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Debatte über Drosten-Studie – wie Wissenschaftler miteinander reden

  • Jede Branche, das gilt für Medien gleichermaßen wie für den Sport, hat ihre eigenen Kommunikations-Chiffren.
  • Die Art und Weise des Austausches untereinander wird häufig von Fachfernen als befremdlich empfunden.
  • Das gilt allerdings ganz genauso für die (Natur-)Wissenschaften.
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Die Debatte um die Studie “An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age” (Analyse der Sars-CoV-2-Viruslast nach Alter der Patienten) von Professor Christian Drosten und weiteren Autoren hat durch eine Medienveröffentlichung der “Bild” neue Fahrt aufgenommen.

Erst recht, seit Drosten (und auch der SPD-Politiker Karl Lauterbach) am Dienstag öffentlich machten, Drohpakete erhalten zu haben (alles dazu lesen Sie hier). Einen Tag nach der Veröffentlichung der Bild-Zeitung.

Die Studie, bei der es darum geht, ob Kinder genauso infektiös sind als Überträger des neuen Coronavirus wie Erwachsene, sei in weiten Teilen falsch, heißt es in dem Bericht. Zitiert werden auch Kollegen von Drosten. Deren Zitate klingen in der Tat kritisch – doch sie selbst distanzierten sich in der Folge von der Deutung der Bild-Zeitung, Drosten habe falsch gelegen mit seiner Studie und die Kollegen bestätigten das. Zudem, so befand Professor Jörg Stoye, der an der New Yorker Cornell University lehrt, im Spiegel, seien seine englischen Äußerungen “recht freihändig” übersetzt worden. Das zumindest ist nicht richtig. Die Zitate wurde akkurat übertragen.

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Allerdings ist Wissenschaft eben nur in den seltensten Fällen verkürzt und aus dem Kontext herausgerissen korrekt wiederzugeben und zu interpretieren. Des weiteren gilt in Zeiten von Corona ganz besonders: Die Dynamik der Entwicklung ist auch und gerade für die Wissenschaft enorm. Der äußere Druck (Suche nach Impfstoff, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und die temporäre Aussetzung anderer, für ganz normal gehaltener Grundrechte) lässt ihnen kaum Zeit, Studien werden schon in einer “Rohfassung” publiziert, der wissenschaftliche Diskurs, der häufig auch die Entstehung solcher Arbeiten begleitet, wird aufgrund des Zeitdrucks häufig zum verkürzten Kommentar einer noch unfertigen Arbeit.

Drosten: “In der Öffentlichkeit muss man simplifizieren”

Das hat Drosten selbst in seinem Podcast auf NDR Info scharf kritisiert: “Ich brauche das nicht – es gibt kein Erfolgsmaß in der Wissenschaft, in Form von Podcasts oder Twitterfollowern. Im Gegenteil, für einen Wissenschaftler ist es gefährlich. Es kann wirklich karriereschädigend sein, sich zu sehr in die Öffentlichkeit zu begeben. Denn in der Öffentlichkeit muss man simplifizieren und muss Dinge vereinfachen. Das steht einem Wissenschaftler eigentlich nicht gut. Ich mache das jetzt aber mal trotzdem, weil ich mich genau in diesem engen Forschungsfeld seit so langer Zeit schon bewege, dass ich weiß, dass ich frei und weitgehend ohne Fehler über das weitere Themenumfeld dieses Problems sprechen kann. Sonst würde ich das sowieso nicht tun, wenn ich mich nicht wirklich exakt in diesem Thema so sicher fühlen würde, in dem Thema epidemische Coronaviren. Ich würde mich noch nicht mal trauen, das im Bereich Influenza in dieser Intensität zu machen. Das wird trotzdem nicht verstanden. Und ich finde das sehr schwierig.”

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Dennoch ist nun ausgerechnet auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine Debatte über die Studie ausgebrochen. So kritisierte der Mannheimer Statistik-Professor Christoph Rothe auf Twitter die Studie von Drosten mit den Worten: “Kinder haben in dieser Coronavirus-Studie im Schnitt 67–85% weniger Viruslast als Erwachsene. Dass derart große Unterschiede von den Autoren als ,nicht signifikant‘ eingestuft werden, liegt daran dass die verwendeten stat. Methoden sehr schwach sind.” Rothe kritisiert auf Twitter weiter: “Das ist in etwa so also würde man sich mit einer Lupe auf die Suche nach Bakterien machen, obwohl man ein Mikroskop zur Verfügung gehabt hätte. Wenn man mit der Lupe dann nichts ,signifikantes‘ findet, heißt das erstmal nicht viel.” Professor Dominik Liebl von der Uni Bonn, der die Wissenschaftler-Debatte über die Studie auf Twitter mit angestoßen hatte, stimmt dem zu und antwortet seinem Kollegen Rothe: “Danke @christoph_rothe für diesen sachlichen Thread. Genau auf diese Art wollte ich meinen Open Review Report (https://osf.io/cdnsk/) verstanden wissen!”

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Zwei schriftliche Erwiderungen auf die Drosten-Studie

Was die beiden Kollegen für einen sachlichen Dialog halten, würden andere vielleicht als grundlegenden Zweifel an Drostens Arbeit sehen. Liebl und sein Zürcher Kollege, der Epidemiologe Leonhard Held, haben sogar zwei getrennte schriftliche Erwiderungen auf die Drosten-Studie verfasst. In Helds Zusammenfassung heißt es wörtlich: “Die vorliegende Studie kann nicht als schlüssig angesehen werden. Die ursprüngliche Analyse von Jones et al. (2020) leidet unter kleinen Stichprobengrößen bei Kindern und Jugendlichen. Eine erneute Analyse der zusammenfassenden Daten mit einem Trendtest legt nahe, dass es moderate, wenn auch nicht überwältigende Hinweise auf eine zunehmende Viruslast mit zunehmendem Alter gibt. Eine erneute Analyse der Originaldaten auf individueller Ebene könnte mehr Einblicke in die Beziehung zwischen Viruslast und Alter bringen. Die vorliegende Studie kann nicht als schlüssig angesehen werden. Eine erneute Analyse der Originaldaten auf individueller Ebene könnte mehr Einblicke in die Beziehung zwischen Viruslast und Alter bringen.”

Drosten selbst, der sich als Wissenschaftler natürlich, so wie jeder andere auch, schon einmal geirrt hat (in der Einschätzung der Schweinegrippe, aus der seinerzeit eine überproportionale Bestellung an Impfstoffen resultierte), begrüßt die Debatte um seine Studie und schreibt auf Twitter: “Wir haben damals viele gute Anregungen bekommen und inzwischen eingearbeitet. Unsere Schlussfolgerungen werden dadurch sogar noch härter.” Der kritische Diskurs unter den Wissenschaftlern ist also durchaus produktiv und konstruktiv, auch wenn die Formulierungen manchmal durchaus konfrontativ klingen.

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Wissenschaft schließt die eigene Fehlbarkeit niemals aus

Auch Professor Stoje assistiert Drosten, selbst wenn er nicht gänzlich die Schlussfolgerungen von dessen Studie teilt: "Ja, ich habe kritische Anmerkungen zur statistischen Auswertung in der Studie. Gemeint war dies im Sinne von @c_drosten selber (tweet vom 10.4.): „Diskurs ermöglicht wissenschaftliche Meinungsbildung. Auch wenn sich manche einen Gelehrtenstreit wünschen.“ Und er ergänzt: “Zitat aus meinem Aufsatz: „I emphasize that I do not suggest any intent.” (Ich betone, dass ich keine Absicht unterstelle.) Dieser Satz stand schon immer drin und aus gutem Grund. Bitte mitzitieren!” Hierbei bezieht sich Stoje darauf, dass in dem umstrittenen Artikel unterstellt wird, Drosten habe seine Studie dem politisch vorherrschenden Wunsch angepasst, sprich manipuliert. Diese Unterstellung hält insofern den Fakten nicht stand, als dass Drosten selbst erst kürzlich für eine weitere Öffnung von Lehreinrichtungen plädiert hat.

Im Deutschlandfunk äußerte sich Drosten auch durchaus vorsichtig, was die Erkenntnisse der eigenen Studie anbelangt. Es gebe bis dato keine wissenschaftlichen Daten, die bestätigten, dass Kinder weniger infektiös seien oder weniger empfänglich für eine Infektion. Dennoch sehe er als Privatperson, nicht als Virologe, die Notwendigkeit, den “gesellschaftlich extrem wichtigen Bereich der Kinderbetreuung und Erziehung wieder zu beleben”. Die Zusammenfassung seiner eigenen Studie schließt übrigens mit folgendem Satz: “Children may be as infectious as adults” – “Kinder können so infektiös sein wie Erwachsene." Sie können, müssen aber nicht. Wissenschaft schließt die eigene Fehlbarkeit niemals aus. Ihre Kritiker sollten das auch nicht …


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