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Esa-Chef Jan Wörner: “Wir haben sofort überlegt, was wir gegen die Pandemie machen können”

  • Europa ist auch im Weltall unterwegs – koordiniert von der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa).
  • Im exklusiven Interview erzählt deren Chef, wie die Pandemie die Raumfahrt getroffen hat.
  • Außerdem spricht er darüber, wie die Raumfahrt bei der Pandemiebekämpfung helfen konnte.
Tom Mustroph
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Auch die Europäische Raumfahrtagentur (Esa) musste den gesamten Betrieb auf Pandemie-Modus umstellen – doch gleichzeitig konnte sie in der Pandemie helfen. Was Weltraumforschung mit Viren auf der Erde zu tun hat und was aus Sicht der Esa die wichtigsten politischen Baustellen für die Raumfahrt sind, erklärt Esa-Generaldirektor Jan Wörner im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Herr Wörner, wie hat die Esa auf das Virus reagiert, was musste verschoben, verändert oder was ausgesetzt werden?

Wir haben schon sehr früh, Anfang März, unsere Arbeitsweise umgestellt. Wir haben zunächst Telearbeit massiv zunehmen lassen und sie später, ab 16. März, verpflichtend gemacht. Das war für uns kein Problem, weil wir schon immer Telearbeit hatten. Wir haben dann auch, damit die Industrie nicht leidet, die Bezahlungen, die vertraglich festgelegt waren, um den Faktor 2 schneller gemacht. Das ging, weil die Akzeptanz für digitale Prozesse in der Pandemie größer war. In diesem Sinne hat die Pandemie uns auch Vorteile beschert. Sie hat uns aber auch ein paar Nachteile beschert.

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Welche?

Mit Telearbeit und Homeoffice können Sie viele Prozesse schnell und sicher abarbeiten. Aber manche Sachen gehen fast gar nicht, das ist insbesondere kreative Teamarbeit. Das merke ich als Generaldirektor. Unsere Arbeit ist, Strategien für das Unbekannte zu entwickeln. Und die Kreativität, die dafür nötig ist, entwickelt sich über die Distanz nur sehr schwer. Ich habe damit auch persönlich ein großes Problem.

Wie hat Corona die Esa direkt betroffen? Wie viele infizierte Mitarbeiter*innen gab es?

Es gab in der Esa etwa 170 Fälle europaweit. Zum Glück war bislang kein schwerer Fall darunter. Wir haben auch sofort reagiert. Darmstadt war besonders kritisch, weil wir hier das Satellitenkontrollzentrum haben. Da können wir nicht einfach aufhören.

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Wie viele Satelliten werden von hier aus gesteuert?

19 Satelliten für 16 Missionen. Das geht von den Sentinel-Erdbeobachtungssatelliten über planetare Missionen wie Mars Express bis hin zum Solar Orbiter, der derzeit sehr nahe zur Sonne fliegt.

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Jan Wörner, Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, ist gelernter Bauingenieur. Als Seiteneinsteiger ins Raumfahrtgeschäft war er zunächst Vorstand des deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, bevor er 2015 den Esa-Vorsitz übernahm. © Quelle: picture alliance/dpa

Gab es da Momente, in denen die Satelliten ohne menschliche Kontrolle flogen oder sogar in den Ruhemodus versetzt werden mussten?

Wir haben keine Mission auf Eis gelegt. Nur beim Solar Orbiter gab es eine kleine Verschiebung. Und die Bearbeitung und Weitergabe der wissenschaftlichen Daten wurde etwas reduziert. Das wurde nach zwei, drei Wochen aber wieder hochgefahren. Der klassische Satellitenbetrieb ist weitergelaufen.

Wie haben Sie das organisiert?

Mit Physical Distancing und Maskentragen. Und einer Reduzierung der Präsenz vor Ort. Das Problem sind dabei nicht so sehr die Arbeitsstätten selbst. Sie sehen ja selbst, wie sicher das hier in Darmstadt ist. Aber um hierher zu kommen, sind viele auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Das gilt noch viel stärker für Standorte wie Paris. Eigentlich wollten wir mit dem 1. September den Betrieb wieder hochfahren. Weil das Risiko angesichts der steigenden Infektionszahlen aber wächst, verschieben wir dies noch um einen Monat. Ein großes Problem ist der Weltraumbahnhof Kourou in Südamerika. Wegen der hohen Infektionszahlen dort lassen wir nur für ganz wenige, unverzichtbare Esa-Mitarbeiter zu, dass sie zu den Starts fliegen. Und es gibt auch Verzögerungen am Bau der Startbasis für die Ariane 6.

Hat Corona für die Esa auch Vorteile gebracht, abgesehen vom Digitalisierungsschub? Gab es im Füllhorn der Corona-Hilfsprogramme auch etwas für die Esa?

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Nein, bisher nicht, sicherlich auch deshalb, weil wir weitergemacht haben. Aber ich denke, da wird noch etwas kommen.

Was hat die Weltraumforschung der Erdbevölkerung angesichts der Bedrohung durch das Virus gebracht? Gab es da Technologien, die genutzt werden konnten?

Wir haben sofort angefangen, zu überlegen, was wir gegen die Pandemie machen können. Ein Thema dabei ist die Erdbeobachtung. Wir haben die Emissionen beobachtet, und aus der Verbesserung der ökologischen Situation konnte man auch ableiten, wie schlecht es der Wirtschaft ging. Wir haben dann mit den Astronautinnen und Astronauten Veranstaltungen organisiert, in denen sie erklärt haben, wie man am besten durch Situationen der Isolierung kommt. In der Raumstation leben sie ja im Grunde isoliert.

Was waren das für Vorschläge?

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Für manche mag das trivial klingen, für andere war es aber hilfreich. Es ging um solche Dinge wie den Tagesablauf zu strukturieren. Wir haben viele positive Rückmeldungen dazu bekommen. Ein anderer Aspekt war, dass wir unsere 3D-Drucker zum Herstellen von Schutzmasken benutzt haben. In die Lombardei haben wir ein mobiles medizinisches Labor geschickt, das nicht nur viele Analysen vornehmen kann, sondern die Ergebnisse auch sofort über Satellitenkommunikation verschickt. Da wird nichts manuell erfasst. Wie wichtig das ist, haben wir ja kürzlich erlebt. Wir haben auch unsere Erfahrungen in der Telemedizin eingebracht. Und dann haben wir aus den Daten der Erdbeobachtung das Race-Dashboard entwickelt, Race bedeutet “Rapid Action Coronavirus Earth Observation”, in dem wir die Daten zahlreicher europäischer Umweltsatelliten zusammentragen und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Da kann jeder ran? Und es ist kostenlos?

Nicht kostenlos, aber gebührenfrei. Und jeder kann es nutzen. Mittlerweile haben sich auch Japan und die USA angeschlossen. Das ist mal etwas, das nicht von Google oder anderen Unternehmen entwickelt wurde, sondern hier in Europa. Und die anderen schließen sich an.

Für die Weltraumforschung braucht es Trägersysteme. Da ist jetzt richtig Bewegung drin. Auf welche Systeme sollte die Esa setzen: Auf die eigenen Systeme wie die Ariane oder doch lieber auf kommerzielle Anbieter in den USA wie Space X oder Boeing? Oder gar die russische Sojus oder Langer Marsch aus China? Was empfiehlt der Generaldirektor?

In Europa Raketen herzustellen, ist eine strategische Entscheidung. Es geht dabei um Unabhängigkeit. Das geht alles zurück auf den Satelliten Symphony.

Der wurde 1974 ins All geschickt.

Das war ein europäischer Satellit, der mit den Amerikanern gestartet wurde. Und die haben dann gesagt, dass man die Daten nicht kommerziell nutzen dürfe. Das ist im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben: Wir müssen unabhängig sein. Mittlerweile ist die Situation eine andere. Man muss bei den Anbietern im Osten auch noch Indien hinzuzählen. Es gibt also viele Möglichkeiten, Raketen zu kaufen. Trotzdem ist diese Unabhängigkeit förderlich, auch weil man damit eine entsprechende Industriekapazität hat.

Welche Ziele strebt die Esa vorrangig an: Mond oder Mars? Sonne oder Erdbeobachtung?

Als Generaldirektor werde ich niemals sagen, dass ein Programm das wichtigste ist, denn ich bin für alle gleichermaßen zuständig. Es ist klar, wir gucken wissenschaftlich tief in unser Sonnensystem und darüber hinaus. In der Erkundung gehen wir in drei Richtungen: Da ist die Internationale Raumstation, der Mond und der Mars. Wir wollen natürlich auch Europäer auf den Mond bringen innerhalb der nächsten zehn Jahre. Und natürlich ist das Thema Sicherheit im Weltraum wichtig. Da haben wir eine Situation, die meiner Ansicht nach in der Öffentlichkeit viel zu wenig beachtet wird.

Was meinen Sie damit?

Ein Beispiel sind die Sonnenstürme. Wenn so ein richtiger Sonnensturm kommt wie 1859 in den USA, dann wäre unser ganzes Stromnetz massiv gefährdet. Wir hatten eine ähnliche Situation 1989 in Kanada. Und während des Vietnam-Kriegs sind Minen durch Sonnenstürme ausgelöst worden. Da hat es mich sehr betrübt, dass ich bei der letzten Ministerrunde nicht das gesamte Geld dafür zusammenbekommen habe, um dort zu arbeiten. Dann haben wir den Weltraumschrott. Da ist nicht nur die Frage, wem er gehört, sondern auch, dass er die Satelliten gefährdet. Die sind mittlerweile notwendige Infrastruktur. Wir brauchen sie für die Telekommunikation, für Navigation, für Erdbeobachtung. Also ist Schrottvermeidung und Schrottreduktion ein großes Thema. Und dann gibt es noch die Asteroidenabwehr. Ich werde von Politikern gern gefragt: Passiert das noch in meiner Amtszeit? Das konnte ich nicht bejahen – und damit verliert das an Priorität – aber ich denke, es ist ganz wichtig, dass wir uns da rüsten.

Können da die vielen privaten Player, die in den letzten Jahren in die Raumfahrt drängen, helfen? Oder stellen die wegen ihrer kommerziellen Interessen eher ein Problem dar?

Meine Hoffnung ist, dass wir da einen Zuwachs bekommen, auch in Europa, und dass wir deshalb die Mittel, die wir vom Steuerzahler bekommen, stärker auf die Bereiche konzentrieren können, die wir derzeit nicht so stark unterstützen können, weil wir eben alles abdecken. Ich denke, auch in Zukunft werden Erkundung und Wissenschaft, aber auch Weltraumsicherheit stärker von öffentlichen Mitteln getragen. Andere Bereiche wie Erdbeobachtung könnten von kommerziellen Akteuren umgesetzt werden. Aufpassen müssen wir aber, dass wir den Verkehr im Weltraum strukturieren. Das Stichwort heißt Space-Traffic-Management. Wir als Esa können da nur technisch beraten. Es liegt aber an der EU und anderen globalen Playern, hier Regelungen einzuführen. Das beginnt bereits beim Start. Meine Vorstellung ist, dass nur dann der Start eines Satelliten erfolgen soll, wenn der Betreiber ein System an Bord hat, das den Satelliten nach erreichter Lebensdauer oder bei Fehlfunktion gezielt aus der Umlaufbahn entfernt. Oder er muss einen Vertrag mit einem Anbieter nachweisen, der seinen Satelliten herunterholt. Und wenn er das nicht hat, dann muss er eben ein Pfand hinterlegen bei einer Organisation, die genau das macht.

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