Depressionen bei Kindern - die oft verkannte Gefahr

  • Immer mehr Kinder und Jugendliche sind wegen Depressionen in Behandlung.
  • Noch immer bleiben psychische Krankheiten häufig unerkannt.
  • Die Politik muss die Therapiemöglichkeiten insbesondere für schwer erkrankte Kinder und Jugendliche verbessern.
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Es ist noch immer leicht, Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zu verkennen. Der 15-Jährige, der tagelang antriebslos in seinem Zimmer sitzt, kaum mehr spricht, nur mehr aggressiv reagiert? Die Pubertät, das wird sich geben. Die 14-Jährige, die sich aus Angst vor schlechten Noten permanent unter Druck setzt, die an nichts mehr Freude zu haben scheint? So ist die Schule halt, in den nächsten Ferien ist das vergessen. Die Möglichkeiten, Warnzeichen zu übersehen oder zu verharmlosen, sind bei Kindern und Jugendlichen besonders zahlreich. Tatsächlich ist gerade bei Jungen und Mädchen in der Pubertät nichts so sicher wie die permanente Veränderung. Nur dass auf die düsteren Episoden nicht unbedingt die Rückkehr ins Glück folgt, sondern häufig die umso tiefere Depression.

Sämtliche Studien und Auswertungen der jüngsten Zeit zeigen, dass die Depressionsdiagnosen bei Kindern und Jugendlichen stark steigen. Der neuste Report der DAK, an diesem Donnerstag veröffentlicht, zeigt eine Zunahme binnen nur eines Jahres um fünf Prozent. Zahlen der Barmer belegen, dass sich die Anzahl der Betroffenen von 2005 bis 2017 verdoppelt hat. Es sind also immer mehr Kinder und Jugendliche wegen Depressionen in Behandlung. Das ist noch keine schlechte Nachricht, schließlich zeigt diese Entwicklung auch, dass viele Eltern und Ärzte wachsamer geworden sind - und der Gang zu Psychologen und Psychiatern zum Glück nicht mehr das Tabu ist, das es vor längerer Zeit mal war. Erschütternd aber wird es, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der Betroffenen keine Hilfe erhält, weil die Krankheit nie erkannt wird - und dass es gesellschaftliche und technische Entwicklungen gibt, die die Entstehung von Ängsten und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen noch befördern. Die sogenannten sozialen Netzwerke können auf dem Schulhof schnell zu hocheffizienten Werkzeugen für Ausgrenzung und Mobbing werden. Und wenn schon Drittklässlerinnen aus Sorgen um den Notenschnitt und den Platz auf dem richtigen Gymnasium beginnen, schlecht zu schlafen, dann spüren sie einen Druck, der krank machen kann.

Dagegen etwas zu tun ist eine Aufgabe für viele. Für Lehrer, die ein Gespür dafür brauchen, wann Kinder unter dem Druck zu leiden beginnen. Für Eltern, die akzeptieren müssen, dass der Ehrgeiz seine Grenzen hat. Am Ende gehört aber auch eine Politik dazu, die die Interessen von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen ernster nimmt. Genau 17,8 Wochen warten Kinder und Jugendliche im Schnitt nach der ersten Anfrage auf einen Therapieplatz. Das ist zwar etwas kürzer als bei den Erwachsenen, aber immer noch zu lange. Dazu haben gerade die besonders schwer kranken Kinder Mühe, nach einem Klinikaufenthalt jene Hilfe zu bekommen, die einen Rückfall verhindert. Gerade die dafür zuständigen Institutsambulanzen sind an vielen Orten chronisch unterfinanziert und überlastet. Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber psychischen Krankheiten zu ändern, das Stigma weiter zu verkleinern und die Aufmerksamkeit für Warnzeichen zu erhöhen - alles das braucht Zeit. Die Therapiesituation für besonders betroffene Kinder und Jugendliche geht dagegen vergleichsweise schnell - und wäre eine große Hilfe.