Der Maulwurf ist Wildtier des Jahres - und das ist gut so

  • Es gibt die „Mikrobe des Jahres“ und die „Flechte des Jahres“, die Flatter-Ulme trägt ebenso eine Würdigung wie die Senf-Blauschillersandbiene.
  • Was für Laien manchmal absurd scheinen mag, hat durchaus einen Sinn.
  • Wie Ernennungen das Bewusstsein für Umwelt- und Tierschutz schärfen.
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Stuttgart. Die Turteltaube ist es, die Auen-Schenkelbiene ebenfalls, der Maulwurf gehört dazu und die Finger-Scharlachflechte. Mehr als 30 „Jahreswesen“ listet der Naturschutzbund (Nabu) für 2020 auf. Auch Einzeller (Dinoflagellat) und Höhlentiere (Mauerassel), Heilpflanzen (Wegwarte) und Pilze (Gemeine Stinkmorchel) haben eine eigene Auszeichnung. Nun gesellt sich die Zauneidechse als das „Reptil des Jahres 2020“ hinzu. Sie wurde am Donnerstag in Stuttgart ausgezeichnet. Die Echse stehe auf der Vorwarnliste, sagt Axel Kwet, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde in Mannheim. Ihre Lage könne sich also verschlechtern.

Gibt es mit den zahlreichen „Jahreswesen“ eine unnötige Titel-Inflation? Keineswegs, sagt Kwet. „Man schenkt einem oft bedrohten Tier und seinem Lebensraum eine Aufmerksamkeit, die es braucht.“

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Die Flatter-Ulme (Ulmus laevis) wurde 2019 zum Baum des Jahres gekürt. Spannend sei laut Stiftung Baum des Jahres ihr vielseitiges Potential, besonders in der Stadt. Denn im Gegensatz zu Berg- und Feld-Ulme ist die Flatter-Ulme sehr viel widerstandsfähiger und gegen Ulmenkrankheiten gewappnet. So macht ihr ein dauerhaft feuchter Boden und längere Überflutungsperioden nicht aus. Die Stiftung Baum des Jahres hebt hervor, dass die Flatter-Ulme bereits seit der letzten Eiszeit Teil des Ökosystems ist - und damit deutlich macht, dass sie die verschiedensten Klimabedingungen überleben kann.  @ Quelle: picture alliance / Bildagentur-o
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Nabu: Ernennung sind "riesiger Erfolg"

Vögel, Wildtiere und Blumen, Wildbienen und Bäume seien Sympathieträger, nicht nur, wenn es um eine Würdigung gehe. „Aber Kriechtiere haben einen schlechten Leumund“, sagt Kwet, dessen Gesellschaft das „Reptil des Jahres“ benennt. Mal seien „sie giftig, mal eklig. Da ist es wichtig, dass man um Sympathie wirbt für ein wichtiges Anliegen.“

Aufmerksamkeit erzeugen - darum geht es auch dem Naturschutzbund (Nabu) Deutschland, der bereits seit 1971 den „Vogel des Jahres“ würdigt. „Aus unserer Sicht ist das ein riesiger Erfolg“, sagt der baden-württembergische Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle. „Ich habe schon das Gefühl, dass das aufgegriffen wird und das diejenigen, die naturbegeistert sind, sich auch damit beschäftigen.“

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Auszeichnung macht auch auf Probleme aufmerksam

Der Wert der Auszeichnung dürfte aber nicht bei derjeweiligen Art hängenbleiben, sondern müsse auch den Lebensraum und die Rahmenbedingungen adressieren. Mit den meisten „Jahreswesen“ sei auch eine Botschaft verbunden, sagt Enssle. „Man will auf eine Art aufmerksam machen, um die es entweder schlecht steht oder der es so gut geht, dass sie aus anderer Gründen im Mittelpunkt steht.“ Ein Beispiel dafür sei der Kormoran, der laut Bodenseefischern tonnenweise Fisch aus dem See frisst. Die Tiere ständen stets stellvertretend für einen Lebensraum oder ein Thema: Die Dohle für die besiedelten Kirchtürme, die Turteltaube für den Mangel an strukturreichen Agrarlandschaften.

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Die Abhängigkeit aller Lebewesen verstehen

Die Gesellschaft für Mykologie zum Beispiel will mit der Benennung der Gemeinen Stinkmorchel auf die gegenseitigen Abhängigkeiten aller Lebewesen beim Insektensterben hinweisen. Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) wirbt mit der Gurke dafür, sich stärker mit „diesem vielfältigen Gemüse in Garten und Küche zu beschäftigen“. Und der Schwarzblaue Ölkäfer kann sich zwar enorm schnell vermehren - ein einzelnes Weibchen kann fünf- bis sechsmal im Abstand von ein bis zwei Wochen je 3000 bis 9500 Eier legen. Dennoch findet sich seine Art auf der Roten Liste als gefährdet wieder, weil sie ihren Lebensraum verliert und ihr der Straßenverkehr zusetzt.

Aktionen über Ernennungen hinaus helfen

Ähnlich sieht das Eva Goris von der Deutschen Wildtierstiftung, die Jahr für Jahr das „Wildtier des Jahres“ kürt: „Ich bin überzeugt, dass ein solcher Titel etwas bringt, auch wenn sich dieser Mehrwert nur schlecht nachweisen lässt“, sagt sie. Der prämierte Maulwurf zum Beispiel erhalte durch die Aufmerksamkeit und die Berichte ein sympathisches Bild. „Es bewegt sich dadurch vielleicht etwas in den Köpfen.“

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Das allerdings reicht noch nicht: „Es kommt darauf an, die Ernennung mit einer Idee und Aktionen, mit Spendenaufrufen für Schutzmaßnahmen und Lobbyarbeit zu verknüpfen“, so Viktoria Michel, die Projektkoordinatorin der „Zootier des Jahres“-Artenschutzkampagne. „Außerdem brauchen Menschen immer etwas Besonderes, um darauf aufmerksam zu werden.“

Zootier des Jahres: Nur Tiere ohne Lobby gewinnen

Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz (ZGAP) zeichnet seit 2016 das „Zootier des Jahres“ aus. Ein Erfolg? „Wir haben mit unseren Aufrufen zum "Zootier des Jahres" - der stark bedrohten Scharnierschildkröte - andere Zoos zur Züchtung animieren können und unterstützen die Freilandarbeit in Kambodscha.“ Bei den Titelträgern ist die ZGAP eigen: „Wir setzen uns für die Tiere ein, die in den Zoos und Tierparks eher untergehen und keine Lobby haben“, sagt sie. Eisbären und Elefanten hätten da wenig Chancen.

RND/dpa

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