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Ein Hoch auf die Handschrift: Warum wir mehr zu Stift und Papier greifen sollten

  • Mit der Handschrift drücken wir unsere Persönlichkeit und Emotionen aus.
  • Allerdings fehlt vielen Grundschülern die nötige Fingerfertigkeit mit Stift und Papier.
  • Hirnforscher vermuten, dass Hirnareale schrumpfen, wenn wir weniger mit der Hand schreiben.
Katrin Schreiter
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Schnörkel und Bögen, Formen und Druckstärke – in der Handschrift, da sind sich die Graphologen einig, spiegelt sich die Persönlichkeit. „Denn sie ist einzigartig“, sagt Dr. Helmut Ploog, lange Zeit Lehrbeauftragter für Schriftpsychologie an der Universität München: „Kinder lernen das Schreiben nach einer Schulvorlage. Wenn sich dann nach und nach die Handbewegung automatisiert hat, wird die Handschrift individueller, geprägt von Eigenarten und Besonderheiten – eine Art Körpersprache auf feinmotorischer Ebene.“

Graphologen untersuchen Schrift nach besonderen Kriterien

Gefühle und Intelligenz, Stärken und Schwächen – das alles könne die Schrift auf den Punkt bringen. Mit welcher Methode wird das analysiert? „Nach einer sehr komplexen“, sagt Ploog. „Es gibt fünf Ganzheitsmerkmale, nach denen die Graphologen schauen: Rhythmus, Einheitlichkeit, Originalität, Form sowie das Verhältnis von Bewegung und Form.“

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Außerdem würden weitere 20 Einzelmerkmale untersucht: unter anderem das Schreibtempo und die Buchstabengröße. „Für die Analyse werden die Details dann in eine Beziehung gesetzt.“ Eine Unterschrift allein reiche dabei nicht aus, um ein seriöses Urteil zu fällen.

Handschrift fehlt die Übung

Die Kriminalistik zieht schon lange das Schriftbild bei Ermittlungen hinzu. Ob Drohbriefe, zweifelhafte Testamente oder gefälschte Schecks – die Beamten sind sich sicher, dass Handgeschriebenes über ihren Urheber Wichtiges mitteilen kann. So hat das Bundeskriminalamt derzeit mehr als 40.000 Dokumente und 20.000 Personensätze in ihrer Tatschriftensammlung.

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Im Alltag zeigt sich die Handschrift zunehmend krakelig. Die Übung fehlt. Denn wer – vor allem unter den Jüngeren – schreibt heute noch oft mit Stift auf Papier? Kommunikation funktioniert zum großen Teil nur noch über Messengerdienste und E-Mails. Und selbst da wird oft nicht mehr per Hand kommuniziert: Die neueste Computer- und Handygeneration arbeitet mittlerweile mit Spracherkennung – Texte werden diktiert statt getippt.

Kommuniziert wird heutzutage meist über Messenger-Dienste. © Quelle: Christin Klose/dpa-tmn
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Mehrheit der Lehrer bemängelt fehlende Übungszeit

Auch die Mehrheit der Lehrkräfte in Deutschland sieht das Thema Handschrift bei den Schülern problematisch. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut von September 2018 bis Januar 2019 durchgeführt hat.


Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte bemängelt, dass zum Üben der Handschrift zu wenig Zeit bleibe und der Lehrplan zu wenig Wert auf das Schreibenlernen lege. Außerdem fehlten Fortbildungsangebote und Hilfestellungen für die Lehrkraft.

„Das Schreiben mit der Hand ist genauso wichtig wie das Lesen und die Rechtschreibung“, sagt Dr. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Schreibmotorik Instituts. Dabei gehe es vor allem um Bildung. „Handschreiben unterstützt die Rechtschreibung, das Lesen, das Textverständnis, letztlich die schulischen Leistungen insgesamt.“

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Handgeschriebenes verbessert die Merkfähigkeit

Die fehlende Fingerfertigkeit für kleine Schleifen, Schwünge- oder Zickzacklinien – die Grundlagen für verbundene Schrift – habe Konsequenzen für die Entwicklung der Kinder. „Das beeinflusst zum Beispiel die Merkfähigkeit“, sagt Graphologe Ploog. „Man lernt besser, wenn man mit der Hand schreibt“, erklärt er. „Das selbst Geschriebene verankert sich schneller im Gehirn als Getipptes.“

Wer für einen Test lernt, sollte sich wichtige Infos lieber mit der Hand aufschreiben, als sie mit dem Computer abzutippen. © Quelle: imago images/Panthermedia

Einige Hirnforscher befürchten sogar, dass bestimmte Hirnareale schrumpfen, wenn wir weniger mit der Hand schreiben, sondern nur noch mit Computern und Touchscreens gearbeitet wird.

Ein Blick in die Geschichte

Den Menschen gibt es seit etwa zwei bis drei Millionen Jahren, die Schrift existiert gemessen daran erst relativ kurz: Vor etwa 5000 Jahren entstanden in Ägypten die ersten Hieroglyphen und in den sumerischen Kulturen die ersten Keilschrifttäfelchen.

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Für eine raschere Form des Schreibens wurden später Zeichen entwickelt, die eine lautliche Zuordnung hatten, das heißt, ein Zeichen entsprach einem Laut. Damit wurde die Schrift abstrakter und komplexer, aber auch genauer. Eine Hieroglyphe konnte nun ein ganzes Wort oder auch nur einen einzelnen Laut symbolisieren.

Ugaritisches Alphabet ist Vorgänger des europäischen ABCs

Nach und nach entwickelten sich viele verschiedene regionale Schriftarten, die im Jahr 1500 vor Christus in Ugarit an der syrischen Küste vereinheitlicht wurden – es entstand das erste, das ugaritische Alphabet, der Vorgänger des phönizischen und damit der europäischen Alphabete.

Einen „Dämpfer“ erfuhr die Schrift 1452, als Johannes Gutenberg die Druckerpresse erfand – religiöse und wissenschaftliche Texte, Flugblätter und Geschichten mussten nun nicht mehr zwingend mit der Hand geschrieben, sondern konnten auch in größeren Mengen gedruckt werden.

Oscar-Verleihung setzt auf vergoldete Briefumschläge

Und heute? Es ist noch nicht lange her, da war Schönschrift noch ein eigenes Schulfach, das streng benotet wurde. Ein handgeschriebener Lebenslauf gehörte bis vor Kurzem noch in jede Bewerbungsmappe. Mittlerweile schickt man sich Unterlagen online in die Personalabteilung.

Gedruckt wird natürlich heute trotzdem noch – bei besonderen Anlässen auf ausgesuchtem Papier. Wie zum Beispiel die goldenen Umschläge bei der Oscar-Verleihung. Treasur heißt das in einem Bad aus Millionen feinster Goldpartikel veredelte Papier, das von der Firma Gmund Papier aus dem oberbayrischen Gmund am Tegernsee kommt. Die Büttenpapierfabrik stellt die Umschläge in Handarbeit her – und stand damit schon zum dritten Mal bei der Oscar-Verleihung im Rampenlicht.


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