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„Fiese Ratte“ – Sind Ratten wirklich eklig und gemein?

Dreckig, hinterhältig und boshaft: Ratten gelten als Ekeltiere. Der Begriff wird häufig als Schimpfwort verwendet. So bezeichnete etwa US-Präsident Trump die Stadt Baltimore als „ein widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Chaos“. Aber sind Ratten wirklich so schlimm wie ihr Ruf?

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Hannover. „Du fiese Ratte“, „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“ oder auch der „Rattenschwanz an Problemen“ – Redewendungen, die Ratten als negatives Attribut verwenden, gibt es viele. Die Tiere mit dem unbehaarten Schwanz gelten als fies und eklig. In Zeichentrickfilmen sind Ratten häufig die hinterhältigen Bösewichte, wem eines der Nagetiere über den Weg läuft, dem entlockt das meist ein „Ihhh“.

Und auch US-Präsident Donald Trump bediente sich vor Kurzem dem schlechten Ruf der Tiere, als er gegen die Stadt Baltimore im US-Staat Maryland wetterte: Auf Twitter bezeichnete Trump die Stadt als "ein widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Chaos". Aber sind Ratten tatsächlich so eklig und gemein, wie ihr Ruf vermuten lässt?

Von der Wanderratte zum Haustier

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Ratten gehören zu den Nagetieren. Weltweit gibt es rund 65 Arten, die vor allem in Südostasien, Neuguinea und Australien verbreitet sind. Im Mittelalter wanderten die ersten Hausratten in Europa ein. In Deutschland leben heute nur zwei Arten in freier Wildbahn: die Hausratte und die Wanderratte. Die kleinere Hausratte ist hierzulande in den letzten Jahrzehnten sehr selten geworden, während die Wanderratte bei uns weit verbreitet ist. Die graubraunen Tiere sind rund dreißig Zentimeter lang, dazu kommt der lange, unbehaarte Schwanz. Von der wilden Wanderratte stammt auch die domestizierte Farbratte ab, die meist als Haustier gehalten wird.

Ratten sind mit einem starken Überlebensinstinkt ausgestattet. Außerdem können die Tiere sich sehr schnell vermehren. Schätzungen zufolge leben in Deutschland mehrere Millionen Ratten.

Die Ratte als Ekeltier – Woher kommt das Image?

Das schlechte Image der Tiere ist das Ergebnis einer langen kulturellen Tradition. "Die Grundlage des Ekels liegt in der Vergangenheit. Im Mittelalter haben die Ratten sich von den Vorräten der Menschen ernährt. Außerdem haben sie Infektionserreger übertragen und damit unter anderem Pest-Epidemien ausgelöst", erklärt Michael Fehr, Leiter der Klinik für Kleintiere an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover.

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Das Bild der Ratte als Ekeltier hielt Einzug in Märchen und Sagen, wie der Sage des „Rattenfänger von Hameln“. Auf diesem Wege wurde das negative Image verbreitet und weitergetragen. Dazu kommt das Äußere der Ratten, das bei einigen Menschen für Abneigung sorgt. „Ratten haben einen langen Schwanz, der nahezu haarlos und etwas schuppig ist“, so Fehr. Gerade bei Menschen, die wenig Bezug zu Tieren haben, würde das Ekel auslösen.

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Ratten sind reinliche Tiere

Zu dem Ekel trägt auch die weitverbreitete Auffassung bei, Ratten seien dreckige Tiere. Tatsächlich ist aber genau das Gegenteil der Fall: „Ratten sind sehr reinlich. Sie putzen sich häufig und betreiben auch gegenseitige Fellpflege“, sagt Fehr. Dass die Nagetiere trotzdem mit Schmutz in Verbindung gebracht werden, liegt dem Experten zufolge an ihrer Lebensweise: Wanderratten leben häufig in Kanalsystemen oder Kellern. „Sie halten sich gerne in dunklen und engen Räumen auf. Das gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit“, erklärt der Tierarzt.

Ratten sind außerdem häufig in der Nähe von Abfallregionen wie Mülltonnen zu finden, was ebenfalls zu ihrem dreckigen Image beiträgt. Das liegt allerdings daran, dass die Nagetiere Allesfresser sind und sich von herumliegenden Essensresten ernähren. „Ratten suchen zum Beispiel auch Bäckereien oder Fast-Food-Läden gerne auf, wenn die Entsorgung von verdorbenem Essen nicht richtig durchgeführt wird oder Essensreste nicht beseitigt werden“, erklärt der Tierarzt.

Das Märchen von der fiesen Ratte

Auch den Glauben an die hinterhältige und bösartige Natur der Ratten kann Fehr nicht bestätigen. „Sie sind von Natur aus nicht aggressiv, nur wehrhaft. Wenn man eine Wildratte anfasst, dann sieht sie das als Bedrohung und wehrt sich durch Beißen.“ Das sei aber lediglich ein natürliches Verhalten. Die als Haustier gehaltene Farbratten suchen den Körperkontakt dagegen sogar. Haben sie sich erst mal an den Menschen gewöhnt, dann kuscheln sie auch gerne.

Auch untereinander sind Ratten sehr sozial. Sie leben gemeinsam in einem Familienverbund und verhalten sich dort sehr fürsorglich. Wenn die Männchen geschlechtsreif werden, kann es allerdings vorkommen, dass sie sich mit anderen Männchen beißen. Und auch wenn eine fremde Ratte in das Gebiet einer Familie eindringt, wird diese durch Beißen verjagt. Das ist laut Fehr allerdings keine spezifische Eigenschaft der Ratten, sondern bei anderen Tieren ebenso zu beobachten.

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Wie intelligent sind die Nagetiere?

Gemein und hinterhältig sind Ratten also nicht. Dass sie intelligent sind, stimmt allerdings – zumindest teilweise. „Ratten können zum Beispiel Kunststücke erlernen. Ihre Lernfähigkeit und das Reaktionsvermögen erwecken den Eindruck einer gewissen Intelligenz“, so der Tierarzt.

Die Lernfähigkeit ist laut Fehr einer der Gründe, warum Ratten auch bevorzugt für Laborexperimente eingesetzt werden. Die Tiere lassen sich gut trainieren und lernen sehr schnell, dass zum Beispiel auf einen Nadelstich eine Belohnung folgt. Außerdem gewöhnen sich Ratten schnell an den Menschen und können in größeren Gruppen auf kleinem Raum gehalten werden.

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Ratten übertragen nur selten Krankheiten

Während die Nagetiere im Mittelalter gefürchtet waren, weil sie die Pest übertrugen, kommen heute Infektionen durch Ratten in Deutschland nur noch sehr selten vor. „Ratten haben ein zoonotisches Potenzial, das heißt, sie können Erreger auf Menschen übertragen“, erklärt Fehr. Allerdings ist das auch bei vielen anderen Tieren der Fall.

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So kann zum Beispiel ein Hautpilz genauso durch Katzen übertragen werden, wie durch Ratten. Die meisten Erkrankungen werden außerdem nur über einen direkten Kontakt mit den wilden Nagetieren übertragen. Da diese sehr scheu und außerdem dämmerungs- oder nachtaktiv sind, kommen die meisten Menschen mit den Tieren kaum in Kontakt.

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Trotzdem stellen wilde Ratten ein Hygienerisiko dar und sollten deswegen aus dem Haus ferngehalten werden. Fehr rät deswegen, alle Zugänge zum Haus geschlossen zu halten. „Ratten halten sich häufig in der Kanalisation auf und können zum Beispiel über Abwasserrohre oder den Regenwasserkanal ins Haus gelangen.“ Und das auch, wenn Wasser in den Rohren steht – denn die Tiere können tauchen und schwimmen. Mit einem Deckel vor den Rohren kann der unerwünschte Ratten-Besuch jedoch einfach verhindert werden.

Rattenkäfig, Rattenfalle, Rattengift: So bekämpfen Sie die Nagetiere

Wer eine Ratte bei sich im Haus entdeckt, hat verschiedene Möglichkeiten, das Tier wieder loszuwerden. „Gerade wenn mehrere Ratten eingedrungen sind, sollten Betroffene sich professionelle Hilfe holen“, rät Fehr. Schädlingsbekämpfer können die Tiere entfernen. Findet man eine einzelne Ratte, kann man diese auch selbst fangen. Dabei sollte die Ratte allerdings auf keinen Fall angefasst werden, da sie sonst beißen könnte.

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Auch mit Rattengift lassen Ratten sich entfernen. „Das Gift stört die Blutgerinnung im Körper. Das führt dazu, dass die Ratte innerlich verblutet“, erklärt Fehr die Wirkung des Gifts. Allerdings sind die Wirkstoffe nicht nur für Ratten tödlich, sondern auch für Haustiere und Menschen, warnt der Experte. Privatperson dürfen Rattengift seit dem 1. Januar 2013 daher weder erwerben noch anwenden. Dies ist ausschließlich erfahrenen Schädlingsbekämpfern vorbehalten.

Ähnlich wie Mäusefallen gibt es auch Fallen für Ratten, die Tiere mit Futter ködern und sie dann töten. Es gibt aber auch Käfige, die Ratten ebenfalls mit Futter anlocken, sie dann aber lebendig einsperren. Wer einen solchen Käfig aufstellt, sollte ihn regelmäßig kontrollieren, mindestens einmal am Tag. Wird die Ratte gefangen, kann sie in der Natur ausgesetzt werden.

Von Luisa Ziegler/RND

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