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Frauenrechtsexpertin: „Ein radikaler Umschwung der Taliban ist eher unwahrscheinlich“

  • Die Taliban geben sich nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan versöhnlich und wollen auch Frauen gewisse Rechte gewähren.
  • Birgitta Hahn von „Terre des femmes“ ist skeptisch und glaubt, „dass es auf jeden Fall zu einer Beschneidung der Menschenrechte der Frauen kommen wird“.
  • Im RND-Interview erklärt sie, was für die Frauen in Afghanistan nun auf dem Spiel steht.
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Stück für Stück erobern die fundamentalistischen Taliban die Provinzen in Afghanistan. Der Vormarsch der Terrorgruppe versetzt die Menschen vor Ort in Angst. Vor allem die Frauen sorgen sich um ihre Zukunft, denn während der vergangenen Herrschaft der Taliban wurden sie in ihren Grundrechten massiv beschnitten. Die Frauenrechtsorganisation „Terre des femmes“ ist in ständigem Austausch mit ihrer Partnerorganisation in Herat, im Westen Afghanistans. Im RND-Interview erklärt Birgitta Hahn, die bei „Terre des femmes“ für die internationale Zusammenarbeit zuständig ist, was die Machtübernahme der Taliban für die Frauen im Land bedeutet.

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Frau Hahn, wie erleben derzeit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrer Partnerorganisation die Lage in Afghanistan?

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Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – mehrheitlich sind es Frauen und Angehörige der ethnischen Minderheit der Hazara – befinden sich aktuell noch in der Provinz Herat, halten sich aber versteckt. Sie erzählen uns, dass die Präsenz der Taliban immer noch sehr groß ist. Die Anhänger patrouillieren wohl weiterhin durch die Stadt – auf Mopeds, Motorrädern, in Pickups oder zu Fuß. Sie haben Mädchen derweil aufgefordert, wieder in die Schulen zurückzukehren, allerdings in islamischer Bekleidung. Das heißt, sie müssen sich wieder verschleiern. Ob dies mit einer Burka oder einem Tschador geschehen soll, ist nicht klar.

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Afghanistan: Frauen fordern Recht auf Bildung und Sicherheit
1:54 min
Nach der Machtübernahme der radikal-islamischen Taliban versammelten sich afghanische Frauen zu einer kleinen Protestaktion.  © Reuters

Gleichzeitig haben die Taliban wohl verkündet, dass Mädchen bis zur siebten Klasse von Männern oder Frauen, und danach ausschließlich von Frauen unterrichtet werden sollen. Wobei noch nicht sicher ist, ob es überhaupt eine weiterführende Bildung geben wird. Die Universitäten in Herat sind zum Beispiel noch für Frauen geschlossen. Außerdem sei das neue Personal des Rathauses und des Bürgeramts öffentlich vorgestellt worden. Dabei handele es sich ausschließlich um männliche Mitarbeiter. Vorher sollen jedoch auch Frauen dort gearbeitet haben.

Das heißt, mit der Machtübernahme der Taliban gehen jetzt vor allem Einschränkungen der Rechte und Freiheiten von Frauen einher?

Ich denke, das muss man schon auf jeden Fall so sehen. Die Taliban treten aktuell anders öffentlich auf, als sie es während ihrer Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001 getan haben. Ihnen ist sicherlich bewusst, dass sich jetzt die internationale Aufmerksamkeit auf ihr Tun und Handeln richtet.

Inwiefern hat sich das Verhalten der Taliban geändert?

Sie geben zum Beispiel vor, Mädchenbildung sei kein Problem und auch in manchen Berufen stünden Frauen alle Türen offen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob das tatsächlich so umgesetzt wird. Ich denke, ein radikaler Umschwung der Taliban ist eher unwahrscheinlich. Unsere größte Befürchtung ist, dass sie ein anderes Gesicht zeigen, sobald sie alle Machtpositionen vollständig übernommen haben und sich die internationale Gemeinschaft zurückgezogen hat.

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Welche Rechte hatten denn Frauen während der vergangenen Taliban-Herrschaft?

Das war schon sehr verheerend. Frauen durften sich in der Öffentlichkeit zum Beispiel nur mit einer männlichen Begleitperson aufhalten. In sehr konservativen Gebieten sollten sie in der Öffentlichkeit möglichst wenig sprechen, um die Männer mit ihren Stimmen nicht zu erregen beziehungsweise zu reizen. Sie mussten sich vollverschleiern, also etwa eine Burka tragen. Mädchenbildung war den Taliban ein Dorn im Auge. Es war den Mädchen untersagt, zur Schule zu gehen. Frauen haben sich weitgehend zu Hause aufgehalten. In Fällen von häuslicher Gewalt, die häufig vorkamen, hatten sie keine Handlungsmöglichkeiten. Das Gewaltschutzgesetz wurde erst 2009 eingeführt. Frauen durften keinen Sport treiben, konnten nicht arbeiten gehen und wurden zwangsverheiratet.

Birgitta Hahn ist bei „Terre des femmes“ für die internationale Zusammenarbeit zuständig. © Quelle: Birgitta Hahn
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Die Frauen konnten nicht selbstbestimmt leben.

Genau. Sie wurden weitgehend kontrolliert und fremdbestimmt von männlichen Angehörigen beziehungsweise ihren Ehemännern und dem Taliban-Regime. Sie wurden nicht als eigenständige, selbstbestimmte oder zur Selbstbestimmung fähige Persönlichkeiten angesehen. Es gab für sie zum Teil auch drakonische Strafen – also öffentliche Hinrichtungen, Steinigungen oder Auspeitschungen. Da reichte es beispielsweise aus, wenn sie mit einem nicht verwandten Mann telefoniert hatten.

Glauben Sie, eine solche Schreckensherrschaft wird sich jetzt wiederholen?

Das gilt es abzuwarten. Ich glaube aber, dass es auf jeden Fall zu einer Beschneidung der Menschenrechte der Frauen kommen wird. Ob sich die Schreckensherrschaft jetzt exakt so wiederholen wird, das ist im Moment sehr schwer abzuschätzen. Das hängt auch davon ab, wie stark die Befürwortung der Taliban-Herrschaft in der Bevölkerung ausfällt und welcher Widerstand ihnen entgegengebracht wird. Auch welche Forderungen die internationale Gemeinschaft stellt, spielt dabei eine Rolle. Ich denke, da ist im Moment vieles im Unklaren. In jedem Fall sind die Frauen um ihre Zukunft sehr besorgt.

Welche Frauenrechte stehen genau auf dem Spiel?

Es sind elementare Rechte. Zum Beispiel das Recht auf Bildung: Können Mädchen weiterhin die Schule besuchen? Wird eine weiterführende und höhere Bildung gewährleistet sein? Wird eine Berufsausbildung möglich sein? Das allein ist schon ein großer Rechtsbereich. Es geht aber auch um die Möglichkeit, eigenes Einkommen zu erwirtschaften, sich beruflich weiterzuentwickeln, sich etwas aufzubauen, vielleicht ein eigenes Unternehmen zu gründen, also beruflich und auch wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen zu können. Und ganz essentiell ist die Selbstbestimmung der Frauen. Also werden sie nur als die Mutter, die Schwester, die Ehefrau von irgendjemandem betrachtet, oder als eigenständige Personen mit einem Selbstbestimmungsrecht über das eigene Leben, die medizinische Versorgung, die Bildung, über die Gestaltung ihres Lebens.

Was fordern Sie von der Bundesregierung und der internationalen Gemeinschaft?

Wir fordern eine Luftbrücke, damit jetzt möglichst viele Menschen, insbesondere Aktivisten und Aktivistinnen, außer Landes gebracht werden können. Wir bemühen uns selbst händeringend darum, dass die Mitarbeitenden unserer Partnerorganisation zeitnah aus Afghanistan ausreisen können. Ob das gelingen wird, wissen wir leider noch nicht. Außerdem fordern wir die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft dazu auf, sich für die Menschenrechte der Frauen stark zu machen. Sie müssen bestmöglich geschützt und verteidigt werden.

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