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Gates-Stiftung über Corona-Leugner: “Wir glauben daran, dass man mit Fakten überzeugen kann”

  • Die Gates-Stiftung gehört zu den größten Förderern der Impfstoffforschung weltweit.
  • Anja Langenbucher, Europadirektorin der Stiftung, dringt auf eine faire weltweite Verteilung der Impfstoffe.
  • Schon jetzt leiden gerade Menschen in ärmeren Ländern erheblich durch die Pandemie: Ausgefallene Routineimpfungen kosteten zahlreiche Menschenleben.
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Berlin. Anja Langenbucher ist Europadirektorin der Bill and Melinda Gates Foundation. Die Volkswirtin arbeitete bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und der Weltbank, bevor sie 2010 zur Gates-Stiftung kam. In Europa hat die Stiftung zwei Büros – in London und Berlin.

Frau Langenbucher, in Deutschland steigen die Infektionszahlen stark an. Eine der Aufgaben der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, deren Europadirektorin Sie sind, ist die Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung für Fragen des Gesundheitsschutzes. Wie hält man Menschen bei der Stange, die nach sechs Monaten Pandemie der Einschränkungen müde sind?

Wir sind eine Organisation, die auf Datenbasis handelt, um die Anliegen von Menschen in den Entwicklungsländern sichtbar zu machen. Wir glauben daran, dass man die Menschen mit Fakten und Zahlen überzeugen und sie an ihre Verantwortung erinnern kann. Wir erstellen zum Beispiel einmal im Jahr einen Bericht, in dem wir die Auswirkungen von Infektionskrankheiten sehr anschaulich darstellen. Da sehen wir zum Beispiel, dass infolge der Corona-Pandemie insgesamt 68 Millionen Menschen wieder unter die Armutsgrenze gerutscht sind. Das sind schlimme Zahlen.

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Anja Langenbucher, Europadirektorin der Gates-Stiftung. © Quelle: Gates-Stiftung

Und das lässt sich auf alle Länder übertragen?

Ja. Man kann zeigen: Seht mal, wenn ihr so weitermacht, dann landen wir da. Dann erkranken so und so viele Menschen schwer. Dann machen so und so viele Unternehmen zu. Der kleine Shop um die Ecke, der schafft das nicht. Das verdeutlicht die Konsequenzen des eigenen Handelns – und zeigt zugleich Möglichkeiten, daran mitzuwirken, dass es nicht so kommt.

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“Wir haben einen guten Überblick”

Wann wird ein Impfstoff diese Bemühungen unnötig machen?

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Wir haben einen guten Überblick über die mehr als 150 Ansätze – einen genauen Zeitplan können wir leider dennoch nicht geben. Aber das Wichtigste ist – und darauf zielen auch alle unsere Bemühungen –, dass wir am Schluss einen Impfstoff haben, der verlässlich und sicher ist, der erschwinglich ist, und dass wir für möglichst viele Menschen einen gleichberechtigten Zugang dazu gewährleisten können.

Sie fördern die Entwicklung von Impfstoffen mit mehreren Hundert Millionen Euro im Jahr. Wie entscheiden Sie, welche Ansätze Sie unterstützen?

Wir fördern sehr breit, vor allem über Cepi, die Coalition of Epidemic Preparedness Innnovations, eine Partnerschaft von WHO, Regierungen, Forschungseinrichtungen und anderen. Wir konzentrieren uns tatsächlich auf die Impfstoffe, von denen wir denken, dass sie schnell skalierbar sind, günstig sind und bei denen vor allem der Zugang der Ärmsten ermöglicht werden kann.

“Eine extrem temperaturanfällige Technologie”

Ist das kein Widerspruch? Die modernen mRNA-Impfstoffe, wie sie etwa die deutschen Unternehmen Curevac und Biontech entwickeln, sind schnell in großen Mengen herstellbar – aber beim Transport so aufwendig zu kühlen, dass man sie etwa in Afrika schwerlich einsetzen kann.

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Die Technologie hat sehr große Vorteile. Es ist eine Plattformtechnologie, die man später auch für andere Krankheiten einsetzen kann. Aber sie ist eben auch extrem temperaturanfällig. Wir fördern sehr viele Ansätze, auch um am Ende auswählen zu können, welcher sich am besten eignet.

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Wie sollen sich ärmere Länder den Impfstoff leisten können – und ihn am Ende auch gerecht verteilen?

Eines der effektivsten und stärksten Instrumente ist für uns die Impfallianz Gavi, die wir über die letzten zehn, 15 Jahre mitentwickelt haben. Gavi hat unglaubliche Erfolge erzielt, und das beruht auf zwei Eigenschaften: Gavi fasst mehrere Geldgeber und Empfänger zusammen, sodass Impfstoffe billiger eingekauft werden. Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Unicef, die in den Ländern für die Einspeisung in die lokalen Gesundheitssysteme zuständig ist. Wichtig ist, dass man am Ende eine Routine für die wichtigsten Impfungen hinbekommt. Und da sehen wir schon jetzt, wie die Pandemie diese Routinen durcheinanderbringt.

“Das macht viele Fortschritte zunichte”

Mit welchen Folgen?

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Das macht viele Fortschritte der letzten Jahre zunichte. Wir haben gesehen, dass die Impfquoten auf den Stand der Neunziger zurückgegangen sind, was uns einholen wird. Weil wir viel mehr Krankheitsbilder, die wir überwunden geglaubt haben, nicht mehr im Griff haben. Durch die Impfungen konnten gegenüber den Siebzigerjahren mehr als zwei Millionen Todesfälle vermieden werden. Dieser Fortschritt steht durch die Pandemie nun auf dem Spiel.

Pharmaindustrie und viele Länder haben sich zu einer gerechten Verteilung verpflichtet. Aber wird sich, wenn endlich ein Impfstoff bereitsteht, nicht jedes Land selbst das nächste sein?

Wir können nur immer wieder darauf hinweisen, dass eine globale Lösung die bessere ist – und auf die Kraft der Argumente setzen. Wir wissen, dass es nichts bringt, wenn sich nur einzelne Länder schützen. Wir wissen, dass das mehr Menschenleben kosten wird und dass es die Welt nicht sicherer machen wird. Wir müssen die klaren Vorteile dieser multilateralen Lösung aufzeigen.

“Wir fordern Transparenz”

Bei den angepeilten Preisen gibt es große Unterschiede. Darf man mit einem Covid-Impfstoff Gewinn machen – zumal wenn die Entwicklung gefördert wurde?

Die Technologien sind sehr unterschiedlich, deshalb ist Vergleichbarkeit schwierig. Zu sagen, wie der Preis genau aussehen müsste, ist kaum möglich. Wir fordern Transparenz, das ist extrem wichtig. Aber wir sehen auch eine Bereitschaft zur Transparenz, auch in der Privatwirtschaft.

Beunruhigt Sie die wachsende Skepsis gegenüber einem Impfstoff, wie sie sich in Deutschland derzeit in Umfragen zeigt?

Wir sehen die Wirksamkeit von Impfstoffen und dass sie Menschenleben auf die effektivste Art retten können. Deswegen macht uns das Sorgen, aber wir hoffen, dass die Fakten am Ende möglichst viele Menschen überzeugen werden, dass es die richtige Lösung ist, um uns alle zu schützen.

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Anfeindungen? “Wir versuchen, das zu verstehen”

Ausgerechnet der Gründer Ihrer Stiftung, Bill Gates, ist zur Reizfigur für Verschwörungstheoretiker und Impfgegner geworden. Können Sie sich das erklären?

Wir sprechen mit Experten darüber, aus welchen Gruppen das kommt und was die Hintergründe sind. Wir versuchen, das zu verstehen. Für uns wird es eine gefährliche Diskussion, wenn es wirklich Gesundheitsrisiken nach sich zieht. Gerade auch, wenn man Demos sieht, wo Menschen dazu animiert werden, keine Masken zu tragen. Man gefährdet eine große Zahl anderer Menschen damit, deshalb macht es uns Sorgen.

Sind Sie persönlich angefeindet worden?

Unserem Team in Berlin ist das glücklicherweise noch nicht passiert. Aber wenn man viel in den sozialen Medien aktiv ist, erlebt man teilweise schon unfreundliche Reaktionen.

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