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„Massiv gestört, aber nicht zerstört“

Welche Folgen hat das Fischsterben in der Oder für das Ökosystem?

Ein toter Fisch liegt am Ufer der Oder.

Ein toter Fisch liegt am Ufer der Oder.

Herr von Tümpling, Umweltministerin Steffi Lemke bezeichnet das Fischsterben in der Oder als „Umweltkatastrophe“. Wie groß ist aktuell der Schaden?

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Der Schaden ist immens und gravierend. Das ist ein Ereignis, das in dieser Dimension absolut außergewöhnlich ist. Wir reden nicht von einem regionalen Fischsterben, sondern das ist ein katastrophaler Fall für das Ökosystem der Oder. Es gibt aber Anzeichen, die darauf hoffen lassen, dass es sich nur um eine Schadstoffwelle gehandelt hat.

Wolf von Tümpling ist promovierter Chemiker und leitet die Abteilung "Gewässeranalytik und Chemometrie" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg.

Wolf von Tümpling ist promovierter Chemiker und leitet die Abteilung "Gewässeranalytik und Chemometrie" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg.

Was bedeutet das?

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Das heißt, zu diesem Zeitpunkt ist ein Großteil der Fische getötet worden. Sie sind eine wichtige Komponente für das Funktionieren des Ökosystems. Man kann aber davon ausgehen, dass Individuen in den Nebengewässern überlebt haben. Inwiefern andere Organismengruppen betroffen sind, ist noch unklar.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass das Ökosystem der Oder nicht vollkommen zerstört ist.

Es ist massiv gestört, aber nicht zerstört. Erste kleine Fische wurden bereits wieder gesichtet. Das spricht dafür, dass es eine Schadstoffwelle gewesen ist, die das Fischsterben verursacht hat. Und die Tiere, die die Chance hatten, dieser Welle auszuweichen, leben noch. Aber es wird dauern, bis sich ein neues Gleichgewicht im Fluss einstellt.

Wie lange?

Das kann Jahre dauern. Aber ich gehe in jedem Fall davon aus, dass sich die Oder wieder regenerieren wird – vorausgesetzt, es handelt sich um einen im Wasser gelösten Schadstoff, der für das Fischsterben verantwortlich ist, und nicht um einen an Partikel gebundenen.

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Was wäre das Problem bei einem an Partikel gebundenen Schadstoff?

Er hätte langzeitliche Folgen. Denn der Schadstoff kann sich im Sediment, am Grund des Flussbettes, ablagern. Dann stellt sich die Frage: Wie wird er remobilisiert, also in eine weniger stark gebundene oder lösliche Form zurückgeführt? Deshalb bleibt die Hoffnung, dass es sich um einen im Wasser gelösten Schadstoff handelt. Dann hätte das Ganze nur eine akute Kurzzeitwirkung.

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Können wir als Menschen den Regenerationsprozess der Oder beschleunigen?

Dafür muss die Fischerei nachhaltig erfolgen und sich an die Regeneration der Bestände anpassen. Denn das Ökosystem muss sich erst einmal wieder aufbauen, ehe man daraus etwas entnehmen kann. Und wir dürfen nicht vergessen: Auch ohne eine zusätzliche Schadstoffbelastung steht das Ökosystem unter Stress. Zum Beispiel durch eine Grundbelastung an anderen Schadstoffen und Nährstoffen, durch hohe Temperaturen oder durch den Verbau und dem damit verbunden Verlust von Habitaten. Entlastung an anderer Stelle hilft, um die Erholung zu fördern und das Ökosystem robuster gegenüber zukünftigen Störungen zu machen.

Im schlimmsten Fall könnte es sogar passieren, dass sich die Ursache überhaupt nicht herausfinden lässt.

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In der Oder wurde ein hoher Salzgehalt nachgewiesen. Inwiefern ist das problematisch?

Wenn wir als Menschen Salzwasser trinken würden, würden wir verdursten. Denn der Salzgehalt verändert die Druckverhältnisse im Körper dramatisch. Das Salz entzieht unserem Körper Wasser, sodass wir verdursten. Gleiches gilt für die Fische. Wenn Süßwasserfische zu viel Salz zu sich nehmen, trocknen sie aus. Sicherlich, leicht erhöhte Salzgehalte stellen für die Fische noch keine Gefahr dar. Daran können sie sich gewöhnen. Aber die Salzgehalte, die in der Oder gemessen wurden, sind enorm hoch. Ob sie allein ursächlich für das Fischsterben sind, ist jedoch schwer abzuschätzen.

Warum ist die genaue Ursache für das Fischsterben noch unklar?

Das hat nichts mit der Trägheit von Behörden oder von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu tun. Sondern den ursächlichen Schadstoff zu finden, ist extrem schwierig. Es gibt ein behördliches Monitoring, mit dem sich genau nachverfolgen lässt, was im Einzugsgebiet passiert. Also, wird Düngemittel ins Gewässer eingebracht? Was könnten für Pestizide ins Wasser gelangen? Gibt es in der Nähe Industriebetriebe, die Abwässer in die Flüsse leiten? Das wird immer überprüft. Auch werden Gewässer auf Schwermetalle und Quecksilber kontrolliert. Als Analytiker versuchen wir immer etwas nachzuweisen, was bekannt ist. Ein Pestizid, ein Schwermetall, Salz, ein Nährstoff – egal, was es ist, wir suchen danach. Was an der Oder passiert, ist schon beinah forensische Arbeit.

Inwiefern?

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Weil wir etwas nachweisen müssen, was noch unbekannt ist. Bei der Millionenmenge von organischen Verbindungen, die existieren, ist das extrem schwierig und kostet viel Zeit. Es werden jetzt etliche Proben aus der Oder genommen. Aber die Frage ist auch, wie lange der gesuchte Schadstoff im Wasser nachweisbar ist. Es gibt Substanzen, die zersetzen sich. Dann kann es passieren, dass die Proben, die gesammelt wurden, schon gar nicht mehr mit den Proben vergleichbar ist, die gelagert wurden. Das ist ein Krimi. Im schlimmsten Fall könnte es sogar passieren, dass sich die Ursache überhaupt nicht herausfinden lässt.

Fischsterben in der Oder: Gesamtes Ökosystem geschädigt

Noch immer steht nicht fest, was genau das massive Sterben der Tiere im deutsch-polnischen Grenzfluss verursacht hat.

Haben die Verunreinigungen im Wasser auch Auswirkungen auf die umliegende Natur? Auf Auen, Wiesen, Felder?

In einem wesentlich geringeren Umfang. Wenn es tatsächlich eine Schadstoffwelle gewesen ist, hat sie sich nur kurzzeitig auf das Ökosystem ausgewirkt. Das heißt, Schadstoffe dürften nicht massiv ins Grundwasser eingedrungen sein. Ich gehe im Moment davon aus, dass die Verunreinigungen keine verheerenden Konsequenzen für den Außenbereich haben.

Am Ende haben wir als Menschen vielleicht langfristig das größte Problem, weil wir die Fischerei nicht mehr so betreiben können, wie wir möchten.

Wie sieht es mit anderen Tieren aus, die im und um das Gewässer leben? Inwiefern sind die betroffen?

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Das lässt sich schwer abschätzen. Eben weil die genaue Ursache für das Fischsterben noch unklar ist. Ist wirklich nur der Salzgehalt Schuld? Oder gibt es noch andere Schadstoffe, die eine Rolle spielen? Mikroorganismen und größere Organismen reagieren unterschiedlich stark auf Salz – und auch auf andere Schadstoffe. Klar ist aber: Das Fischsterben wirkt sich auf die Nahrungsketten aus.

Inwiefern?

Es gibt jetzt erst mal keinen Fisch, der beispielsweise bis zuletzt Nahrungsgrundlage für Vögel wie Fischreiher gewesen ist. Essen die Reiher die toten Fische, kann es wiederum sein, dass sie sich vergiften. Also die Wasser-Land-Kopplung ist auf jeden Fall beeinträchtigt. Und auch im Gewässer stimmt das Gleichgewicht nicht mehr: Jede Menge große Fische sind verendet, die noch mal hätten laichen können. Es fehlt nun an Nachfolgegenerationen. Es braucht einfach Zeit, bis sich die Natur wieder regeneriert. Am Ende haben wir als Menschen vielleicht langfristig das größte Problem, weil wir die Fischerei nicht mehr so betreiben können, wie wir möchten. Es entsteht ein wirtschaftlicher Schaden, der nicht nur akut ist, sondern sich fortsetzen kann.

Glauben Sie, auch die Fischerei in der Ostsee wird betroffen sein? Wird es auch im Mündungsbereich der Oder, dem Stettiner Haff, ein massives Fischsterben geben?

Das ist schwierig zu sagen. Das hängt von der Strömung ab. Im Idealfall fließen die Schadstoffe am Stettiner Haff vorbei und direkt in die Ostsee, wo sie sehr schnell verdünnen. Es ist aber auch möglich, dass die Insel Usedom doch noch betroffen sein wird.

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