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  • Feminismus am Weltfrauentag: Es reicht nicht ein ‘I’m a feminist’-T-Shirt zu tragen

Teresa Bücker: “Es reicht nicht, ein T-Shirt mit der Aufschrift ‘I’m a feminist’ zu tragen”

  • Der Frauentag – ein Grund zum Feiern oder ein weiterer Anlass für den politischen Kampf?
  • Das haben wir Teresa Bücker gefragt – eine der bekanntesten Netzfeministinnen in Deutschland.
  • Im RND-Interview spricht sie über Feminismus und Popkultur, Arbeitszeitverkürzung und Proteste gegen das Gendersternchen.
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Frau Bücker, ist der Frauentag aus feministischer Sicht noch zeitgemäß?

Auf jeden Fall. Es ist zwar bereits viel erreicht, doch es gibt noch viele Bereiche, in denen die Geschlechter noch nicht gleichgestellt sind und Frauen explizit diskriminiert werden. Gesetze werden in dieser Hinsicht sehr zögerlich erlassen und brauchen dann eben Jahre und Jahrzehnte, um zu wirken. Das hat zuletzt nicht nur der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung gezeigt.

Wo werden Frauen noch diskriminiert?

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Das sind Themen wie Lohngleichheit und Diskriminierung in der Arbeitswelt – und ein Bereich, der mir besonders am Herzen liegt, ist die Frauengesundheit: Es gefährdet die Gesundheit von Frauen, dass in der Geburtshilfe gespart wird, dass es nicht genügend Hebammen gibt, dass Kreißsäle geschlossen werden und der Personalmangel ein Risikofaktor ist. In einigen Bundesländern finden Frauen auch keine Ärzte, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen – und fahren mitunter in die Niederlande. Es scheitert derzeit am politischen Willen, hier etwas zu ändern. Es ist bekannt, dass sich die Situation in der Geburtshilfe verschlechtert. Das ist eine Frage von politischer Priorisierung und etwas lösen zu wollen. Man muss anerkennen, dass Frauen diese Art von Versorgung brauchen – und man könnte dem Gesundheitssystem hier eine inhärente Frauenfeindlichkeit unterstellen.

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Frauen als Ausnahme – Männer als Standard?
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Frauen leben in einer datenbasierten Männerwelt. Als Standard gilt der Mann und nicht die Frau - in der Medizin, im Alltag und in vielen anderen Bereichen.  © Hannah Suppa/RND
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Der Frauentag als Feiertag, gendergerechte Sprache in Behörden, sensiblerer Alltagsumgang nach #MeToo: Der Feminismus feiert große Erfolge – vieles, was vor Jahren noch undenkbar schien, ist plötzlich möglich. Ist die Gleichstellung der Geschlechter irgendwann erreicht – oder ist es nicht vielmehr so, dass sich unsere Definition von Gleichstellung permanent wandeln muss?

Beides trifft zu – wir machen die ganze Zeit Fortschritte, auch auf gesetzlicher Seite. Was typisch ist für feministische Bewegungen, ist, dass man eigentlich permanent dazulernt und feststellt, welche Diskriminierungsstrukturen oder -mechanismen noch übersehen wurden. Der Feminismus schaut heute aber nicht nur auf die Geschlechter: So gibt es zum Beispiel nicht nur Lohnungleichheiten, also ein Pay Gap, zwischen Frauen und Männern, sondern auch zwischen Frauen, die hier geboren sind und Migrantinnen. Rassismus und Sexismus treffen an der Stelle zusammen. Feminismus befasst sich auch mit mehr als mit zwei Geschlechtern – auch die dritte Option ist ja inzwischen gesetzlich anerkannt. Feminismus erweitert den Blick permanent und möchte eine menschlich gute Gesellschaft für alle schaffen – und fokussiert sich gar nicht mehr nur auf das Geschlecht.

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Doch es wirkt manchmal so, als gehe es im Feminismus vor allem darum, mehr Frauen in Karrierepositionen zu bringen. Ist das nicht wiederum eine elitäre Debatte, die viele Frauen von vornherein ausschließt?

Ja, durchaus. Der Feminismus, der sich gerade politisch abbildet, ist eher elitär orientiert – und verkauft das männliche Karrieremodell als das Erfolgsmodell, bei dem die sogenannte Care-Arbeit im familiären Umfeld abgegeben wird. Wir haben also ein Gesellschaftsbild davon, dass alle Menschen in 40-Stunden-Wochen arbeiten sollen – doch das denkt ja eben nicht die Gleichberechtigung für alle mit. Wir haben da den männlichen Maßstab, der auch für Frauen gesetzt wird. Was völlig vergessen wird: Wer kümmert sich denn um die Kinder? Und um pflegebedürftige Familienmitglieder? Das sollten Frauen vor allem strukturell hinterfragen. Es ist völlig legitim, so eine Karriere haben zu wollen, aber wir müssen auch sehen, dass das niemals für alle Menschen lebbar sein wird, ohne andere Menschen auszubeuten. Wir sollten diesen Maßstab in Frage stellen und uns fragen: Wie könnte Erwerbsarbeit für alle aussehen, sodass alle in diesem Modell von Arbeitsleben die gleichen Chancen haben, unabhängig von Geschlecht, Anzahl der Kinder, Herkunft – das wäre eine feministische Vision.

Stark und selbstbewusst: So präsentieren sich Frauen derzeit überall auf der Welt bei Frauenrechtsdemonstrationen.

Allein eine Arbeitszeitverkürzung wird aber doch nicht reichen, um Gleichberechtigung zu erreichen.

Dazu kommt natürlich auch der Bereich Kinderbetreuung: Es ist abzusehen, dass wir eine riesige Versorgungslücke haben werden, die nicht zu schließen sein wird. Wir werden viele Eltern haben – und da sind insbesondere Frauen betroffen –, die nicht in den Beruf zurückkehren können, weil es die Kita-Plätze nicht gibt. Dafür hat Deutschland kein Konzept, wie Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet werden können, um diesen Bedarf zu decken. Ähnlich sieht es in der Pflege aus. Auch das wird privat von den Familien, und damit meist von Frauen, aufgefangen. Uns muss klar sein: Da, wo Frauen keiner Erwerbsarbeit nachgehen können, verlieren sie Geld und Karrierechancen. Das zeigt sich dann erst einmal in Lohnunterschieden – und langfristig vor allem in geringeren Rentenansprüchen für Frauen. Frauen verbringen ganz viel Zeit damit, unbezahlte Arbeit zu machen und das hat konkrete finanzielle Nachteile – das ist dann bei Trennungen von Partnern relevant und hält Frauen zum Teil auch in Abhängigkeit von Männern. Teilweise auch in gewalttätigen Beziehungen.

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Am Ende sind es meistens wiederum Frauen, die den arbeitenden Frauen Arbeit abnehmen: Tagesmütter, Putzhilfen, Haushaltshilfen. So wird das Problem doch nur verlagert?

So erreichen wir definitiv keine Gleichberechtigung unter allen Frauen. Sogenannte Care-Arbeit muss gerecht verteilt werden – sowohl geschlechter-, als auch klassengerecht. Es sind eben oft Frauen, die dann in diesen Care-Berufen beschäftigt sind. Der Schlüssel ist dann eben auch eine Arbeitszeitverkürzung: Damit sich beide Eltern unabhängig vom Geschlecht um die Erziehung der Kinder kümmern können.

In Finnland hat die Ministerpräsidentin Sanna Marin mit einer lauten Überlegung zur 4-Tage-Woche für große Diskussionen gesorgt. Wäre das aus feministischer Sicht ein richtiger Ansatz?

Die Resonanz, die es auf den Vorschlag von Sanna Marin gegeben hat, zeigt sehr gut, wie groß das Bedürfnis innerhalb der Bevölkerung ist, weniger zu arbeiten – aus guten Gründen und nicht nur, um mehr Freizeit zu haben. Dass das in der Politik nicht aufgegriffen wird, kann ich nicht verstehen. Wir brauchen solche progressiven Vorschläge. Weil die gerechte Verteilung der Care-Arbeit organisiert werden muss in den kommenden Jahren und die Familien da mitmachen müssen – anders wird es nicht gelöst werden können, weil die Erzieherinnen und Erzieher fehlen, weil Pflegekräfte fehlen. Es müssen politische Signale kommen, dass das gesehen wird. Dass auch gesehen wird, dass Menschen zu viel arbeiten – und dass das gesundheitsgefährdend ist. Und es ist die Chance, positive Zukunftsszenarien zu entwickeln und Menschen wieder positiv für Politik zu begeistern. Und es gibt Vorbilder aus anderen Ländern, dass das gut funktionieren kann.

Das Gegenargument könnte sein: In Deutschland gibt es jetzt bereits einen Fachkräftemangel – wenn wir nun noch die Arbeitszeit verkürzen, hat das enorme wirtschaftliche Folgen.

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Dieses Argument wird immer gebracht, um die Diskussion gleich im Keim zu ersticken. Wenn man die klügsten Köpfe zusammenbringt, kann man wirklich etwas entwickeln, wie wir unsere Arbeit ganz neu denken und organisieren. Ideen und gute Lösungen bekommt man eben auch nur dann, wenn man anfängt, daran zu arbeiten und nicht gleich alles abblockt.

Heute sagen viele schnell: “Ich bin Feminist” – es ist fast schon ein popkulturelles Label geworden. Wo verläuft die Grenze zwischen glitzernder Bewegung und Mainstream und ernstgemeinter politischer und gesellschaftlicher Haltung?

Ich finde es gut, dass Feminismus im Mainstream angekommen und auch ein popkulturelles Phänomen ist – denn das öffnet feministische Debatten für ganz viele Menschen. Das ist ein gutes Einstiegstor. Doch daraus muss auch folgen, dass man sich einbringen kann – und das geht noch zu wenig. Es reicht eben nicht, ein T-Shirt mit dem Aufdruck “I am a feminist” zu tragen, sondern die Person sollte sich auch in Organisationen und bei Protesten einbringen können. Aber vor allem auch: im Alltag.

Wie lebt man denn feministisch im Alltag?

Indem man aufmerksam wird für Ungerechtigkeiten – und schaut, wo man selbst dazu beiträgt. Das fängt an beim billig produzierten T-Shirt, bei dem man sich bewusst machen kann, dass es irgendwo auf der Welt von Frauen oder Kindern für einen viel zu geringen Lohn genäht wurde. Oder ich fange damit an, die Putzkraft oder den Babysitter, die ich habe, anzumelden und gut zu bezahlen. Als Mann kann ich dafür sorgen, dass ich mir die Care-Arbeit mit meiner Partnerin fair aufteile und auch damit dafür sorge, dass die Frau finanziell unabhängig sein kann.

Manche (auch Frauen) empfinden zu viel präsenten Feminismus – wie zum Beispiel das Gendersternchen als Gängelung oder sogar als Übertreibung. Nach dem Motto: Haben wir nichts Wichtigeres zu tun?

Wenn man auf gendergerechte Sprache kontert “Haben wir nichts Wichtigeres zu tun?”, dann könnte man auch sagen: Dann brauchen wir uns auch nicht aufregen und können uns schnell an diese kleine Änderung gewöhnen. Wenn man sich aber so darüber aufregt, dann scheint man es ja auch für etwas sehr Großes zu halten. Es ist doch ganz einfach nachzuvollziehen: Fragt man Männer, ob sie es ok finden würden, wenn nur noch die weibliche Form benutzt wird, also nur noch von Lehrerinnen und Verkäuferinnen die Rede ist, dann würde das wohl mehrheitlich abgelehnt. Aber das war bisher der Standard: Dass Frauen über die Sprache unsichtbar gemacht wurden.

Was sollte sich Ihrem Wunsch nach bis zum nächsten Frauentag konkret geändert haben?

Ein Jahr ist natürlich ein relativ kurzer Zeitraum. Aber politisch wäre schon viel zu machen: Die Abschaffung des Ehegattensplittings ist sowas von überfällig – weil es die traditionelle Rollenverteilung in Mann-Frau-Beziehungen festschreibt, wenn der Besserverdiener (meist der Mann) steuerlich gegenüber der Partnerin bevorteilt wird. Das führt dazu, dass Frauen weniger verdienen und in Teilzeit arbeiten. Beim Thema Geburtshilfe hat das Gesundheitsministerium bisher auch einfach keine Idee präsentiert, das wird einfach abgewiegelt.

Auch die kürzliche Elterngeldreform der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat mich enttäuscht: Weil sie die Partnermonate in der Elternzeit nicht angetastet hat. Der Vater muss derzeit weiterhin lediglich zwei Monate Elternzeit nehmen, um Elterngeld bekommen zu können – das hätte erhöht werden müssen. Das sollte auf vier Monate ausgedehnt werden, um Väter stärker in die Pflicht zu nehmen. Gleichzeitig fände ich aber auch einen bezahlten Vaterschutz analog zum Mutterschutz sehr wichtig – damit die Väter acht Wochen nach der Geburt bei der Partnerin sein können. Wenn wir das erreichten, das wäre doch für ein Jahr schon riesengroß.

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