Genomforscher sicher: Die Pest kam aus Russland

  • Schon die erste Welle der Pest forderte Millionen Menschenleben und reduzierte Europas Bevölkerung um 60 Prozent.
  • Doch auch nach den Verheerungen des 14. Jahrhunderts wütete das Bakterium Yersinia pestis fast 500 Jahre weiter.
  • Jetzt scheint sein Ursprung entschlüsselt. Eine neue Studie legt nahe, dass es aus der Republik Tatarstan in Russland stammt.
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Jena. Bis ins 19. Jahrhundert wurde Europa von der Geißel der Pest heimgesucht – und bis heute ist „pestis“ (lateinisch für die Seuche) immer noch eine verbreitete Infektionskrankheit. Selbst in den Vereinigten Staaten gab es 1992 13 Infektionen mit zwei Todesfällen. Im Mittelalter wusste man nicht, wie die Pest übertragen wird. Neben einer schlechten Konstellation der Planeten wurden vor allem die Juden als „Brunnenvergifter“ für die Seuche verantwortlich gemacht. Dieser rassistische Irrglaube führte zu etlichen weiteren Opfern. Denn als Reaktion auf die Schuldzuweisung folgten in Europa die Pestpogrome gegen Juden.

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Schweizer Arzt entdeckte den Pesterreger

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Erst im Jahre 1894 entdeckte der Schweizer Mediziner Arzt Alexandre Yersin den Pesterreger und entwickelte sogleich den ersten Impfstoff. Yersin wies nach, dass es ein und dasselbe Bakterium ist, das die Pest bei Mensch und Tier auslöst. Dieses Bakterium wurde dann nach Yersin benannt: Yersinia pestis. Wo allerdings das Bakterium herstammt, das meist von Floh oder Rattenbissen auf den Menschen übertragen wird, war bisher unklar. Jetzt bringt eine neue Studie Licht ins Dunkel.

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Ein internationales Forscherteam rekonstruierte 34 Pestgenome aus den Zähnen von 34 Menschen, die in zehn Ländern zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert an der Pest gestorben waren. So entstand eine Art Stammbaum der Opfer aus England, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern, der genetisch unterschiedliche Kladen (Abstammungsgemeinschaften) des Bakteriums enthielt. Allerdings fanden die Forscher in diesen Kladen Hinweise auf einen gemeinsamen Ursprung. „Die Funde legen nahe, dass Y. pestis durch einen einzelnen Weg aus dem Osten nach Europa eindrang“, sagte die Archäogenetikerin Maria Spyrou vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena der Zeitschrift „Nature Communications“. Danach scheine besonders ein Bakterienstamm der Urahn aller pandemischen Stämme zu sein, die die zweite Pestwelle in Europa ausgelöst hätten.

LAI009 kam aus Tatarstan nach Westen

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Und dieser Vorgänger LAI009, so die Forscher, kam aus Russland – genauer gesagt aus der Kleinstadt Laischewo in der russischen Republik Tatarstan. „Unsere phylogenetische Rekonstruktion beweist, dass der isolierte Stamm LAI009 aus Laischewo der Ursprung von Peststämmen aus Süd-, Zentral-, West und Nordeuropa ist. Zusätzlich ist er auch der Stammvater der bereits bekannten Erreger der Pest aus dem 14. Jahrhundert in London und Bolgar (ebenfalls Tatarstan). Wir interpretieren somit LAI009 als ältesten Bakterienstamm, der zu Beginn der zweiten Pestpandemie nach Europa eindrang“, heißt es in der Studie.

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Natürlich sei bei dem eingeschränkten genetischen Material der Skelettfunde immer noch die Möglichkeit gegeben, dass die Pest dieser speziellen Epoche noch frühere Quellen gehabt haben könnte. „Deshalb ist es durchaus möglich“, so Maria Spyrou, „dass zukünftige Funde weitere Interpretationen der Streuung im westlichen Eurasien zulassen. Sicher ist aber, dass die Spuren des tatarischen Stamms die bisher ältesten entdeckten genetischen Ursprünge der Pandemie sind, die 500 Jahre lang in Europa wüten sollte.“ Der Bakterienstamm entwickelte über die Jahrhunderte mehrere Varianten, die allerdings in der Moderne nicht mehr nachgewiesen werden konnten und somit als ausgestorben gelten.

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