• Startseite
  • Wissen
  • E-Scooter-Test: Was taugt der E-Tretroller im Großstadtverkehr?

E-Scooter-Test: Was taugt der E-Tretroller im Großstadtverkehr?

Sie sind derzeit ein weltweiter Megatrend – die E-Scooter. Ab 15. Juni rollen sie nach einem Beschluss der Bundesregierung auch in Deutschland los. Aber wie funktionieren die kleinen Elektro-Roller im Großstadt-Alltag? Ein Praxistest in den USA.

Anzeige
Anzeige

Atlanta/Hannover. E-Scooter – das ist derzeit das Zauberwort der mobilen Großstadt-Elite. Wie Pilze schießen die Unternehmen aus dem Boden, die in Metropolen das Roller-Sharing anbieten. Zehntausende E-Scooter rollen so schon durch amerikanische Städte. Besonders auf den weit verzweigten Anlagen amerikanischer Universitäten sind die Roller mit dem Mini-Elektromotor der letzte Schrei. Und auch nach Deutschland kommt die umweltfreundliche Mobillösung am 15. Juni 2019. Aber wie sieht der Alltag mit den E-Scootern wirklich aus? Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis.

Praxistest in den USA: Niemand mault oder flucht

Atlanta/Georgia, Anfang Februar. Die ohnehin bei Besuchern höchst beliebte Südstaatenmetropole ist voller Besucher, in wenigen Tagen findet hier der Super Bowl statt, das Endspiel des amerikanischen Profi-Footballs. Die Bürgersteige sind angefüllt mit schlendernden Touristen und hektisch eilenden Berufstätigen. Was sofort im Fußgängerstrom auffällt, das sind diejenigen, die gekonnt und mit ordentlicher Dynamik die Passanten umkurven wie Skifahrer die Slalomstangen. Sie stehen auf E-Scootern, teils im kompletten Business-Outfit, teils im hippen Style der Großstadtjugend. Niemand mault oder flucht, die rollende und die gehende Masse scheinen in stummer Kommunikation aufeinander abgestimmt. Einige der etwas kesseren Scooter-Nutzer nutzen die vierspurige Straße und fahren auch gekonnt am stehenden Verkehr vorbei.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Das Rollerfahren sieht erst mal ganz einfach aus, müsste man mal ausprobieren. Gesagt, getan. Alle paar Meter stehen die Roller geparkt, meist in Rudeln, akkurat sortiert nach Farbe, das heißt, nach Anbieter: Grün für die Firma Lime, Lila und Schwarz für Lyft und leuchtend Orange für die Jump-Scooter von Uber. Das Prinzip ist überall das gleiche. Über eine App (die von Lime ist schon im deutschen App Store erhältlich) meldet man sich für den Dienst an. Man kann dort auch eine Kreditkarte hinterlegen und so die Fahrten bezahlen. Eine Minute kostet 10 US-Cent (etwa 9 Cent). Mit der Kamera des Smartphones wird der individuelle Code des Scooters gescannt. Gleichzeitig wird damit die Fahrt autorisiert und der Roller entriegelt. Sekunden später ertönt ein Signalton, der Roller ist fahrbereit.

Vor Fahrtbeginn muss man via Smartphone den Barcode des Scooters einlesen, damit sich der Roller entriegelt und fahrbereit ist.

Anschubsen – wie früher beim Tretroller

Oder besser rollbereit. Denn auch die 15 Meilen schnellen US-Modelle (24,1 km/h) bedürfen eines Anschubs. Das funktioniert wie früher beim alten Kinderroller. Mit einem Fuß Schwung geben – und ab. Sobald der E-Scooter in Bewegung ist, lässt sich Gas geben und bremsen; durchaus flott geht es auch etwas steilere Anstiege hinauf – sofern der Großstadtverkehr, wahlweise auf Bürgersteig oder Straße, den Verkehrsfluss nicht bremst. Ist die Fahrt zu Ende, stellt man den Roller am Straßenrand wieder ab. Dann allerdings verlangt die Technik, dass man ein Umgebungsfoto aufnimmt, um nachzuweisen, dass der Roller verkehrsgerecht geparkt ist.

Anzeige

Das Fahr- und Mobilitätsgefühl ist wirklich positiv. Die wendigen Fahrzeuge sind ganz einfach zu handhaben, die Apps mit Streckenangabe, Kalorienverbrauchsanzeige und anderen weiteren Zusatzinfos erlauben eine problemloses Anmietung und Beendigung der Miete. Doch bei aller Freude über eine neue Mobilitätsalternative: Es gibt auch deutliche Nachteile. Häufig sind Scooter entladen oder haben einen sonstigen Defekt, so dass sie nicht fahrbereit sind. Zudem sind die filigranen Ständer schon einem kleinen Windstoß nicht gewachsen. Das heißt in der Praxis, dass an Gehwegen, Kreuzungen oder vor populären Orten wie Einkaufszentren umgekippte Roller den Weg versperren. Wie mechanische Maikäfer aus einer Mad-Max-Verfilmung liegen sie auf dem Rücken, die Leuchtdioden an der Unterseite mahnen Passanten, die blinkenden Aliens wieder richtig hinzustellen, aber niemand scheint sich darum zu scheren.

Anzeige
Zurückgekegte Strecke, Fahrtdauer und Kosten der letzten Fahrt – all das speichert die App der E-Scooter-Anbieter (hier Lime).

Nichts für Ellbogenmentalität

Auch das Fahren auf dem Bürgersteig ist nicht gerade eine Empfehlung für unbeschwerten Scooterspaß in Deutschland. Denn wenngleich nach den geplanten Regelungen bei uns nur die 12 Kilometer langsamen Scooter die Fußgängerbereiche nutzen dürfen, scheint doch bei der hierzulande vorherrschenden „Ich habe Vorfahrt“-Mentalität Ärger programmiert. Zwischen Rollern und anderen Verkehrsteilnehmern ist ein in den USA meist funktionierender „Common Sense“ – gesunder Menschenverstand – vonnöten. Die österreichische Polizei hat übrigens aufgrund der Erfahrungen in Wien ein empfehlenswertes „Benimm-Video“ veröffentlicht. Denn natürlich bergen die E-Scooter, vor allem in der 20-km/h-Version, auch Sicherheitsrisiken.

Kein Kinderspielzeug

Laut einer Untersuchung US-amerikanischer Mediziner landeten Unfallbeteiligte mit Knochenbrüchen, Platzwunden, aber auch schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus. Die Mediziner berichten davon im Fachblatt „Jama Network Open“. Die Ärzte hatten aus den Krankenakten zweier Kliniken in Süd-Kalifornien jene Fälle herausgesucht, in denen Patienten nach einem Unfall mit einem E-Scooter in die Notaufnahme kamen. Zwischen dem 1. September 2017 und dem 31. August 2018 identifizierten sie insgesamt 249 Fälle, die den ausgewählten Kriterien entsprachen.

Anzeige

Die meisten (228) Unfallopfer waren als Fahrer verunglückt: Sie stürzten, kollidierten mit einem Gegenstand oder wurden angefahren. 21 Menschen wurden als Nicht-Fahrer verletzt. Diese wurden entweder von einem E-Scooter angefahren, waren über ein abgestelltes Gefährt gestolpert oder hatten sich beim Versuch verletzt, eines hochzuheben oder zu tragen. Das Alter der Verletzten lag zwischen 8 und 89 Jahren, 26 der verunglückten Fahrer waren jünger als das in Kalifornien für E-Scooter geltende Mindestalter von 18 Jahren.

Ein Kinderspielzeug sind die Scooter also nicht. Aber bei verantwortungsvoller und regeldefinierter Nutzung können sie durchaus auch bei uns eine Bereicherung des urbanen Verkehrs sein, die zudem auch noch viel Spaß macht. Das hat der Praxistest auf jeden Fall gezeigt.

Lesen Sie auch:
Luftverschmutzung: Sonntagsbraten ist schlimmer als Verkehr in Delhi

Von Daniel Killy/RND