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Gefühls­management: Wie sich die emotionale Intelligenz steigern lässt

  • Emotionale Intelligenz kann zufriedener in Beziehungen machen und das Berufsleben beflügeln.
  • Doch nicht alle Menschen verfügen über diese Kompetenz.
  • Studien zeigen nun aber, dass sich diese besondere Form der Intelligenz trainieren lässt.
Christian Wolf
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Es war Mitte der 1990er-Jahre, als der Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman die “Emotionale Intelligenz” in seinem gleichnamigen Buch populär machte. Goleman stellte die Vorstellung infrage, für den Erfolg im Leben käme es nur auf die “klassische” Intelligenz, also analytische Fertigkeiten an. Er betonte stattdessen den großen Einfluss des emotionalen Verstandes. Im Berufsleben beispielsweise sei es wichtig, mit Kritik umgehen zu können. Man solle sie konstruktiv nutzen, statt sich von ihr entmutigen und von negativen Gefühlen überschwemmen zu lassen.

Diverse Studien bestätigen, dass eine höhere Gefühlskompetenz zufriedener mit dem eigenen Job macht. Denn emotional intelligentere Menschen können beispielsweise besser mit negativen Gefühlen wie Stress umgehen. Gerade in emotional belastenden Bereichen wie der Arbeit im Krankenhaus ist Gefühlskompetenz gefragt. Oder bei Tätigkeiten, bei denen man sogenannte Emotionsarbeit leisten muss. Emotionsarbeit liegt an, wenn man im Beruf seine wahren Gefühle nicht zeigen darf. Oder wenn man umgekehrt bestimmte Emotionen zeigen muss, obwohl man diese gerade gar nicht empfindet. Im Callcenter etwa müssen die Mitarbeiter immer freundlich bleiben, auch wenn die Kunden noch so wütend und unverschämt am Telefon sind.

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Gefühlsregulation ist von zentraler Bedeutung

Die Psychologin Astrid Schütz von der Universität Bamberg untersucht, wie gut Menschen Emotionen bei sich und anderen wahrnehmen und wie gut sie ihre Gefühle managen. In einer internationalen Studie konnte sie mit Kollegen zeigen: Menschen, die ihre Emotionen besser regulieren können, haben positivere Erfahrungen in Sachen Freundschaften. “Das ist auch nachvollziehbar”, sagt Schütz. Denn wenn jemand die eigenen Emotionen nicht gut regulieren könne und schnell ausraste, sei das für andere schwierig.

In einer weiteren Studie hat Astrid Schütz Paaren schwierige Aufgaben im Labor gegeben. Beispielsweise sollten sie einen Turm aus Papier bauen, wobei man sich schnell einmal ins Gehege kommen kann. Die Frage der Studie war, wie konstruktiv die Paare bei der Aufgabe miteinander umgehen und wie sie ihre Beziehung beschreiben. Paare mit hoher emotionaler Intelligenz waren mit ihrer Beziehung zufriedener.

Schütz und ihre Kollegen fanden auch heraus: Das Erfolgsrezept in der Beziehung lag in der Fähigkeit, die Dinge nicht nur aus der eigenen Sicht zu sehen. Probanden mit hoher emotionaler Intelligenz gelang es nämlich besser, die Perspektive des Partners einzunehmen. Doch was, wenn man zu denjenigen zählt, die sich mit eigenen und fremden Emotionen eher schwer tun? Hier machen Studien der letzten Jahre Hoffnung. 2019 fassten die Psychologen Victoria Mattingly und Kurt Kraiger von der Colorado State University zahlreiche Studien zusammen und werteten sie aus. Ihr Fazit: Gefühlskompetenz kann man bis zu einem gewissen Grad einüben.

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Sensibilität ist gefragt

“Emotionale Intelligenz lässt sich trainieren”, bestätigt auch Astrid Schütz. Mit Kollegen hat sie ein Handbuch für ein zweitägiges Training für Führungskräfte entwickelt. Diese können ein Training oft gut gebrauchen. Müssen sie doch tagtäglich nicht nur mit eigenen Emotionen wie Stress auf Grund von Erfolgsdruck angemessen umgehen. Obendrein sind sie permanent mit den Gefühlen von Kunden, Kollegen und Vorgesetzten konfrontiert.

Gefühle bei anderen Menschen zu lesen, üben die Führungskräfte etwa, indem sie sich Videos von Personen anschauen und deren Gesichtsausdruck beurteilen. Und in Rollenspielen lernen sie den Umgang mit einem traurigen oder wütenden Gegenüber. Sie sollen dabei versuchen, die Perspektive des anderen in Ruhe anzuhören und zu verstehen, – und das ohne sofort Lösungen anzubieten. Schließlich wollen Menschen oft keine “gut gemeinten” Ratschläge, sondern Verständnis.

“Man verändert natürlich nicht seine Persönlichkeit nach den zwei Tagen”, räumt Astrid Schütz ein. Aber man werde unter anderem ein wenig sensibler. Ganz allgemein gilt dabei: Damit ein Training auch effektiv ist, sollte es auf typische Situationen im jeweiligen Beruf zugeschnitten sein. Für Führungskräfte muss ein Training anders gestaltet sein, als etwa für Mitarbeiter im Callcenter. Denn beide erleben unterschiedliche herausfordernde Situationen, die im Training konkret aufgegriffen werden sollten.

Perspektivwechsel: Empathie lässt sich trainieren

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Und auch im Alltag kann man mit speziellen Tricks der eigenen emotionalen Intelligenz auf die Sprünge helfen. “Man kann etwa die so genannte Take-5-Strategie einsetzen, um seine Emotionsregulation zu verbessern”, sagt die Psychologin Ricarda Steinmayr von der TU Dortmund. Merkt man bei sich selbst, dass man in einer Situation wie einem Streit mit seinem Partner sehr emotional reagiert, sollte man erst einmal die Situation verlassen und fünf Minuten an etwas anderes denken. Man kann auch noch zusätzlich eine Achtsamkeitsübung machen oder länger tief ein- und ausatmen. “Auf diesem Weg kann man verhindern, dass man in der Situation einfach nur impulsiv reagiert”, sagt Steinmayr. Im Falle des Konflikts mit seinem Partner kann man so vermeiden, durch unbedachte Worte den Streit weiter eskalieren zu lassen.

Empathie und die Perspektive des Gegenübers zu übernehmen, kann man trainieren, indem man sich immer wieder fragt, wie sich der andere in einer bestimmten Situation fühlt. Wenn das Gegenüber genervt auf einen reagiert, denkt man leicht, der andere könne einen nicht leiden. Man bezieht seine Reaktion ganz auf sich selbst. Dabei hat er vielleicht nur einen schlechten Tag. “Deshalb macht es Sinn, den anderen zu fragen, warum er so genervt reagiert”, sagt Ricarda Steinmayr. “Dann zeigt sich ganz oft, dass die Gründe nichts mit einem selbst zu tun.”

Zum Begriff

Emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, Gefühle (bei sich und anderen) und menschliche Beziehungen richtig zu beurteilen und entsprechend handeln zu können. Populär wurde der Begriff durch das gleichnamige Buch “Emotionale Intelligenz” des amerikanischen Journalisten und Psychologen David Goleman aus dem Jahr 1995. Emotionale Intelligenz ist sowohl im Privat- als auch im Berufsleben eine wichtige Fertigkeit, um etwa gute Beziehungen führen und mit Stress umgehen zu können.

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