• Startseite
  • Wissen
  • Forscher: Mikroklima im Wald wird bei Klima-Prognosen nicht genug bedacht

Forscher: Mikroklima im Wald wird bei Klima-Prognosen nicht genug bedacht

  • Der Wald und insbesondere Baumkronen werden Wissenschaftlern zufolge zu wenig berücksichtigt.
  • Das spezielle Mikroklima dort sei aber wichtig für die Erstellung von Zukunftsprognosen zu Klimawandel und Artenrückgang.
  • Waldbewirtschafter sollten Kronendächer im Wald möglichst nicht auflichten, fordern die Forscher.
Anzeige
Anzeige

Dichte Baumkronen können Pflanzen und Tiere am Boden eines Waldes vor extremen Temperaturen und vor anderen Folgen des Klimawandels schützen. Lichtet sich das Blätterdach, kann die Temperatur am Boden andersherum schnell stark steigen, was eine Veränderung der Artenvielfalt nach sich ziehen kann.

Das berichtet eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Florian Zellweger von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf (Schweiz) im Fachmagazin “Science”. Bisher werde das spezielle Mikroklima am Waldboden bei Prognosen zu den Auswirkungen des Klimawandels nicht ausreichend berücksichtigt.

Video
Umweltministerin Schulze in RND-Videoschalte: "Gut, dass Fridays for Future weiterkämpft"
4:50 min
Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) spricht im Interview mit RND-Hauptstadtkorrespondentin Marina Kormbaki über Klimaschutz in der Corona-Krise.  © RND
Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Für solche Prognosen werden überwiegend die Temperaturwerte von Messstationen herangezogen, die die Temperaturen etwa zwei Meter über dem Boden auf freier Fläche messen. “Die meisten Organismen auf der Erde erleben jedoch Temperaturbedingungen, die sich vom Makroklima unterscheiden”, schreiben die Wissenschaftler. So könnten die Landschaftsform und die Vegetation durch Verschattung, Luftmischung und Verdunstungsraten sehr unterschiedliche Mikroklimate in Bodennähe erzeugen.

Gesunder Wald: Dichte Baumkronen wichtiger als bislang angenommen

Anzeige

Die Forscher maßen nun in 100 Wäldern in 56 Regionen Europas mit gemäßigtem Klima die Temperaturen im Unterholz. In einem Computermodell kombinierten sie die Ergebnisse mit Aufzeichnungen über die Dichte des Baumkronendachs von 2955 Stellen in diesen Regionen. Diese Aufzeichnungen boten Zeitreihen über die Veränderungen im Wald über 12 bis 66 Jahre. Auf diese Weise ermittelten die Wissenschaftler, dass Veränderungen im Makroklima zwar einen Einfluss auf das Mikroklima hatten - 48 Prozent der Veränderungen im Mikroklima waren jedoch nicht mit Veränderungen im Makroklima zu erklären.

Anzeige

Überhaupt war das Mikroklima in den untersuchten Gebieten um 45 Prozent variabler als das Makroklima. Denn wenn das Blätterdach im Laufe der Zeit dichter wird, verringert es die Klimaerwärmung am Boden. Umgekehrt erwärmt sich der Boden umso schneller, wenn sich der Wald lichtet - aus natürlichen Gründen oder aufgrund von Eingriffen des Menschen. “Dieses Wissen ist wichtig, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Artenvielfalt der Wälder zu verstehen”, wird Zellweger in einer Mitteilung seiner Forschungsanstalt zitiert.

Video
Deutsche Wälder leiden unter der Trockenheit
1:33 min
Dem Wald in Deutschland geht es schlecht. Genau wie im letzten Jahr macht ihm die anhaltende Trockenheit schwer zu schaffen.  © Reuters

Mikroklima im Wald bei Klima-Prognosen einbeziehen

Anzeige

Die Wissenschaftler plädieren zum einen dafür, das Mikroklima in Wäldern bei Berechnungen zur Entwicklung der Biodiversität einzubeziehen. Zum anderen fordern sie Waldbewirtschafter auf, die Auswirkungen von Forsteingriffen auf die Klimabedingungen am Waldboden und deren Einfluss auf das gesamte Ökosystem zu berücksichtigen. “Eine zu starke Auflichtung des Kronendaches sollte - wo immer es möglich ist - vermieden werden”, sagt Markus Bernhardt-Römermann von der Universität Jena, einer der Ko-Autoren der Studie, laut einer Mitteilung seiner Universität.

“Ein besseres Verständnis des Mikroklimawandels steht am Scheideweg zwischen Klima und Biodiversitätskrise und ist für die Bekämpfung beider von grundlegender Bedeutung”, schreiben Jonas Lembrechts und Ivan Nijs von der Universität Antwerpen (Belgien) in einem Kommentar zu der Studie. Als weiteres Beispiel für mögliche Auswirkungen des Makroklimawandels auf das Mikroklima am oder im Boden nennen sie nachlassenden Schneefall in nördlichen Regionen. Dies könne zu verstärktem Bodenfrost führen, weil die Schneedecke den Boden auch vor Auskühlung schützt.

RND/ dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen