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„Der Ozean ist nicht unendlich“: Wie Sylvia Earle das Meer retten will

Sylvia Earle ist eine der wichtigsten Umweltaktivistinnen, die das Leben unter Wasser schützen wollen. Forschungen zeigen, dass dies nun auch in der Arktis immer wichtiger wird.

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Hannover. Als Sylvia Earle mit dem Tauchen begann, waren die Ozeane noch so etwas wie der Garten Eden und Jacques Cous­teau sein berühmtester Entdecker. Das ist 60 Jahre her, die US-Amerikanerin ist inzwischen 83 Jahre alt – und taucht noch immer.

Die „Grande Dame der Meere“, wie man die Ozeanografin und Umweltaktivistin in ihrer Heimat nennt, kennt die Tiefe wohl besser als jeder andere Mensch. Als Leiterin von mehr als 60 Ozeanexpeditionen war sie über 7000 Stunden unter Wasser, sie stellte bei einer Tiefe von 381 Metern den Weltrekord für Frauen auf.

Den Weltrekord im Solotauchen in einer Kapsel auf einem Kilometer Meerestiefe hält sie noch heute und hat, bisher, gut 200 wissenschaftliche Publikationen und Bücher für die Allgemeinheit über die Ozeane verfasst. Inzwischen kämpft sie für den Schutz der Meere.

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„Der Ozean ist nicht unendlich“

Seit Earles erstem Tauchgang und heute ist viel passiert unter Wasser. 90 Prozent der großen Fische, die industriell gefischt werden, viele Hai- und Walarten sind verschwunden. Gut die Hälfte der Korallenriffe: tot. Weite Teile des Ozeans: ausgebeutet, zugemüllt, übersäuert, verseucht.

Dabei bilden die Ozeane den größten Lebensraum auf diesem Planeten. Sie bedecken 70 Prozent der Erdoberfläche. Aber nur 3 Prozent der Meere stehen unter Naturschutz, obwohl das Ökosystem der Ozeane lebensnotwendig für das Leben an Land sei, gibt Earle zu Bedenken.

„Der Ozean ist nicht unendlich. Wir müssen endlich aufhören zu denken, dass wir da alles rausholen und reinkippen können, ohne dass es Auswirkungen auf unseren Planeten hätte“, sagt sie im Gespräch am Rande einer Podiumsdiskussion in Hamburg. „No water, no life. No blue, no green“, das ist auch auf der Website ihrer Initiative Mission Blue zu lesen.

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Sylvia Earle ist inzwischen 83 Jahre alt – und taucht noch immer.

Die Initiative hat dafür gesorgt, dass sich die Anzahl der weltweiten Schutzgebiete unter Wasser in den vergangenen zehn Jahren verdreifachte – zuvor war es lediglich ein Prozent. Earle, frühere Leiterin der nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA und Beraterin der US-Weltraumbehörde Nasa, hat Mission Blue im Jahr 2009 gegründet.

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Die Akteure machen weltweit noch intakte Meeresgebiete ausfindig – sogenannte „Hope Spots“. Solche „Hoffnungsflecken“ sind Meeresgebiete, die besonders schützenswert sind. Weil deren Tier- und Pflanzenarten sehr selten oder bedroht sind. Oder weil die Biotope von besonderer historischer oder ökonomischer Bedeutung für eine Gemeinde sind.

Um solche Orte zu identifizieren, helfen Menschen und Gemeinden vor Ort, aber auch Taucher und Reisende – sie schlagen das potenzielle Schutzprojekt vor. Sobald ein neuer „Hope Spot“ gemeldet wird, arbeiten die Einheimischen eng mit Sylvia Earle, ihrem Team und dessen Netzwerk von Experten und Organisationen zusammen und die wiederum mit regionalen Behörden und Entscheidern.

Mission Blue macht die „Hope Spots“ sichtbar

Über die sozialen Medien macht Mission Blue die „Hope Spots“ dann auch für den Rest der Welt sichtbar. 120 Spots sind dadurch bereits unter Schutz gestellt worden – vom Alborán-Meer im westlichen Teil des Mittelmeers vor der Iberischen Halbinsel bis zum Walter’s Shoal vor der Küste Madagaskars im Indischen Ozean. Inzwischen sei ein weltumspannendes Netz entstanden: „Unser Ziel ist es, auf 20 Prozent Meeresschutzgebiete zu kommen. Wenigstens“, sagt die Frau, die im August 84 Jahre alt wird.

Earle ist eine kleine, zierliche Frau, inzwischen geht sie gebeugt, aber die Empörung darüber, wie die Menschheit mit ihren Meeren umgeht, ist nie schwächer geworden. „Vielleicht wirke ich manchmal radikal, aber das liegt daran, dass ich mehr gesehen habe als andere. Ich bin eine Zeugin der Tiefe.“

In der nächsten Sekunde wirkt sie zuversichtlich: „Heute sind wir klüger, wir wissen, dass wir etwas tun müssen, um unseren Planeten zu retten.“ Immerhin, sagt Earle, gebe es in den Ozeanen ja noch die Hälfte der Korallenriffe und 10 Prozent der großen Fische und Meeressäuger. Für sie sei es noch nicht zu spät.

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„Wir müssen endlich aufhören zu denken, dass wir da alles rausholen und reinkippen können, ohne dass es Auswirkungen auf unseren Planeten hätte“: Sylvia Earles Empörung darüber, wie die Menschheit mit ihren Meeren umgeht, ist nie schwächer geworden.

300 Tage im Jahr ist Earle als Botschafterin für das Wohl der Meere rund um den Globus unterwegs – Kongresse, Vorträge, Treffen mit Umweltbehörden und Organisationen. Dazwischen dreht sie Dokumentationen für Netflix und die BBC, gibt Interviews für Medien und posiert für die Titel vom „Time“-Magazin in New York bis „Donna“ in Deutschland, als „Frau, die die Welt verändert“, als „Her Deepness“, als „Hero of the Planet“. Dabei scheint sie nie müde zu sein, die Schönheit und Schutzwürdigkeit der Meere zu beschreiben.

So groß die Bemühungen auch sind: Die Interessen der Industrie und der Klimawandel bereiten immer wieder neue Probleme. So ist der ansteigende Lärm im Meer ein wachsendes Problem. Lärm, den Schiffsmotoren auslösen oder von sogenannten Airguns, die bei der Suche nach Öl- und Gasvorräten unter Wasser eingesetzt werden.

Die Geräte werden hinter Schiffen hergezogen und senden alle zehn Sekunden Schallwellen aus, die kilometerweit in den Meeresboden eindringen und von Öl- und Gasfeldern reflektiert und zurückgeworfen werden. Durch diese Technik wird eine geologische Karte des Meeresbodens erstellt. Der Schall ist dabei 100.000-mal so laut wie ein Düsenjet.

Unterwasserlärm dringt zunehmend auch in die Arktis vor

Schon vor fünf Jahren hatte das Umweltbundesamt (Uba) bei einer Untersuchung festgestellt, dass die Schallwellen die Kommunikation von Meeressäugern noch in 2000 Kilometern Entfernung stören kann. Der Umweltverband WWF warnt aktuell davor, dass Unterwasserlärm zunehmend auch in die Arktis vordringt – und ein wachsendes Problem für Meeresbewohner wie Wale darstellt.

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„Denn wo früher Eis den Weg blockierte, werden durch die Klimakrise nun auch entlegene Gebiete für den Schiffsverkehr zugänglich“, heißt es von dem Verband. Der Lärm von Schiffspropellern und seismischen Explosionen zur Suche nach Öl- und Gasvorkommen übertöne die Gesänge der Wale und störe so ihre Orientierung, die Suche nach Futter und nach ihren Kindern.

Der Lärm von Schiffspropellern und seismischen Explosionen zur Suche nach Öl- und Gasvorkommen übertönt die Gesänge der Wale und stört ihre Orientierung.

Für die feinen Ohren eines Wals sei eine seismische Explosion beim Bohren nach Erdöl und Erdgas so laut wie für uns ein startendes Flugzeug, wenn man direkt daneben stehe. Die Schallwellen können bei Walen und Delfinen auch starke innere Verletzungen hervorrufen. Manche Meeressäuger erleiden so starke Verletzungen, dass sie direkt sterben, berichten Forscher vom Whale and Dolphin Conservation.

Schon binnen weniger Jahre könnte die Arktis im Sommer eisfrei sein, haben Studien ergeben. Dann haben die Industrieschiffe freie Bahn. Vor Sylvia Earle und ihren Mitstreitern liegt noch viel Arbeit.

Von Sonja Fröhlich

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