Füttern im Winter: „Viele Vögel sind noch da“

Im Winter, wenn es draußen stürmt und schneit, grieselt und sehr ungemütlich ist, hockt der eine oder andere Vogel auf dem Balkon oder im Garten und harrt aus. Mit wenigen Tipps können Sie den Piepmätzen über die kalte Jahreszeit helfen.

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Hannover. Füttern oder nicht füttern? Das fragen sich in winterlichen Tagen viele Vogelliebhaber. Für den Ornithologen und ehemaligen Direktor der Vogelwarte Radolfzell am Max-Planck-Institut, Professor Peter Berthold, ist die Antwort klar: „Ganzjähriges Füttern ist eine moralische Pflicht.“ Im Interview spricht der Experte über Fressvorlieben unserer gefiederten Freunde, das ideale Futterhäuschen und darüber, wie sich der Klimawandel auf die hiesige Vogelpopulation auswirkt.

Das Vogelhäuschen bleibt leer: Was mache ich falsch?

Nichts. Die Monate September, Oktober und November und bis in den Dezember hinein sind die entspanntesten für Vögel. Die Brut ist ausgeflogen, die Zugvögel sind schon weg.

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Was muss ich bei der Platzierung des Vogelhäuschens bedenken?

Wenn man einen großen Hausgarten hat, sollte es sich weder im finstersten Gebüsch noch genau in der Mitte einer Rasenfläche befinden. Das wäre zu riskant, um nur für ein Körnchen Futter aus dem Versteck zu fliegen. Die Futtersuche ist für kleine Vögel jedes Mal eine lebensbedrohliche Situation.

Und wer keinen eigenen Garten besitzt?

Auf einem Balkon in einem Mehrfamilienhaus können Sie natürlich auch platzsparende Futtersilos benutzen. Diese sollten aber nicht zu dicht an der Brüstung hängen, sondern lieber etwas weiter im Balkoninneren, damit sich der Nachbar unter Ihnen nicht aufregt, dass zu viele Schalen von Sonnenblumenkernen bei ihm rumliegen. Die Vögel sind dort auch etwas geschützter.

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In welcher Höhe sind denn die meisten Vögel unterwegs?

Wer im 14. Stock in einer Hochhaussiedlung auf Vogelbesuch hofft, kann lange warten. Wohnen Sie aber im vierten Stock, möglichst noch mit Baumkronen in der Nähe, werden die Vögel scharenweise vorbeifliegen – mehr sogar als in einer Parterrewohnung.

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Silo, Futterhäuschen oder Knödel – was empfehlen Sie?

Das althergebrachte Futterhaus ist immer noch das Mittel der Wahl. Es sollte schön groß und geräumig sein, wie etwa das Hessische Vogelhaus. Das hat fast einen halben Quadratmeter Futterfläche, dabei steht das Dach nur auf kleineren Eckpfosten. 20 Spatzen fliegen da ohne Probleme auf einmal rein.

Ernähren sich alle nur von Sämereien?

Einzelne Vögel lassen sich mit speziellen Sämereien anlocken. Stieglitze etwa können sie regelrecht heranziehen. Bei der Futterwahl sage ich immer: Entweder Sie wollen ein Spezialrestaurant, an dem sich einige die Schnäbel verbrennen – oder es gibt gutbürgerliche Küche. Für die Spezialisten können Sie auch einen Apfel halbieren, halb, damit er nicht runterkullern kann. Da sehen sie hinterher nur noch ein bisschen Schale, sonst ist da alles weg.

Wie lange kommen Vögel ohne Futter aus?

Vögel verheizen pro Nacht rund zehn Prozent ihres Körpergewichts. Die Körpertemperatur kann locker schon mal 43 Grad Celsius betragen. Wenn ein Vogel einen Tag gar nichts frisst und leer brennt, werden schon Teile der eigenen Organe abgebaut.

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Wann sollte ich also mit dem Füttern beginnen?

Meine Maxime ist immer: Füttern Sie das ganze Jahr. Und sogar: lieber im Sommer als im Winter. Das klingt erstmal paradox, oder?

Ja, wieso ist die Sommerfütterung so wichtig?

Durch Monokulturen auf den Feldern, Bebauung und den Einsatz von Pestiziden ist das Nahrungsangebot der Singvögel spätestens seit den 1960er-Jahren immer weiter zurückgegangen. Den höchsten Futterbedarf haben Vögel in den Monaten Mai bis Juli. In den Sommermonaten sind die Tage sehr lang, die Vögel ziehen ihre Jungen auf, müssen selbst Energie tanken. In diesen Monaten sind sie superhyperaktiv! Und wenn sie viel fliegen, verbrauchen sie 25-mal mehr Treibstoff. Im Winter hingegen schieben sie eher eine ruhige Kugel. Wortwörtlich übrigens. Gucken Sie sich mal eine Amsel an, die macht sich kugelrund, stellt die Federn alle auf. Die sind nicht krank, sie sparen so nur Energie.

Was muss ich beim Futter beachten?

Im Grunde genommen kann man drei Futterarten unterscheiden. Erstens: reines Fettfutter wie etwa Meisenknödel. Sie selbst herzustellen, ist immer mit Arbeit verbunden, und es ist auch nicht jedermanns Sache, Rindertalg in der Wohnung zu zerlassen. Da kann man ruhig billige Knödel aus dem Supermarkt nehmen. Zweitens: Streufutter mit einem hohen Anteil an sehr feinen Getreideflocken, die Vorliebe geht querbeet durch die Vogelgesellschaft. Und drittens: Körnermischfutter, das aus großen, mittleren und kleinen Samen besteht. Im Handel bekommt man es meist als Waldvogelfutter. Im Sommer – anders als im Winter – haben Vögel übrigens keine Zeit, Sonnenblumenkerne zu knacken. Da kann man den Anteil der Sonnenblumenkerne reduzieren oder geschälte nehmen. Rosinen sind durchaus ein Leckerbissen – aber nur in kleinsten Mengen, also weniger als ein Prozent der gesamten Futtermenge. Die fressen besonders Eichelhäher und Amseln gern.

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Mit ihrem Buch „Vögel füttern – aber richtig“ gehen die renommierten Ornithologen und Naturschützer Peter Berthold und Gabriele Mohr 200 Jahre bis zum Beginn der modernen Vogelfütterung zurück und geben zahlreiche Tipps – unter anderem für den Bau des idealen Futterhauses.

Vögel füttern – aber richtig“, Kosmos-Verlag, 176 Seiten, 9,99 Euro.

Von Gunnar Müller/RND