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„Das ist jetzt ein Neuanfang“: Was der Wechsel des Vornamens für trans Menschen bedeutet

  • Alter Name, alte Identität – trans Menschen ändern häufig ihren Namen.
  • Miriam Lind, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Mainz, hat untersucht, wie sie ihre neuen Vornamen wählen.
  • Im Gespräch erklärt sie, wie wichtig das für die eigene Identität sein kann und warum Namensänderungen in Deutschland schwierig sind.
Angela Stoll
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Der Vorname definiert meist klar das Geschlecht des Menschen, der ihn trägt – deshalb lehnen viele trans Menschen ihren Altnamen entschieden ab. In ihrer Doktorarbeit hat die Sprachwissenschaftlerin Miriam Lind unter anderem untersucht, welche Rolle der Namenwechsel für trans Menschen spielt. Grundlage waren zahlreiche Interviews, die sie mit trans Personen geführt hat.

Aus Paul wird Paula, aus Christine wird Christian. Läuft das so einfach, wenn sich trans Menschen einen eigenen Vornamen geben, Frau Lind?

Recht selten. Das kommt natürlich vor, aber zum einen gibt es viele Namen, bei denen das nicht möglich ist. Wenn ich zum Beispiel Miriam heiße, könnte ich davon keine maskuline Version wählen. Obwohl der Name auf Maria zurückgeht und es durchaus katholische Sitte ist, Maria auch als Männernamen zu führen. In diesem Ausnahmefall ist der Ausdruck von Religionszugehörigkeit wichtiger als die Geschlechtsinformation.

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Zum anderen haben viele Menschen auch ein bisschen das Gefühl: Das ist jetzt ein Neuanfang und ich bin in der Position, mir einen Namen zu suchen, der zu mir passt. Ich muss mich nicht an dem orientieren, was mir meine Eltern vor x Jahren auf den Weg gegeben haben. Häufig ist allerdings ein schlichter Namenswechsel wie von Paul auf Paula auch ein Angebot an die oder ein Wunsch von der Familie oder des sonstigen sozialen Umfelds, nicht der betroffenen Person, um ihnen den Umstellungsprozess zu erleichtern.

Auch nicht trans Menschen sind teilweise unglücklich über ihren Vornamen. Da kann eine Selbstbenennung eine große Chance sein.

Genau. Das sieht man auch in Ländern, in denen das Namensänderungsgesetz nicht so restriktiv ist wie in Deutschland.

Wo zum Beispiel?

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Mein Lieblingsbeispiel ist Schweden. Ursprünglich war man hier auch eher restriktiv, hat die Namengesetzgebung aber in den letzten Jahrzehnten zunehmend liberalisiert. Seit einigen Jahren ist es möglich, sich beliebig oft und beliebig neu zu benennen, und zwar unabhängig von Geschlechtsinformationen im Namen. Dass die Namengesetzgebung so strikt ist wie in Deutschland, ist eher ungewöhnlich. Das geht auf alte nationalsozialistische Gesetze zurück.

Inwiefern?

Damals ging es primär darum, Juden von einer sogenannten Namenflucht abzuhalten. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert herrschten bestimmte Vorstellungen davon vor, was „typisch jüdische“ Familiennamen seien. Die Vorstellung, man könne jüdische Abstammung am Nachnamen erkennen, war ein oft politisch motivierter Irrglaube. Familiennamen in unserem heutigen Sinn wurden von der jüdischen Bevölkerung mehrheitlich erst durch Assimilationsdruck im 19. Jahrhundert angenommen oder erteilt.

Mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Deutschen nahegelegt, derartige Namen abzulegen. Der jüdischen Bevölkerung wurde es dagegen erschwert, solche Namen zu ändern. Zur Begründung hieß es, dass sie damit Judentum verschleiern wollten. Erst durch diese antisemitischen Beschränkungen des Namenwechsels wurde die ideologiebasierte Kategorie „jüdische Familiennamen“ geschaffen. 1938 kam es zum Namensänderungsgesetz der Nazis, das aus unerfindlichen Gründen eigentlich bis heute gültig ist. Darin wurde festgeschrieben: Eine Person kann nur ihren Vor- oder Familiennamen ändern, wenn ein besonders wichtiger Grund vorliegt. Das ist absichtlich so schwammig gehalten. Wenn es der jeweiligen Regierung nicht passt, dass der Grund wichtig genug ist, kann eine Namensänderung abgelehnt werden.

Miriam Lind ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut der Universität Mainz. Nach ihrem Germanistikstudium hat sie am Projekt „Deutscher Familiennamenatlas“ und in der Forschungsgruppe „Un/Doing Differences“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft mitgearbeitet. In ihrer Doktorarbeit ging es um Vornamen: Darin hat Lind unter anderem untersucht, welche Rolle der Namenwechsel für transgeschlechtliche Menschen spielt. © Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Haben Sie öfter mit trans Menschen gesprochen, die Schwierigkeiten hatten, ihren Namen zu ändern?

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Mit dem Transsexuellengesetz wurde für Menschen, die das Geschlecht ändern wollen, 1981 eine Sonderregelung geschaffen. Dass es nur beim Namen Schwierigkeiten gibt, ist daher relativ selten. Was schon mal vorkommen kann, ist, dass die Transgeschlechtlichkeit einer Person in Zweifel gezogen wird. Bei einer trans Frau, die in Ostdeutschland gelebt hat, war es allerdings so: Sie hat als Zweitnamen einen ostfriesischen Frauennamen gewählt. Der Richter hat nicht geglaubt, dass das ein Frauenname ist, und ihr unterstellt, sie wolle ihn auf den Arm nehmen. Deshalb hat er den Antrag abgelehnt.

Welcher Name war das?

Es ging um Tomke.

Welche Einflüsse spielen eine Rolle, wenn sich trans Menschen einen neuen Namen suchen? Fragen sie oft jemanden um Rat? Oder haben sie bereits einen Traumnamen im Kopf?

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Das ist ganz vielfältig. Es gibt durchaus Fälle, in denen jemand sagt: Ich habe den Namen im Kopf, seitdem ich denken kann. Es gibt genauso Fälle, gerade bei jüngeren trans Menschen, in denen die Eltern gefragt werden: Hattet ihr denn bei meiner Geburt einen andersgeschlechtlichen Namen in petto? Ansonsten gibt es Nachbenennungen nach Film- oder Literaturcharakteren oder auch nach Vorbildern aus dem eigenen Leben – und so weiter.

Wie wichtig ist trans Menschen im Allgemeinen die Umbenennung?

Auch da ist es unterschiedlich. Ich hatte Interviews mit Personen, die gesagt haben: Für mich ist der Name ein ganz integraler Bestandteil meiner Identität. Andere sagen: Eigentlich ist mir das total egal, ich brauche den Namen ja nur, damit andere Menschen mich adressieren können. Ich habe auch mit Leuten gesprochen, die eigentlich gar keinen neuen Namen wollten. Aber dadurch, dass unsere Namen mit Geschlechtsinformationen aufgeladen sind, haben wir keine andere Möglichkeit. Wir kriegen es kognitiv nicht hin, jemanden als Jürgen anzusprechen und trotzdem als Frau wahrzunehmen.

Es gibt Namen, die männlich oder weiblich sein können – etwa Helge, Kim oder Luca. Die könnte man ja eigentlich beibehalten. Hatten Sie es auch mit solchen Fällen zu tun?

Ich habe nicht mit Leuten gesprochen, die von vornherein einen geschlechtsneutralen Namen hatten. In einem Fall hatte eine trans Frau in ihrem Geburtsnamen schon den Namen Maria – es ist ja aus religiösen Gründen erlaubt, dass Jungen mit Zweitnamen Maria heißen. Die hat tatsächlich Maria als neuen Namen gewählt. Es kommt aber schon vor, dass Menschen, die sich nicht binär verstehen, gezielt nach geschlechtsneutralen Namen wie Sascha und Robin suchen. Davon haben wir aber nicht viele.

Auch Spitznamen lassen sich oft keinem Geschlecht zuordnen, etwa Uli, Andi oder Alex …

Ja. Das sind Strategien, die öfter mal gewählt werden. Chris gehört auch dazu.

Sie haben auch herausgefunden, dass sich viele trans Menschen einen Namen suchen, der unauffällig sein soll.

Unauffällig in dem Sinn, dass er gut zum eigenen Jahrgang passt und dass der Name keinen Klischeevorstellungen über trans Personen entspricht. Viele möchten gern die Möglichkeit haben, ihre trans Geschichte in den Hintergrund rücken zu lassen. Und dazu gehört dann oft ein eher unauffälliger Name. Einige Leute wählen sich mehrere Namen: einen Namen, der in die Generation passt, und einen Zweitnamen, der etwas ausgefallener ist. Mit dem identifiziert man sich vielleicht stärker, nutzt ihn aber nur in Bereichen, in denen man sich sicher fühlt.

Wie stehen trans Menschen zu ihrem abgelegten Namen, dem „Deadname“?

Das ist in der Regel sehr problematisch. Für ganz viele ist schon seit der Kindheit klar gewesen: Ich bin irgendwie anders. Mit diesem Falschsein wird der Name stark assoziiert. Manche sagen: Für mich hört es sich auch später noch wie ein Stich in den Rücken an, wenn ich den Namen höre.

Wie kamen Sie auf das Thema?

Wir haben uns hier am Lehrstuhl schon lange mit Namen beschäftigt und wie wir eigentlich Geschlecht im Namen kodieren. Wir wissen als Muttersprachler im Deutschen ja sofort: Das ist ein Mädchenname, das ein Jungenname. Da taucht die Frage auf: Wie ist das eigentlich mit der Lautstruktur? Mich hat auch interessiert, warum das Geschlecht eine so wichtige Kategorie ist, dass sie in den Namen eingeschrieben sein muss. Bis vor etwa zehn Jahren mussten Namen geschlechtsoffenkundig sein. In einem größeren Forschungsverband haben wir uns mit Darstellungen von sozialen Differenzen beschäftigt. Da hat das Thema gut reingepasst.

Wann klingt ein Name im Deutschen weiblich?

Das Wichtigste ist der Namenauslaut. Wir wissen, dass Namen, die auf „a“ enden, weiblich sind – bis auf Ausnahmen wie Luca oder Noah. Namen, die auf Konsonanten enden, sind dagegen viel häufiger männlich. Auch die Namenlänge ist wichtig. Je länger ein Name, umso wahrscheinlicher ist es, dass er ein Mädchenname ist – mit der Ausnahme von Ruth und ein paar anderen wenigen. Männliche Namen haben außerdem in der Regel mehr Konsonanten als Vokale. Bei Frauennamen ist das umgekehrt.

Berit ist eine Frau, Gerit meist ein Mann. Klingt fast gleich.

Ja, das gibt es bei ein paar Namen. Auch Doris und Boris ist ein Beispiel. Das ist tatsächlich kulturelles Wissen, das wir uns aneignen. Oft kommt noch eine regionalspezifische Bedeutung hinzu. Als ich im Studium länger in Norwegen war, hatte ich mit einer Studienberaterin zu tun, die mit Vornamen Sigfrid hieß. Da war ich schon etwas überrascht. Insgesamt sind in Skandinavien alte germanische Vornamen wie zum Beispiel auch Ingrid und Sigrid bis heute viel beliebter als in Deutschland, in den meisten Fällen funktioniert die Geschlechtskodierung dieser Namen dort aber genauso wie hier. Der Namenbestandteil -frid ist eine Ausnahme, in Deutschland sind Namen mit diesem Zweitglied stets männlich, in Norwegen stets weiblich. Umgekehrt ist zum Beispiel unser Frauenname Inge dort ein reiner Männername.

Schmidt-Jüngst, Miriam (2020): „Namenwechsel. Die soziale Funktion von Vornamen im Transitionsprozess transgeschlechtlicher Personen“, De Gruyter, Berlin/Boston. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1515/9783110689402

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