Der verblüffende Einfluss fremder Gene

  • Bringt jemand die Veranlagung mit, Langschläfer zu sein? Raucher? Oder Choleriker?
  • Nicht nur das eigene Erbgut bestimmt darüber, wie sich ein Mensch entwickelt.
  • Neue Studien zeigen, dass auch die Gene von Partnern oder Freunden verblüffend großen Einfluss auf unser eigenes Leben haben.
Christian Wolf
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Ob man Langschläfer ist, starker Raucher oder einen Hang dazu hat, cholerisch zu sein: Unsere Gene bestimmen mit über unsere Persönlichkeit, unser Verhalten und unsere Gesundheit – keine Frage. Doch wie sieht es mit den Erbanlagen unseres Partners oder denen von Freunden aus? Haben sie ebenfalls einen Einfluss auf uns selbst? Intuitiv möchte man mit Nein antworten. Denn schließlich: Wie soll das gehen? Doch die aktuelle Forschung zeigt, dass die Gene des Partners und von Freunden uns offenbar durchaus bis zu einem gewissen Grad mitprägen können.

Auf der einen Seite gibt es direkte Effekte des Erbguts. Unsere eigenen Gene bestimmen unmittelbar mit, wie wir uns entwickeln. Auf der anderen Seite existieren aber möglicherweise auch indirekte Effekte. Hier wirken die Gene eines Menschen als ein Umwelteinfluss auf das Verhalten eines Mitmenschen.

Ein einfaches Beispiel: Der eigene Partner geht aufgrund seiner genetischen Veranlagung gerne spät ins Bett und ist ein Morgenmuffel. Man selbst ist eigentlich Frühaufsteher, geht aber in der gemeinsamen Wohnung dem Partner zuliebe später schlafen, als es den eigenen Bedürfnissen entspricht. Damit beeinflussen die Gene des Partners nicht nur das eigene Verhalten, sondern im Extremfall auch die eigene Gesundheit. Denn Schlafmangel kann bekanntlich auch zu Erkrankungen führen.

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Der Einfluss des Umfelds

Dass Gene tatsächlich auf solchen Wegen ihre Wirkung entfalten können, zeigen mittlerweile erste Studien. So fand etwa ein Team um die Soziologin Kathleen Harris von der amerikanischen University of North Carolina at Chapel Hill heraus: Hatten Freunde oder Schulkameraden eine genetische Veranlagung dafür zu rauchen, neigte man auch selbst mehr dazu, zur Zigarette zu greifen. Der genetische Einfluss des Umfelds war sogar größer als der des eigenen Erbguts. Außerdem hatte die genetische Ausstattung von Freunden und Schulkameraden Auswirkungen auf den Bildungsabschluss von Jugendlichen.

Den bislang eindrucksvollsten Beleg für einen indirekten Einfluss von Genen lieferten kürzlich Forscher um Professor Albert Tenesa von der University of Edinburgh. Sie knöpften sich die Daten von mehr als 80.000 heterosexuellen Paaren europäischer Abstammung vor, deren genetische Ausstattung sowie Gesundheits- und Lebensgewohnheiten in einer großen Langzeitstudie erfasst worden waren.

Die Forscher um Tenesa wählten mehr als 100 Merkmale wie Körpergröße, das Rauchverhalten oder die Anfälligkeit für Stimmungsschwankungen aus. Dies alles sind Merkmale, die von gleich mehreren Genen beeinflusst werden. Anschließend suchten die Wissenschaftler in einem statistischen Verfahren nach Zusammenhängen zwischen den Merkmalen eines Menschen und der DNA seines Partners. Das Forscherteam fand heraus, dass etwa 50 Prozent dieser Merkmale mit der genetischen Ausstattung des Partners zusammenhingen – darunter der Hang, zur Zigarette zu greifen, oder die Zeit, die man vor dem Fernseher verbringt.

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Ein Miteinander in „nicht zufälliger Paarung“

Allerdings mussten die Experten im Weiteren noch eine alternative Erklärung ausschließen. Schließlich könnte es sein, dass die Gene des sozialen Umfelds gar nicht wirklich ursächlich Merkmale wie das eigene Verhalten prägen. Im Falle von Paaren könnten die gefundenen Zusammenhänge schlicht auf das Konto von „gleich und gleich gesellt sich gern“ gehen. Forscher sprechen da etwas hochgestochener von „nicht zufälliger Paarung“. Will heißen: Menschen wählen eher Partner mit Merkmalen, die ihren eigenen ähnlich sind.

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Dass Paare oftmals zumindest ähnlich groß sind, hat nichts damit zu tun, dass die Gene des einen Partners auf die Körpergröße des anderen einwirken, sondern hängt schlicht mit der gezielten Partnerwahl zusammen. Auch Menschen mit seelischer Erkrankung finden häufiger zusammen, als es der Zufall will. Auch hier wäre die Veranlagung des einen Partners für psychische Erkrankungen nicht mit ein Grund für die Erkrankung des anderen.

Die Forscher um Tenesa haben versucht, solche Fälle von gezielter Partnerwahl statistisch herauszurechnen. Sie kamen zu dem Schluss, dass bei einem Viertel der gefundenen Zusammenhänge tatsächlich die Gene des einen Partners das Verhalten des anderen mit beeinflussen. Das galt etwa für Ernährungsgewohnheiten, die Zeit, die vor dem Fernseher verbracht wurde, die Anfälligkeit für Stimmungsschwankungen, das Engagement für den Bildungsabschluss und Rauchgewohnheiten.

„Dass die genetische Ausstattung eines Menschen Merkmale eines anderen, nicht mit ihm verwandten Menschen beeinflusst, ist sehr spannend“, sagt der Psychologe Rainer Riemann von der Universität Bielefeld. „Die Frage ist allerdings, auf welchem Weg das passiert.“

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Bei Merkmalen wie Fernsehkonsum könne man sich indirekte Effekte von Genen gut vorstellen. „Die Gene des Partners prägen dessen Persönlichkeit und damit auch seinen Fernsehkonsum. Und wenn mein Partner oft fernsieht, liegt es für mich natürlich nahe, mitzuschauen.“

Beim Thema Bildungsabschluss sei das schon schwieriger. Da spiele sicherlich zunächst auch die gezielte Partnerwahl eine Rolle: „Menschen mit einem hohen schulischen Ehrgeiz suchen sich eher Partner oder Freunde, die ebenfalls ambitioniert sind.“

Die Gene und der Bildungsweg

Laut der Studie von Tenesa haben die Gene auch in Fragen des Bildungswegs einen indirekten Einfluss. Da kann sich Riemann allenfalls Folgendes vorstellen: „Wenn Paare sich schon sehr früh kennenlernen und sich ermuntern, schulische Abschlüsse zu machen, dann hat die genetische Ausstattung des Partners Einfluss auf den eigenen Bildungsabschluss.“

Die gezielte Partnerwahl spiele am Beginn einer Partnerschaft eine Rolle, sagt der Humangenetiker Christian Schaaf, Ärztlicher Direktor des Instituts für Humangenetik am Uniklinikum Heidelberg. „Aber je länger die Partnerschaft anhält, desto wichtiger werden die Umwelteinflüsse“, so Schaaf. „Und dazu zählen die Faktoren, die durch die Gene des Partners beeinflusst sind.“ An der Binsenweisheit, dass Paare sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher werden, sei sicherlich etwas dran. „Wenn sich der eine Partner gesund ernährt und das Kochen übernimmt, wirkt sich das natürlich auch auf die Gesundheit des anderen Partners aus.“

Für Schaaf haben die neuen Erkenntnisse zwei klare Botschaften. Unser Schicksal ist nicht gänzlich durch unsere eigene genetische Veranlagung vorbestimmt. Auf der anderen Seite zeigen die neuen Erkenntnisse den vielgestaltigen Einfluss der genetischen Information auf unser Leben, nämlich über das einzelne Individuum hinaus. „Mein Genom hat eben auch Einfluss auf meinen Partner und auf mein soziales Umfeld.“

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