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Designforscherin zum Umgang mit der Corona-Krise: „Es gibt vielfach Aufbruchstimmung“

  • Die Corona-Krise zwingt zum Umdenken in vielen Bereichen.
  • Designforscherin Gesche Joost blickt positiv auf diese Entwicklung.
  • Im Interview zur RND-Themenwoche “Wie wollen wir leben?” erklärt sie, was für Chancen die neu entstandene Dynamik für die Gesellschaft birgt.
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Frau Joost, was ist die wichtigste Fähigkeit, die wir in der Corona-Krise erlernt haben?

Wir haben Mut zum Prototypen entwickelt. Dieses Prinzip kennen wir aus der Designforschung. Das bedeutet: Anfangs hat man noch keine feste Idee, wie etwas am Schluss aussehen soll, sondern man entwickelt am Prototypen Schritt für Schritt weiter. Das ist eine großartige Herangehensweise, weil man so Neues mit Leichtigkeit erproben kann. In Deutschland werden viele Ideen erstmal geprüft und bis ins Kleinste durchdacht, das macht uns oft langsam. Für viele Bereiche hat es ja auch seine Berechtigung, aber gerade in der Krise waren Mut, Schnelligkeit und Erfindungsreichtum gefragt. Wir mussten zum Beispiel neue Formen der sozialen Interaktion finden und weiterentwickeln. Die Lehre wurde plötzlich digital. Und überall poppten Fahrradwege auf. Vieles war plötzlich möglich.

Wie können wir davon zukünftig profitieren?

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Wir brauchen diese Dynamik für die Innovationsfähigkeit in Deutschland. Wirtschaftlich waren wir bislang so erfolgreich, weil wir mit unserer bedachten Art in vielen Bereichen sehr gute Ergebnisse und hohe Qualität geliefert haben. Wenn wir dies mit dem Erfindergeist und Mut zum Prototypen kombinieren, kommen wir viel weiter – und haben auch noch Spaß dabei.

Gesche Joost ist Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin und leitet das Design Research Lab. © Quelle: privat

Auf welche Bereiche würden Sie diesen „Mut zu Prototypen“ als Erstes anwenden?

Aus meiner Erfahrung an der Universität heraus: auf die Verwaltung. Wenn man beim Thema E-Government Ergebnisse liefern will, müssen wir nun dringend damit anfangen, Prototypen zu bauen und Lösungen zu finden. Dass die digitale Unterschrift im 21. Jahrhundert bei uns immer noch nicht durchgängig anerkannt ist, macht mich sprachlos. Aber auch in der Politik können wir so schneller werden: mit Experimentierräumen und Reallaboren, wie sie schon ab und zu eingesetzt werden, um Neues zu denken.

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Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas: Sie zeigt, welche Strukturen in der Gesellschaft immer noch angelegt sind.

Gesche Joost, Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin

Wovon hängt es ab, ob sich diese Mentalität auch längerfristig erhält?

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Die Aufbruchstimmung beobachte ich an vielen Stellen. Ich habe dazu ein schönes Plakat gesehen, dort stand: „Wir wollten nicht zurück zur Normalität, denn die Normalität war das Problem.“ Das beschreibt ein Lebensgefühl der jungen Generation der „Fridays for Future“ mit ihrem Einsatz für Klima-, Zugangs- und Geschlechtergerechtigkeit, die diese Krise für den Aufbruch nutzen möchte. Ich habe große Hoffnungen, wenn ich sehe, welche Forderungen an eine zukunftsfähige Politik daraus entstehen. Hinzu kommen aber auch wirtschaftliche Aspekte des Aufbruchs: Viele Unternehmen diskutieren jetzt über die Frage nach neuen Arbeitswelten, über Homeoffice, weniger Büroflächen. Sie stellen sich durch und in der Krise neu auf.

Gleichzeitig hat die Krise aber auch viele Probleme aufgezeigt, zum Beispiel bei der Geschlechtergerechtigkeit.

Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas: Sie zeigt, welche Strukturen in der Gesellschaft immer noch angelegt sind. Es ist nicht so, dass die Pandemie dazu geführt hat, dass sich alte, tradierte Rollenklischees gebildet haben, sondern die bereits existierenden Strukturen haben sich verschärft. Die Pandemie ist nicht der Auslöser, sondern macht Ungleichheit sichtbar. Das trifft auch auf die digitale Ungleichheit zu: Kinder und Jugendliche konnten teilweise dem Unterricht nicht folgen, weil sie keinen Computer zu Hause hatten oder ihre Eltern sie nicht unterstützen konnten. So verschärfen sich Ungleichheiten.

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Video
RND-Schalte mit Gesche Joost: "Die Pandemie ist wie ein Brennglas"
8:37 min
Die Designforscherin Gesche Joost spricht im Interview über die Lehren aus der Corona-Pandemie.  © RND

Die meisten Kinder und Jugendliche haben aber doch ein Smartphone, nutzen Tiktok und Co...

Dieses Phänomen nennt man auch „Paradox der digitalen Ungleichheit“. Die allermeisten deutschen Teenager haben ein Handy – trotzdem profitieren nicht alle von der Digitalisierung, sondern werden in eine Abhängigkeit aus Passivität und Konsum gedrängt. Die Frage ist daher: Wie nutze ich das Smartphone? Habe ich die digitalen Kenntnisse, um zu verstehen, dass ich Inhalte aktiv gestalten und an der digitalen Gesellschaft teilhaben kann? Leider beobachten wir, dass sich bestehende Ungleichheiten aufgrund von Einkommen oder niedrigem Bildungsstand im Digitalen noch verstärken. So entsteht eine Klasse der digitalen Underdogs, die immer mehr abgehängt werden.

Wie könnte man diese Ungleichheit beheben? Es gibt zwar tolle Projekte, wie etwa Kinderdigitalwerkstätten, aber oft findet man die dann wieder in eher privilegierten Stadtvierteln.

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Ja, diese Erfahrung haben wir auch gemacht, als wir das gemeinnützige Projekt Calliope gestartet haben, um Kindern ab der Grundschule das Programmieren beizubringen. Es waren meist die privilegierten Schulen und Stadtteile, die sich gemeldet haben. Das ist auch nachvollziehbar: Viele Lehrer und Lehrerinnen, die in sozialen Brennpunkten arbeiten, sagen: „Wie sollen wir das jetzt auch noch schaffen?“ Umso wichtiger ist die Wendung, die der Digitalpakt nun genommen hat, in dem er zum Beispiel Administratoren einsetzt, die sich genau um solche Fragen kümmern: Welche Hardware braucht man, wie sind die Server aufgebaut? Dazu brauchen wir einen massiven Zuwachs an Weiterbildung für das Lehrpersonal. Wir müssen ganz spezifisch fördern und begreifen: Welche Hürden gibt es im Alltag?

Machen das andere Länder besser?

Im Bereich der digitalen Bildung befindet sich Deutschland im EU-Vergleich im unteren Drittel, andere Länder haben eine viel größere Dynamik. In Dänemark ist es zum Beispiel Standard, dass man mit digitalen Endgeräten in der Schule arbeitet. Oft begegne ich hierzulande einer großen Skepsis gegenüber digitalen Neuerungen, das macht die Prozesse noch langsamer. Ich hoffe, dass wir die steile Lernkurve aus der Pandemie, durch die nun alle online sind, nutzen können, um die Strukturen zu verbessern.

Mit dem Klimawandel steht uns eine bereits sehr große Herausforderung bevor, die nicht kleiner werden wird. Welche Rolle kann da die Digitalisierung spielen?

Erst seit kurzem werden Digitalisierung und Nachhaltigkeit auf der politischen Ebene zusammen gedacht. Das waren lange zwei getrennte Diskurse, deren Experten kaum Berührungspunkte hatten. Unser Ziel muss es nun sein, die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit in der digitalen Transformation zu realisieren und gleichzeitig digitale Tools für mehr Nachhaltigkeit zu nutzen, etwa durch smartes Energiemanagement. Effizienzpotentiale durch Digitalisierung zu realisieren ist ein wichtiger Aspekt, der aber mit der sozialen Nachhaltigkeit vereinbart werden muss, wenn es etwa um den Erhalt von Arbeitsplätzen geht.

Sind Sie denn optimistisch, dass das aus dieser Krise wirklich wachsen kann?

Ich glaube schon, denn wir haben gesehen, was eine kurzfristig orientierte, rein ökonomische Digitalpolitik nicht geleistet hat. Wir sehen, welcher Sprengstoff in der Gesellschaft durch digitale Ungleichheit entsteht: Das Auseinanderdriften in verschiedene Lager, die Radikalisierung und der Populismus sind Anzeichen für diese Spannung. Wir können es uns nicht leisten, in der gemeinsamen Entwicklung eines Zukunftsbildes unserer Gesellschaft so viele Menschen zu verlieren. Ich denke, dass der Druck nun groß genug ist und dass wir, auch auf der europäischen Ebene, zu einer nachhaltigen und inklusiven Agenda der digitalen Gesellschaft kommen werden.

In unserer Serie „Wie wollen wir jetzt Leben?“ stellen wir Ihnen vom 7. bis zum 14. November Ideen für eine nachhaltige Welt vor.

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