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Evolutionsbiologe zum Artensterben: „Wir sehen gerade nur die Spitze des Eisberges“

Wirbellose Tiere wie Schmetterlinge könnten verschwinden, ohne dass wir es merken, warnt Evolutionsbiologe Glaubrecht.

Herr Prof. Glaubrecht, in Glasgow findet gerade die 26. UN-Klimakonferenz statt. Dabei geht es um Themen wie Finanzen, Energie oder Transport, aber nicht um die Arterhaltung. Überrascht Sie das?

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Das ist tatsächlich überraschend. Wir haben zwar mit dem Klimawandel ein Jahrhundertproblem vor uns, aber das ist eigentlich nicht unser größtes Problem, sondern der Verlust der Biodiversität.

Wie kommt es dann, dass unser Fokus mehrheitlich auf dem Klimawandel liegt?

Die Klimadebatte war lange Zeit ein ausschließlich wissenschaftliches Thema. Und es hat fast vier Jahrzehnte gebraucht, bis es zu einem politischen und gesellschaftlichen Thema geworden ist. Definitiv haben wir beim Artensterben nicht wieder 40 Jahre Zeit. Es ist ein interessantes, kulturanthropologisches oder soziologisches Problem, dass wir uns scheinbar immer nur eine große Problematik auf die Fahne schreiben können. Dabei sehen wir bei der Erde ein multiples Organversagen, das zwei maßgebliche Ursachen hat: den Klimawandel und das Artensterben.

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Prof. Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe am Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels der Universität Hamburg.

Prof. Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe am Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels der Universität Hamburg.

Inwieweit hängen der Klimawandel und das Artensterben miteinander zusammen?

Wir haben ausreichend Daten, die darauf hinweisen, dass der Hauptverursacher des Biodiversitätsverlustes nicht der Klimawandel ist. Klimatische Effekte tragen nur in der Größenordnung zwischen zehn und 15 Prozent zum Artensterben bei. Das heißt: Selbst wenn wir beim Klima alles richtig gemacht hätten, würden wir eine globale Biodiversitätskrise haben.

Was sind denn dann die Hauptgründe für den Artenschwund?

Der Haupttreiber für das Artensterben ist die Landnutzungsänderung. Wir roden Regenwälder, wir betreiben industrielle Landwirtschaft, wir jagen Tiere, wir wildern Tiere, wir plündern sozusagen die Natur aus. Schon jetzt nutzen wir etwa zwei Drittel der Landoberfläche für unsere Belange. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung ist das ein zunehmendes Problem. Ich denke, wir haben die eigentliche Problematik noch gar nicht erkannt. Stattdessen befinden wir uns – bildlich gesprochen – in der Situation einer kleinen Fahrgemeinschaft, die mit 130 Kilometer pro Stunde auf einen Baum zurast und dabei darüber streitet, welche Musik im Radio gespielt wird. Und die Hälfte der Menschheit ist im Kofferraum eingesperrt und hat keine Entscheidungsgewalt.

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Es geht beim Artensterben – genauso wie beim Klimawandel – eigentlich nicht nur um die Erde und das Leben auf der Erde, sondern auch um den Menschen und sein Überleben.

Das heißt, der Mensch ist der Hauptverursacher des Artensterbens.

Der Homo sapiens hat spätestens vor rund 10.000 Jahren damit begonnen, in entscheidender Weise durch seine Landnutzung, seine Landwirtschaft und seine Sesshaftigkeit Spuren auf der Erde zu hinterlassen. Das hat einen Prozess in Gang gesetzt, an dessen Ende wir jetzt erkennen, dass wir selbst der entscheidende Evolutionsfaktor sind. Wir greifen nicht nur in die Geosphäre ein, was einen Klimawandel zur Folge hat, sondern wir greifen auch in die Biosphäre ein und bewirken ein globales, kolossales Artensterben. Und ähnlich wie beim Klimawandel dauert es recht lange, bis die Menschen die Folgen ihres Handelns am eigenen Leib zu spüren bekommen. Es gab immer wieder Leute, die gesagt haben: „Ich sehe keinen Klimawandel. Es reden alle von der Erderwärmung, aber im Winter friere ich immer noch.“ Das ist genauso naiv, als wenn man sagt: „Ich sehe kein Artensterben. Hier fliegen doch noch Schmetterlinge und Vögel.“ Es geht beim Artensterben – genauso wie beim Klimawandel – eigentlich nicht nur um die Erde und das Leben auf der Erde, sondern auch um den Menschen und sein Überleben.

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Ist diese fehlende Sichtbarkeit des Artensterbens vielleicht auch ein Grund, warum das Thema noch nicht in der öffentlichen Debatte angekommen ist.

Natürlich fehlt die Sichtbarkeit des Themas, aber das kann man den aussterbenden Arten nicht vorwerfen. Was wir sehen, ist eigentlich das Resultat unserer eigenen Ignoranz. Wir werden einen Großteil der Biodiversität verlieren und nicht mehr wissen, wie wir mit den biologischen Ressourcen die riesige Menge an Menschen ernähren sollen. Das wird das große Problem. Wir haben noch nicht wirklich verstanden, dass wir nur diesen einen Planeten haben.

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Warum ist die Biodiversität überhaupt so wichtig?

Haben Sie einen Kaffee vor sich stehen?

Nein, gerade nicht.

Egal, ob Sie gerade Kaffee oder etwa Tee trinken, haben Sie die Antwort vor ihren Augen. Denn ebenso wie viele Kräuter werden auch die Kaffeepflanzen von Wildbienen bestäubt. Ein Großteil unserer Nutzpflanzen ist auf die Bestäuberleistung von Insekten angewiesen. Die Fruchtbarkeit der Böden, die Sauberkeit des Wassers und der Luft – alles ist von Pflanzen und Tieren abhängig und damit von ökologischen Geflechten, also basalen biologischen Zusammenhängen. Wenn wir einzelne Kettenglieder schwächen, dann fallen diese biologischen Netzwerke zusammen – und damit sind auch wir als Menschen gefährdet. Es hat also eine Kaskade von Folgen, wenn immer mehr Arten aus ihren vernetzten Ökosystemen entfernt werden.

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Aus dem Bericht des UN-Weltbiodiversitätsrats von 2019 geht hervor, dass bis zu einer Million Arten vom Aussterben bedroht sind – und zwar zum Teil schon in den kommenden Jahrzehnten. Stehen wir vor einem globalen Massensterben?

Ja, wir stehen vor einem massiven Artenschwund und Massensterben. Die meisten Menschen verblüffen diese Zahlen, weil sie beispielsweise gar nicht wissen, wie viele Arten es überhaupt auf der Erde gibt. Wir gehen von acht bis neun Millionen Arten aus. Davon kennen wir aber nur vergleichsweise wenige. Wir haben die vergangenen 250 Jahre gebraucht, um etwas weniger als zwei Millionen Tier- und Pflanzenarten zu entdecken und zu beschreiben; aber gleichzeitig vernichten wir diese in einem gigantischen Ausmaß. Doch wir schauen meist nur auf Schlüsselarten, vor allem unter den Säugetieren und Vögeln; etwa jene, die auf der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) stehen. Gleichzeitig gibt es noch weitaus mehr wirbellose Tiere, die wir gar nicht im Blick haben, aber die etwa für die Böden, Gewässer und andere Lebensräume wichtig sind. Wir werden sie verlieren, ohne dass wir es merken.

Ihr aktuelles Buch, das sich mit dem Artensterben befasst, trägt den Titel „Das Ende der Evolution“. Ist das nicht ein bisschen zu dramatisch?

Ich würde sagen, es ist auf jeden Fall ein provokanter Titel. Damit meine ich jedoch nicht, dass die Evolution als solche ein Ende findet. Das ist überhaupt nicht möglich. Das Leben wird in irgendeiner Form weitergehen. Vielmehr ist mit dem Ende der Evolution gemeint, dass wir die Arten verlieren werden, die mit uns in den letzten Jahrhunderttausenden auf der Erde gelebt haben. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass dann auch der Mensch ausstirbt, aber wir tun uns eben keinen Gefallen, wenn wir die Biodiversität dezimieren. Wir bringen uns damit an vielen Stellen in Schwierigkeiten, wie wir beispielsweise bei der Corona-Pandemie sehen. Weil wir in die Lebensräume der Fledermäuse und potenzieller Zwischenwirte vorgedrungen sind, kam umgekehrt das Coronavirus in die Populationszentren der Menschen. Wir vernichten die Natur, die dann in Form von Pandemien und Krankheiten zurückschlägt. Und ich bin überzeugt, dass wir gerade nur die Spitze des Eisberges der Biodiversitätskrise sehen.

Matthias Glaubrecht: „Das Ende der Evolution – Der Mensch und die Vernichtung der Arten". C. Bertelsmann. 1072 Seiten. 38 Euro (gebundene Ausgabe); 20 Euro (Taschenbuch).

Matthias Glaubrecht: „Das Ende der Evolution – Der Mensch und die Vernichtung der Arten". C. Bertelsmann. 1072 Seiten. 38 Euro (gebundene Ausgabe); 20 Euro (Taschenbuch).

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In der sogenannten Kunming Declaration haben sich fast 200 Staaten weltweit dazu verpflichtet, die Biodiversität bis 2030 auf einen „Weg der Erholung“ zu bringen. Wie bewerten Sie dieses doch sehr abstrakte Ziel?

Man muss sagen, diese Erklärung ist nur ein Zwischenergebnis. Im nächsten Jahr sollen die Beratungen fortgesetzt werden. Ich hoffe sehr, dass dann am Ende ein verbindlicheres Ziel dasteht, das sich politisch auch einfordern lässt. Dieses müsste eigentlich sein, bis 2030 30 Prozent der Erdoberfläche unter Naturschutz zu stellen. Wir müssen der Natur wieder ihren Raum lassen, wir müssen viele Flächen renaturieren und sorgfältiger mit den letzten Naturreservaten umgehen. Es braucht verbindlich, und nicht nur auf dem Papier, einen Schutz beziehungsweise eine Erweiterung der bestehenden Naturschutzflächen. Das alles wird viel Geld kosten, aber es ist nicht so, dass wir da im Dunkeln tappen. Wir wissen, wo bedrohte Arten vorkommen und wo Schutzgebiete erweitert werden müssen. So wenig wie wir uns das Scheitern des Pariser Klimaabkommens erlauben können, so wenig können wir uns erlauben, dass es beim Artenschutz kein verbindliches Ziel gibt, was den Flächenschutz angeht.

Was glauben Sie, welche Welt werden ihre Urenkelkinder eines Tages vorfinden?

Ich mache mir im Augenblick schon Gedanken um die Welt, die meine Kinder vorfinden werden. Es gibt zwei Szenarien, die ich in meinem Buch entworfen habe. Das eine trägt den Titel „Untergang“ und das andere „Rettung“. Das Untergangsszenario tritt ein, wenn es uns nicht gelingt, vor allem die Regenwälder zu erhalten. Dann erleben wir einen großflächigen Verlust der Biodiversität. Meine Kinder und Enkelkinder werden dann eine Welt vorfinden, die von sehr vielen Menschen bevölkert wird und die von kaum kontrollierbaren Kriegs- und Chaoszuständen dominiert wird, weil sich die Menschen um die letzten Ressourcen streiten.

Wir müssen international durch verbindliche Regelungen das Problem des Artensterbens als ein menschengemachtes Problem anerkennen und dafür Maßnahmen und Lösungen in die Wege leiten.

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Das klingt sehr apokalyptisch.

Das ist auch apokalyptisch, aber nicht unrealistisch. Gehen 25 Prozent der Regenwaldflächen verloren, hat das Auswirkungen auf die selbst regulierten Regenfälle im Amazonasgebiet. Bleiben diese aus, trocknen folglich die Gebiete aus und es gehen die Nahrungs- und Lebensgrundlagen vieler Menschen verloren.

Und wie sieht das Szenario „Rettung“ aus?

Dabei spielt die Mentalität des Menschen eine wichtige Rolle. Denn wir müssen erkennen, dass wir evolutionsbiologisch auf Ausbeutung und Plünderung getrimmt sind. Aber dass wir gleichzeitig auch Kulturwesen sind. Und zu unserer Kultur gehört, dass wir kumulativ kulturelle Lösungen herbeiführen, wenn wir erkennen, dass ein bestimmtes Verhalten über längere Zeit destruktiv ist. Das heißt, wir müssen international durch verbindliche Regelungen das Problem des Artensterbens als ein menschengemachtes Problem anerkennen und dafür Maßnahmen und Lösungen in die Wege leiten. Dazu zählt beispielsweise der Flächenschutz. Das heißt auch: Wir haben es selbst in der Hand, wie die Welt unserer Kinder und Kindeskinder aussehen wird.

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