• Startseite
  • Lifestyle
  • „Femnet“ und „Öko-Test“: Scharfe Kritik an Produktionsbedingungen von Jeans

„Femnet“ und „Öko-Test“: Scharfe Kritik an Produktionsbedingungen von Jeans

  • Das Verbrauchermagazin „Öko-Test“ und die Frauenrechtsorganisation „Femnet“ haben Damenjeans von verschiedenen Herstellern getestet.
  • Das Ergebnis: Noch immer arbeiten Näher und Näherinnen in Produktionsländern für einen Hungerlohn.
  • Zudem ist in den Hosen Anilin gefunden worden. Ein Schadstoff, der unter Verdacht steht, krebserregend zu sein.
Anzeige
Anzeige

Hannover. Das Verbrauchermagazin Öko-Test hat zusammen mit der gemeinnützigen Frauenrechtsorganisation Femnet 21 Damen-Jeans unter anderem auf eine faire Produktion geprüft. Die günstigste Hose kostete zehn Euro, die teuerste 150 Euro. Unter den getesteten Anbietern waren etwa H&M, Levis, Primark und Diesel. Das Gesamtergebnis des Tests ist ernüchternd: Keine Jeans wird mit dem Testurteil "gut" bewertet.

Lesen Sie auch: Verdi kritisiert Siegel “Grüner Knopf”: “Weder fair noch sozial nachhaltig”

Öko-Test findet krebserregenden Stoff in 15 Hosen

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Der Praxistest bei den Jeans sei zunächst erfreulich ausgefallen: Alle Jeans seien ziemlich robust und verändern sich beim Waschen nicht wesentlich. Allerdings kritisiert Öko-Test bei 15 Hosen den Schadstoff Anilin, ein Farbbestandteil aus dem Farbstoff Indigo, der unter Verdacht steht, krebserregend zu sein.

Auch interessant: "Öko-Test" findet Formaldehyd in Duschgels für Männer

Jeansmarken wie Diesel, Lee und Mustang verweigern Stellungnahme

Existenzsichernde Löhne habe kein einziger Anbieter nachgewiesen, berichten Öko-Test und Femnet. Fünf Unternehmen antworteten überhaupt nicht auf den Fragebogen von Öko-Test, darunter große Jeansmarken wie Diesel, Lee und Mustang. Unter dem Punkt „Glaubwürdigkeit und Transparenz“ wurde die Sorgfaltspflicht von Unternehmen bewertet, zu der sie aufgrund der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verpflichtet sind. Das bedeutet, dass Unternehmen die Risiken in ihrer Lieferkette erkennen und mit vorbeugenden Maßnahmen dagegen wirken müssen. Doch: Keines der getesteten Unternehmen habe sichergestellt, dass existenzsichernde Löhne bei seinen Zulieferern gezahlt werden.

Anzeige

In Produktionsländern werden faktisch Hungerlöhne gezahlt

Die Zahlung eines Mindestlohns reicht in keinem der Produktionsländer zur Befriedigung der Grundbedürfnisse, so Femnet. In Bangladesch, Moldawien oder Rumänien liege der Mindestlohn nur bei 19 Prozent eines existenzsichernden Lohnes. Faktisch werden Hungerlöhne gezahlt, wobei der Anteil des Lohnes des Nähers oder der Näherin am Preis eines Kleidungsstückes gerade einmal rund ein Prozent betrage. Nur zwei Unternehmen, Armedangels und Hess Natur, setzten konkrete Maßnahmen zu Lohnsteigerungen um, andere würden Pilotprojekte oder Initiativen erwähnen, die jedoch bisher noch keine wesentlichen Lohnerhöhungen bewirkt haben.

Anzeige

Lesen Sie auch: So schwer ist der Kampf für faire Mode

Kaum eine Näherin in Produktionsländern sei älter als 35 Jahre

„Viele der Produktionsfabriken sind große Hallen, oft auch mehrstöckig, mit teils 4000 Näherinnen darin“, beschreibt Gisela Burckhardt von Femnet die Arbeitsplätze. Es sei oft heiß und laut in den Fabriken und die Näherinnen säßen auf schlichten Hockern. „Das bereitet auf Dauer körperliche Probleme, daher sieht man dort kaum eine Frau, die älter als 35 Jahre ist.“ Danach gingen viele Frauen zurück aufs Land. Dort hätten sie dann oft keinen Job und kein Einkommen mehr.

Femnet kritisiert falschen Umgang mit sexueller Belästigung

Hinzu kommt laut Femnet, dass nach wie vor Arbeiterinnen oft vor Belästigung und Demütigung schutzlos sind. Sie bräuchten eine externe Vertrauensperson, an die sie sich bei sexueller Belästigung wenden können. Aber nur wenige Unternehmen würden eine unabhängige und externe Beschwerdestelle schaffen. Die meisten Marken nennen unternehmensinterne Maßnahmen wie Beschwerdeboxen oder Hotlines. Diese bringen laut der Frauenrechtsorganisation aber kaum Erfolge: Die meisten Arbeiterinnen hätten kein Vertrauen in Maßnahmen dieser Art.

Die weltweite Anzahl der Kleidungskäufe habe sich verdoppelt

Anzeige

Ein großes Problem liegt zudem in der massiven Überproduktion an Kleidungsstücken, so Burckhardt. „Von 2000 bis 2015 hat sich weltweit die Anzahl der Kleidungskäufe verdoppelt: von rund 50 Milliarden Kleidungsstücke auf über 100 Milliarden. Wir konsumieren immer mehr und zu immer niedrigeren Preisen.“ Ihrer Ansicht nach brauchen die Arbeiterinnen in Ländern wie Bangladesch oder Indien dringend existenzsichernde Löhne. „Es würde aber schon helfen, wenn jeder weniger und bewusster konsumiert, Klamotten hin und wieder mit anderen tauscht oder eher einmal repariert, bevor sie in der Tonne landen.“

Fair produzierte Kleidung erkennen: Diese Siegel empfiehlt Öko-Test

Über ihr Einkaufsverhalten beeinflussen Unternehmen die Bedingungen in den Textilfabriken, so Öko-Test. Langfristige Zulieferverträge sorgten eher für gute Arbeitsbedingungen. Kurzfristige Bestellungen hingegen setzten die Betriebe und so auch die Beschäftigten unter Druck. Wer bewusster einkaufen möchte, dem empfiehlt Öko-Test sich beim Jeanskauf an den Siegeln der "Fair Wear Foundation" (FWF) und der "Globale Organic Textile Standard" (GOTS) zu orientieren. GOTS setze hohe Umweltschutz-Maßstäbe, FWF stehe für anspruchsvolle Sozialstandards. Im Test bezogen sich allerdings nur zwei Anbieter bei der Einkaufspraxis auf ihre Mitgliedschaft in der FWF, die Öko-Test als Goldstandard ansieht. Grund: Die FWF bewertet die Einkaufspraxis ihrer Mitglieder unabhängig und veröffentlicht sie.

Das könnte Sie auch interessieren: So shoppen wir die Umwelt kaputt

Von RND