Digitaler Wandel: So sehen Studenten die Uni von morgen

  • Ein Plakatwettbewerb des Deutschen Studentenwerks zeigt: Die Studenten blicken wohl skeptisch in die Zukunft.
  • Die Ergebnisse sind eher düster und drehen sich hauptsächlich um ein seelenloses Campusleben.
  • Was bedeutet der digitale Wandel für die Universitäten?
Kerstin Hergt
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Das Prinzip ist so alt wie die Universität selbst: Lehrende und Lernende kommen in einem Hörsaal oder einem Labor zusammen. Die einen wollen vermitteln, die anderen verstehen. Zuweilen kehrt sich diese Rollenverteilung auch um. In jedem Fall aber steckt hinter der physischen Präsenz von Studenten und Dozenten an ein und demselben Ort die Idee, den komplexen intellektuellen Prozess des Lernens zu vereinfachen. Jeder kann fragen, inspirieren oder sich inspirieren lassen, interagieren. Als „Anwesenheitsinstitution“ hat der Soziologe Rudolf Stichweh, Direktor des Forums Internationale Wissenschaft an der Universität Bonn, die Hochschule einmal bezeichnet.

Das war durchaus positiv gemeint. Das Gegenteil sei eine „autodidaktische Universität“, die die Lehrenden auf die Funktion von Prüfenden reduziere und ihre Kompetenz abwerte, den Studenten von Angesicht zu Angesicht komplizierte Sachverhalte nahezubringen.

Stichweh dürfte sich über das neue Hochschulgesetz freuen, das der Landtag in Nordrhein-Westfalen im Sommer mit seiner schwarz-gelben Mehrheit beschlossen hat. Denn demzufolge haben die Hochschulgremien in NRW das Recht, eine Anwesenheitspflicht für Studenten anzuordnen.

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Studenten fühlen sich von der Anwesenheitspflicht gegängelt

Die Präsenzpflicht soll nach der Vorstellung von Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen zum einen „das wissenschaftliche Gespräch“ fördern, zum anderen den Hochschulen mehr Autonomie gewähren. Die Vorgängerregierung von SPD und Grünen hatte eine Regelung zur Anwesenheitspflicht in Vorlesungen verboten. Die jetzige Koalition aus CDU und FDP sah darin eine Bevormundung der Universitäten. Nun aber fühlen sich die Studenten gegängelt. Die Anwesenheitspflicht sei ein Korsett und gestrig, kritisierten Studentenvertretungen.

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Die Verpflichtung zu „Sitzscheinen“ als eine Art studentischem Leistungsnachweis wirkt im digitalen Zeitalter in der Tat antiquiert; und obendrein wie ein hilfloser Versuch, die reale, traditionsreiche „brick university“ (ein Begriff, der sich von meist aus roten Ziegelsteinen gebauten, renommierten britischen Universitäten ableitet) vor der Umwandlung in eine virtuelle und seelenlose „click university“ zu bewahren. Seit Jahren schon debattieren nicht nur in Deutschland Akademiker darüber, ob die Präsenzlehre und mit ihr auch die Universität als Ort der Begegnung zwischen Lehrenden und Lernenden im Zuge des digitalen Wandels an Bedeutung verliert.

Unter den Studenten herrscht Zukunftsskepsis

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Aber ist das so? Und wenn ja, wie sieht das Studium der Zukunft aus? Mit den Augen von Studenten betrachtet eher düster. Und das liegt nicht an Anwesenheitslisten im Audimax.

Offenbar herrscht unter Studenten eine so allgemeine wie unvermutete Skepsis gegenüber neuen Medien und Techniken. Das jedenfalls legen die Ergebnisse des diesjährigen Plakatwettbewerbs des Deutschen Studentenwerks (DSW) unter der Überschrift „#nextgeneration: Studium der Zukunft“ nahe.

Die Antworten auf die Frage, wie akademisches Lernen und Lehren im Jahr 2050 aussehe, hätten ihn überrascht, gestand DSW-Präsident Prof. Rolf-Dieter Postlep bei der Siegerehrung im Juni und stellte ernüchtert fest: „Da ist viel Dystopie und Technikskeptizismus. Ich hatte erwartet, dass die Studierenden das Thema positiver, optimistischer angehen. Gerade die Digitalisierung sehen viele eher kritisch.“

Die Vision vom seelenlosen Campusleben

Mehr als 240 Designstudenten haben ihre Entwürfe eingereicht. Gewonnen hat Valentin Schlitt von der Köln International School of Design (KISD) mit seiner Arbeit „Schwarzmalerei“. Zu sehen ist ein haarloser Kopf mit einer Virtual-Reality-Brille vor den Augen. Hals und Schulterpartie ziert eine schriftliche Botschaft: „Es ist einfach, für unsere Zukunft schwarzzusehen. Alles andere erfordert Vorstellungskraft.“

Diese stellten die Wettbewerbsteilnehmer zwar allesamt unter Beweis. Doch ihre Visionen drehen sich hauptsächlich um ein seelenloses Campusleben: Da wird mit der Immatrikulation gleich der komplette Studieninhalt auf die menschliche Festplatte im Hirn heruntergeladen; in der Mensa gibt es nur noch Krabbeltiergerichte, und die Erasmus-Studenten kommen von einem anderen Stern.

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Außer Schlitt sehen auch andere die VR-Brille als künftiges Lerninstrument. Wird der Hörsaal in zwei Jahrzehnten tatsächlich zum „Star Trek“-mäßigen Holodeck mit künstlicher Umgebungsinszenierung?

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"Schwarzmalerei", Valentin Schlitt aus Köln (1. Preis).  @ Quelle: Valentin Schlitt

Um Digitalisierung geht es beim Hochschulpakt nur am Rande

Die Hologrammtechnik in Verbindung mit einer immer ausgefeilteren Smartsensorik könnte schon bald die optische Umgestaltung beliebiger Räume ermöglichen. Der technische Aufwand dürfte allerdings enorm sein, wie das Beispiel der Universität Hawaii in Honolulu zeigt: Dort hielt Umweltwissenschaftler Chris Shuler kürzlich eine Vorlesung zum Thema Umweltverschmutzung für Studenten auf der fast 4000 Kilometer entfernten Inselgruppe Amerikanisch-Samoa. Shuler erschien im samoischen Community College als dreidimensionales Hologramm. Um das Projekt „Holocampus“ zu verwirklichen, musste im Vorfeld ein knapp 15.000 Kilometer langes Unterwasserkabel verlegt werden.

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In Deutschland dürften derlei Neuerungen in absehbarer Zeit wohl vor allem am Geld scheitern. Die Hochschulrektorenkonferenz beklagt seit Jahren finanzielle Engpässe bei Ausstattung und Personal an den Unis – trotz des im Koalitionsvertrag festgelegten Hochschulpakts, der noch bis 2020 gilt. Bund und Länder haben sich im Frühjahr nach langwierigen Verhandlungen auf eine Nachfolgeregelung geeinigt. Demnach will der Bund dauerhaft rund 2 Milliarden Euro jährlich zur Qualitätsverbesserung der Studienplätze beitragen. Um Digitalisierung geht es dabei nur am Rande.

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Innovationen nutzen

Valentin Schlitt wird davon kaum noch profitieren. Der 29-Jährige wird nächstes Jahr seine Bachelorarbeit im Fach Integrated Design fertigstellen. Schwarzmaler ist er selbst nicht, sondern „eher Optimist“. Die bisherigen technischen Innovationen hätten ihm mehr genutzt als geschadet, sagt Schlitt: „Mit den Programmen, die es gibt, ist es heute nicht mehr ein so extrem handwerklicher Aufwand, kreativ zu sein. Das vereinfacht Umsetzungsprozesse, ich arbeite schneller und habe mehr Spielraum.“

Schlitt erstellt seine Bilder digital. So auch das Siegerplakat. Selten nur noch arbeitet er mit der Hand vor. „Dank der digitalen Möglichkeiten kann man sich mehr austoben – nicht nur als Kunst- oder Designstudent. Jeder kann das. Das ist doch toll“, meint er. Auch im Rahmen der Siegerehrung wurde seine „Schwarzmalerei“ nur als Digitalversion präsentiert.

Analog und digital in die Hochschul-Zukunft

Und dann erzählt er von einer älteren Dame, die unbedingt sein Siegerplakat kaufen wollte, um es sich an die Wand zu hängen: „Ich musste ihr erst mal erklären, dass es das gar nicht als Ausdruck gibt. Das konnte sie kaum glauben.“ Schlitt will aber das Plakat demnächst so aufbereiten, dass er es ausdrucken kann.

In der Verzahnung von Analogem und Digitalem sehen auch Wissenschaftler einen guten Ansatz, um die Universitäten zukunftsfähig zu machen. Die Debatte um Anwesenheit und Abwesenheit? Nebensächlich.

Der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann hat einmal schön zusammengefasst, was mit Blick auf die Zukunft des Studierens wirklich zählt: „Die wissenschaftliche Neugier, der Wille zum Wissen, die Lust an der Erkenntnis, das Abenteuer des Geistes.“

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