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Verbreitungsweg rekonstruieren

Die Pest, der Schwarze Tod: Forschende finden Ursprung der Seuche

Pestkreuze am Dorfeingang von Emmingen: Kreuze mit Doppelbalken wurden im Mittelalter an den Ortseingängen aufgestellt, um Fremde vor dem Betreten der Stadt zu warnen, da dort die Pestepedemie ausgebrochen war und der Schwarze Tod wartete (Symbolbild).

Stirling. 2017 wütete auf der Insel Madagaskar die Pest. Tausende Menschen steckten sich nachweislich an, mehr als 200 Menschen starben. Der Ausbruch rief eine Krankheit in Erinnerung, die zumindest viele Menschen der westlichen Welt lediglich als Schrecken längst vergessener Zeiten kennen. Sie verursachte den Schwarzen Tod, eine der größten Pandemien der Menschheits­geschichte.

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Die Seuche breitete sich zwischen 1346 und 1353 in Europa aus, tötete Millionen Menschen und hatte politische und soziale Umwälzungen zur Folge. Wo sie damals ihren Ursprung hatte, ist trotz zahlreicher Forschungen zum Thema nicht gesichert. Nun glauben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, den Ausgangspunkt des Seuchenzuges gefunden zu haben.

Städtische Angestellte desinfizieren am 2. Oktober 2017 in Antananarivo (Madagaskar) ein Klassenzimmer der Grundschule im Stadtviertel Andraisoro, nachdem in dem Viertel eine Person an der Pest gestorben ist.

Städtische Angestellte desinfizieren am 2. Oktober 2017 in Antananarivo (Madagaskar) ein Klassenzimmer der Grundschule im Stadtviertel Andraisoro, nachdem in dem Viertel eine Person an der Pest gestorben ist.

Grundlage der Studie, die Forschende um Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Leipzig) im Fachmagazin „Nature“ vorstellen, bilden genetische Analysen des Pesterregers, des Bakteriums Yersinia pestis. Die Forschenden suchten in den Überresten von sieben Menschen, die in den Jahren 1338/1339 auf zwei Friedhöfen nahe des Yssykköl, des größten Sees Kirgisistans, begraben worden waren, nach genetischen Spuren des Pestbakteriums.

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Erbgut des Pesterregers gefunden

Der Hintergrund: Aus syrisch-aramäischen Inschriften auf einigen der Grabsteine geht hervor, dass die dort beerdigten Menschen an „Pestilenz“ gestorben waren. Seit den ersten archäologischen Untersuchungen der Gräber zwischen 1885 und 1892 rätselten Fachleute, ob die Pest die unbekannte Seuche gewesen sein könnte, die damals die ungewöhnlich hohe Zahl an Bestattungen verursacht hatte. „Von den 467 präzise datierten Grabsteinen aus der Zeit zwischen 448 und 1345 stammten 118 aus den Jahren 1338 und 1339“, erläutert Phil Slavin, Historiker der University of Sterling (Großbritannien) und einer der Hauptautoren der Studie. „Es ist offensichtlich, dass irgendetwas vor sich geht, wenn man ein bis zwei Jahre mit einer derartigen Übersterblichkeit hat.“

Tatsächlich stießen die Forschenden in Überresten von drei der Verstorbenen auf Erbgut des Erregers. „Wir konnten endlich nachweisen, dass die auf den Grabsteinen erwähnte Epidemie tatsächlich durch die Pest verursacht wurde“, so Slavin.

Ursprung der Pest in Kirgisistan?

Was bedeutet das für den Ursprung des Schwarzen Todes – die Pandemie, die wenige Jahre nach diesem Pestausbruch vor allem in Europa wütete? Ist die bisher populärste Theorie, dass die Seuche ihren Ausgang in Ostasien nahm, speziell in China, damit vom Tisch? Die Forschenden zumindest sind zuversichtlich, mit den Gräbern in Kirgisistan die Ursprungsregion des Schwarzen Todes gefunden zu haben, dessen Name vermutlich auf die manchmal auftretende schwarze Verfärbung der Haut Infizierter zurückgeht.

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Sie begründen dies zum einen mit den Ergebnissen ihrer detaillierten genetischen Analyse. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hatten die Pestgenome aus Kirgisistan mit dem Genom weiterer historischer sowie mit dem heute noch zirkulierender Stämme verglichen. Modellierungen zeigten, dass die Genome aus Kirgisistan zu einer sehr ursprünglichen Variante gehören und aus der Zeit vor dem sogenannten Urknall der Pestdiversität stammen – ein Begriff, der die starke genetische Aufspaltung der Peststämme beschreibt.

„Wir fanden heraus, dass sich die alten Stämme aus Kirgisistan genau am Knotenpunkt dieses massiven Diversifizierungs­ereignisses befinden“, sagt die Erstautorin der Studie, Maria Spyrou, von der Universität Tübingen. „Es ist uns also tatsächlich gelungen, den Ursprungsstamm des Schwarzen Todes und seinen genauen Ausbruchszeitpunkt – das Jahr 1338 – zu bestimmen.“

Pesterreger in Nagetieren

Gestärkt wird die Vermutung durch die Analyse von Pesterregern, die heute in Nagetieren der Region zu finden sind, sogenannten Pestreservoiren. Die Ergebnisse legen nahe, dass der Erreger aus der Region des nahen Tian-Shan-Gebirges stammt. „Moderne, mit dem alten Stamm am engsten verwandte Stämme finden wir heute in Pestreservoiren rund um das Tian-Shan-Gebirge, also ganz in der Nähe des Fundortes dieses alten Stammes“, erläutert Krause. „Der Vorfahre des Schwarzen Todes scheint also in Zentralasien entstanden zu sein.“

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Natürlich könne der Ursprung der Epidemie auch 50 oder 100 Kilometer im Umkreis des Fundortes liegen – einen Ursprung in China hält der Paläogenetiker aber für unwahrscheinlich. Dann müssten auch in Nagern dort Verwandte des historischen Erregers zu finden sein. Zu den wichtigsten tierischen Wirten des Pesterregers in der Region des Tian-Shan-Gebirges gehören Murmeltiere. „Womögliche waren Murmeltiere an dem Übertragungs­ereignis beteiligt, das zu der von uns beschriebenen Epidemie führte“, erläutert Spyrou.

Wie breitete sich die Pest nach Europa aus?

Bei der Ausbreitung des Erregers von Kirgisistan nach Europa spielte der Handel vermutlich eine wesentliche Rolle, wie die Forschenden weiter berichten. Archäologische Funde zeigten, dass die in Kirgisistan untersuchten Gemeinschaften Handwerker und Händler waren. „Wir sehen dort eine Menge Produkte, die in entlegenen Regionen gefertigt wurden, Objekte, die mit Fernhandel in Verbindung stehen“, erläutert Slavin. „Dinge wie Perlen, die in fernen Gewässern gesammelt worden sein müssen, im Pazifischen oder Indischen Ozean, Korallen, die vermutlich aus dem Mittelmeerraum stammen (…), wunderschöne Seidenbekleidung. Das alles zusammen ergibt das Bild einer Handelsgemeinschaft, die sich genau im Zentrum der Binnenhandelswege befand.“

In den Mittelmeerraum gelangte der Schwarze Tod dann vermutlich im Jahr 1347 mit Handelsschiffen aus dem Schwarzen Meer. Bereits vor einigen Jahren hatten Forschende – ebenfalls nach genetischen Analysen von Pestbakterien – berichtet, dass der Pelzhandel einen möglichen Transportweg für die Erreger innerhalb Europas darstellte. Ein wichtiger Umschlagplatz für Pelze aus den russischen Städten Bolgar und Nischni Nowgorod (beide liegen am Fluss Wolga) sei im 14. Jahrhundert die Hafenstadt Caffa (heute: Feodossija) auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer gewesen, berichteten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen 2018 in den „Proceedings“ der US-amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“).

Ihre Untersuchungen ergaben, dass das Genom eines Pesterregers aus Bolgar nahezu identisch mit den Yersinia-pestis-Genomen aus Westeuropa war. Zudem hatten Archäologinnen und Archäologen in Bolgar Handelswaren aus den Niederlanden aus der Mitte des 14. Jahrhunderts gefunden. Dies weist nach Auffassung der Studien­autorinnen und Studienautoren auf die Ausbreitung entlang der Pelzhandels­routen hin.

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Pest war eine hartnäckige Pandemie

Dass sich Jahrhunderte nach dem Auftreten überhaupt noch Forschende für die Pandemie interessieren, liegt wohl einerseits an ihrem massiven Ausmaß: Der Schwarze Tod breitete sich nach seiner Ankunft im Mittelmeerraum binnen kurzer Zeit in Europa, dem Nahen Osten und in Nordafrika aus. Schätzungen zufolge raffte die Pandemie mindestens 30 Prozent der Bevölkerung dahin, einige Schätzungen reichen bis zu 50 oder 60 Prozent.

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Tatsächlich war die Sterblichkeit wohl von Region zu Region sehr unterschiedlich, wie in „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlichte Untersuchungen zeigen. Nach Pollenanalysen in 19 Ländern Europas berichten Forschende vom Max-Planck-Institut für Menschheits­geschichte, dass die Landwirtschaft in einigen Regionen zum Erliegen kam, während sie in anderen weiterhin betrieben wurde – die Pest wütete also nicht überall gleich stark, folgern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hartnäckig war sie hingegen schon: Die erste Infektionswelle, der Schwarze Tod, weitete sich zur sogenannten zweiten Pestpandemie aus, die noch bis ins frühe 19. Jahrhundert regelmäßig für Ausbrüche in verschiedenen Gebieten sorgte.

Pest ist dank Hygiene heute kaum Gefahr mehr

Das Ausmaß der Pandemie ist aber nicht der einzige Grund für das anhaltende Interesse – sondern auch die Gefahr des Auftretens neuer Erreger in heutiger Zeit. „Genau wie Covid war der Schwarze Tod eine neu auftretende Erkrankung, und sie war der Beginn einer gewaltigen Pandemie, die für rund 500 Jahre anhielt“, sagt Krause. „Es ist sehr wichtig, zu verstehen, unter welchen Umständen sie entstanden ist.“

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Könnte auch die Pest heute wieder ähnlichen Schrecken verbreiten wie damals? Die Forschenden halten das für wenig wahrscheinlich. Die Pest sei in erster Linie eine Erkrankung von Nagetieren, nicht so sehr des Menschen, erläutert Krause. „Der Hauptgrund dafür, dass wir in den vergangenen Jahrhunderten keine wesentlichen Ausbrüche mehr hatten, ist Hygiene. Wir leben einfach nicht mehr so in der Nähe von Nagern wie in der Vergangenheit und wir haben weniger Flöhe als in der Vergangenheit – damit ist auch das Übertragungsrisiko geringer.“

Auch heute tritt die Pest noch auf

Dennoch tritt die Pest auch heute noch in verschiedenen Ländern immer wieder auf – wie 2017 in Madagaskar. Neben dem Inselstaat sind die Demokratische Republik Kongo sowie Peru am stärksten von der Pest betroffen. Insgesamt fordert die mittlerweile gut behandelbare Infektions­krankheit heute nur noch wenige Todesopfer. Nach Angaben der WHO wurden zwischen 2010 und 2015 weltweit 3248 Erkrankte registriert, 584 davon starben.

Warum die Pest ausgerechnet im frühen 14. Jahrhundert eine derart massive Pandemie verursachte, ist nicht genau bekannt. „Vermutlich waren der Schwarze Tod und seine Ankunft in Europa mehr oder weniger Zufall“, sagt Krause. Der Erreger sei dort auf eine immunologisch naive Population gestoßen – von Nagern und von Menschen. „Das letzte Mal, dass die Pest, soweit wir wissen, in Europa war, war im achten Jahrhundert. Für 600 Jahre gab es also keine Pest. Niemand wusste – weder kulturell noch biologisch –, wie mit dieser Krankheit umzugehen ist.“

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RND/dpa

 

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