sich vor etwas mehr als einem Jahr mit einem Pappschild schulstreikend vor das schwedische Parlamentsgebäude stellte, ist schon heute eine Ikone dieser Zeit.

Sie hat eine ganze Schülergeneration politisiert und viele ihrer Eltern gleich mit. Auf Partys tauschen sich junge und ältere Menschen gleichermaßen über die besten Müllvermeidungsstrategien aus und planen ihren Urlaub mit dem Zug statt mit Ryanair.

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Der Kampf gegen den Klimawandel bestimmt in vielen Ländern die politische Agenda. Fridays-for-Future-Aktivisten gehen in Talkshows ein und aus wie sonst nur Grünen-Chef Robert Habeck und Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Es würde kaum jemanden wundern, wenn Greta Thunberg am 11. Oktober in Oslo zur nächsten Friedensnobelpreisträgerin gekürt würde. Fast müsste man fragen: Wer sonst?

Jede in Plastik verpackte Tomate gilt als verpasste Chance zur Rettung des Globus

Die Welt ist im Klimafieber – und die Menschen sind es zunehmend auch. Die Erderwärmung zu stoppen und den von unzähligen Wissenschaftlern vorausgesagten unumkehrbaren Klimawandel zu verhindern ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit. Wer das noch leugnet, hält wohl auch Donald Trump für einen guten US-Präsidenten.

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Aber es gehört eben auch zur Wahrheit, dass dieser Protest, der so sanft umarmend und menschenfreundlich daherkommt, selbst Züge trägt, der ganze Gruppen von Menschen ausschließt. Die Lust an der apokalyptischen Rhetorik und der damit verbundene moralische Rigorismus, der Teile der Bewegung ergriffen hat, ist für Menschen, die neben der Sorge ums Klima auch noch Angst um den Zusammenhalt der Gesellschaft haben, zunehmend problematisch. Jeder heiße Sommertag wird zum Vorboten eines drohenden Weltuntergangs, jede in Plastik verpackte Tomate eine verpasste Chance zur Rettung des Globus, jedes PS-starke Auto zum Anschlag auf das Leben der Mitbürger. Und damit wird jeder zum Ignoranten gestempelt, der nicht längst in Panik verfallen ist.

Es ist geredet worden, die Fakten liegen auf dem Tisch

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Wer so denkt, für den ist die Sicht auf die Welt zurzeit ziemlich einfach: Es ist geredet worden, die Fakten liegen auf dem Tisch, die Zeit drängt. Act now! Sonst sterben wir aus! Und falls jemand auf die Kohlekumpel in der Lausitz oder die Bandarbeiter bei VW verweisen will, die Angst um ihre Jobs haben, oder auf die Pendler auf dem Land, die ohne Auto ihre Mobilität verlieren, oder gar auf die völkerverständigende Wirkung von regem Reisen: Das Klima verträgt keine Kompromisse. Sagt Greta Thunberg.

Diese Haltung ist problematisch. Denn sie bedeutet nicht weniger als das Ende des politischen Diskurses. Der ehemalige Bundestagspräsident, SPD-Politiker und DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Thierse sieht darin sogar einen „antidemokratischen Affekt“.

Zur Demokratie gehören der Zweifel, der Meinungsstreit um den richtigen Weg

Zur Demokratie gehören der Zweifel, der Meinungsstreit um den richtigen Weg. Das Parlament ist eben kein Weisenrat von Wissenschaftlern, es ist eine Institution zur Durchsetzung und zum Ausgleich von Interessen. Eine Kompromissmaschine. Wer das ändern will, aus welch hehren Motiven auch immer, sägt an der Demokratie selbst.

Natürlich gehört zur Demokratie auch, dass jeder alles Recht der Welt hat, mit düsteren Worten alles zu verteufeln, was dem Klima schadet. Zumal mit so guten Gründen.

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In vielen Teilen der Welt macht sich der Klimawandel längst nicht nur durch ein paar heiße Sommer bemerkbar wie in Deutschland. Der Meeresspiegel steigt, die Gletscher schmelzen, Inseln versinken im Meer, Flüsse trocknen aus, die Regierung von Indonesien hat gerade angekündigt, ihren Sitz von Jakarta auf die Insel Borneo zu verlegen, weil die Hauptstadt schlicht zu versinken droht. 40 Prozent von Jakarta liegen schon heute unter dem Meeresspiegel.

Das alles ist höchst alarmierend. Und doch bleibt der Klimawandel nur eines von mehreren Megaproblemen auf dieser Welt. Armut, Hunger, Kriege, Gewalt, Klimawandel – auf Dauer wird das eine ohne das andere nicht zu lösen sein.

Eine Art Klimanotstand auszurufen, hinter dem alles andere – und sogar demokratische Prozesse – anstehen muss, ist trotz aller Dringlichkeit der falsche Weg. Der notwendige ökologische Umbau der globalen Gesellschaft bleibt ein politisches Projekt. Mit all den unterschiedlichen Interessen und Perspektiven, die einer komplexen Gesellschaft eigen sind.

Fortschritte sind mühsam

Das bedeutet notgedrungen, dass Fortschritte mühsamer sind. Es führt dazu, dass die Tonne CO₂ nicht 180 Euro Steuern kosten soll, wie es Fridays for Future verlangt, sondern zunächst 10 Euro. Es führt zu der kuriosen Situation, dass die Bundesregierung mit viel Trommelwirbel ein milliardenschweres Klimapaket vorstellt, das dann eine Erhöhung der Pendlerpauschale und eine Senkung der Strompreise enthält.

Man sollte hoffen, dass das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen ist.

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Wer in den Plänen allerdings nur einen politischen Kniefall vor Wirtschaftsinteressen und eine allgemeine Klimablindheit sieht, der unterschätzt womöglich die Absichten der politisch Handelnden.

Kompromisse sind immerhin ein Anfang

Man kann in den zaghaften Kompromissen auch den Versuch erkennen, den Klimawandel zu bremsen, ohne dabei den gesellschaftlichen Rückhalt zu verlieren. Denn wem nützte es am Ende wohl am meisten, wenn nun kompromisslos ein für viele Menschen schmerzhaftes Klimapaket geschnürt würde? Dem Klima? Oder nicht doch der AfD? Wenn sich die Fridays-for-Future-Protagonisten diesen Fragen mit gutem Recht weitgehend verweigern mögen, der Rest der Welt muss sie sich zumindest stellen dürfen.

Denn was hülfe es dem Klima, wenn Deutschland alle Ziele erfüllte, aber das Land dabei erheblichen wirtschaftlichen oder politischen Schaden nähme? Wenn etwa Rechtspopulisten, die schon jetzt alles dafür tun, Dieselverbote und Benzinpreiserhöhungen als Ergebnis der herrschenden „Ökodiktatur“ zu diffamieren, in der Folge tatsächlich Regierungsverantwortung bekämen? Oder wenn die Autoindustrie verschwände und Massenarbeitslosigkeit zurückkehrte?

Die nüchterne Antwort wäre: Neben allen Verwerfungen, die das mit sich brächte, fiele Deutschland auch als Vorbild für die Transformation eines Industrielandes in eine klimaneutrale Gesellschaft aus. Im Gegenteil: Das Land würde zum dankbaren Negativbeispiel für Klimaleugner von Trump bis Bolsonaro. Seht her, was die Klimaaktivisten aus dem Land gemacht haben!

Die Politik muss beim Klimaschutz alle mitnehmen

Das darf keine Entschuldigung fürs Nichtstun sein. Die deutsche Politik muss daran arbeiten, die vereinbarten Klimaziele zu erreichen – und dabei so behutsam und bestimmt wie möglich all jene mitnehmen, die überzeugbar sind. Daran kann auch jeder Einzelne mitwirken. Indem er das Auto stehen lässt, bewusst einkauft, schlau reist.

Global betrachtet wird das am Ende aber leider nicht reichen. Um es polemisch zu sagen: Erst wenn der letzte SUV-Fahrer seinen Schlüssel abgegeben hat, wird man merken, dass damit das Klima noch nicht gerettet ist.

Die wahrhaft große Aufgabe des Industriestaates Deutschland – verantwortlich für 2 Prozent der weltweiten CO₂-Abgase – liegt darin zu zeigen, dass sich wirtschaftlicher Erfolg, gesellschaftlicher Frieden und Klimaneutralität nicht ausschließen, sondern miteinander einhergehen können. Nur wenn die Klimawende auch in diesen, von keinem Klimadiagramm erfassten Kategorien zum Erfolg wird, werden die großen CO₂-Verursacher in Peking, Rio de Janeiro, Washington und Neu-Delhi Anreize sehen, ihren Ausstoß ebenfalls entscheidend zu verringern.

Für das Klima allerdings wäre ein besonnener Ansatz vermutlich das Beste

Das macht die Sache komplizierter und emotional uneindeutiger als Greta Thunbergs empörte „Wie könnt ihr es wagen?“-Rede vor den Vereinten Nationen. Für das Klima allerdings wäre ein besonnener Ansatz vermutlich das Beste.

Diese Erkenntnis macht nicht eine einzige Freitagsdemonstration überflüssig, im Gegenteil. Gedanken wie diese aufzunehmen und ernsthaft zu diskutieren macht die Bewegung stärker. Die Zeit zum Handeln drängt. Wer aber meint, das sei ein Grund, demokratische Prozesse abzukürzen, überschätzt die eigene Weisheit. Und unterschätzt jene, die in guten Kompromissen liegen kann.