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  • Coronavirus in Mexiko: Land macht sich auf Covid-19 Welle gefasst

Mexikaner machen sich auf gewaltige Virus-Welle gefasst

  • Die offiziellen Zahlen sind relativ niedrig – es wird allerdings auch nur wenig getestet.
  • Experten gehen davon aus, dass die Corona-Krise das Land bald mit voller Wucht treffen könnte.
  • In den Armenvierteln von Mexiko-Stadt sind die Menschen besonders gefährdet.
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Mexiko-Stadt. Die Einfahrt zum Friedhof ist derzeit ein unruhiger Ort. Normalerweise kämen etwa fünf oder sechs Leichenwagen pro Tag, sagt Rafael Hernández, der unmittelbar vor dem Gelände des "San Nicolás Tolentino" seit 40 Jahren Tacos verkauft. "Heute waren es zehn in einer Stunde", betont er an einem Vormittag in dem dicht bevölkerten Stadtbezirk Iztapalapa. Und die mexikanischen Behörden warnen, dass das Schlimmste noch bevorstehen könnte.

Am 7. Mai verzeichnete Mexiko den bis dahin größten Anstieg von Coronavirus-Infektionen. Landesweit waren fast 2000 bestätigte Fälle hinzugekommen, was einem Plus von 7,2 Prozent gegenüber dem Vortag entsprach. Die Zahl der Toten näherte sich der Marke von 3000. Die Regierung sendet derweil widersprüchliche Signale: Einerseits sagt sie eine weitere Zuspitzung der Lage voraus, andererseits stellt sie bereits Lockerungen der Schutzmaßnahmen in Aussicht.

Krematoriums-Angestellter: “Wir arbeiten von sechs Uhr morgens bis Mitternacht"

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Gerade in den ärmeren Vierteln der Hauptstadt ist es kaum möglich, Abstandsregeln konsequent durchzusetzen. Millionen Menschen leben dort auf engstem Raum. Ob in überbelegten Wohnungen, in vollen Bussen oder auf Lebensmittelmärkten – direkter Kontakt ist im Alltag fast unvermeidlich. Die Bedingungen für eine weitere Ausbreitung des Virus sind also beängstigend gut.

Schon jetzt bringt die Krise die Stadt an ihre Grenzen. Rafael Herrera, der im Krematorium des "San Nicolás Tolentino"-Friedhofs arbeitet, hat in 25 Dienstjahren noch nichts dergleichen erlebt. Trotz einer zusätzlich eingeführten Schicht ist die hohe Zahl der Toten nicht zu bewältigen. "Wir kommen nicht mehr hinterher", sagt er. "Wir arbeiten von sechs Uhr morgens bis Mitternacht."

Und hinter jedem der vielen Fälle stecken natürlich persönliche Schicksale. Menschen werden plötzlich krank und sterben. Die Leichen werden oft verbrannt, bevor die Todesursache eindeutig festgestellt werden kann. Trauernde Angehörige bleiben ratlos zurück und fürchten nicht selten, dass sie selbst noch zu Opfern der Pandemie werden könnten.

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"Todesursache: wahrscheinlich Covid-19”

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Erika, eine 42-jährige Anwältin, hat vor zwei Wochen ihre Mutter verloren. Ihr Bruder hängt an einem Beatmungsgerät. Ihr Mann wurde am Montag wegen Atemproblemen ebenfalls in eine Klinik eingeliefert. Die Mutter war Diabetikerin gewesen, sie starb zwei Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome. Im Totenschein heißt es: “Ateminsuffizienz, atypische Lungenentzündung, wahrscheinlich Covid-19”. Ein entsprechender Test erfolgte jedoch nicht.

"Das Grausamste an der ganzen Sache ist, dass man seine Angehörigen nicht würdigen und begleiten kann", sagt Erika, die als Strafverteidigerin arbeitet und aus Angst vor Konsequenzen nicht ihren vollen Namen nennen will. Der Regierung wirft sie vor, die Bevölkerung nicht früh genug informiert zu haben und Patienten nicht in ausreichendem Maße zu testen. Hätte die Familie gewusst, dass die Mutter mit dem Virus infiziert gewesen sei, hätte sie weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen, sagt sie. "Ich denke, was mir passiert, passiert gerade vielen Familien."

Auf dem Papier wirkt das Ausmaß der Ausbreitung im Land überschaubar – zumindest im internationalen Vergleich. In der Mega-Metropole Mexiko-Stadt gibt es gut 7500 bestätigte Fälle, gut 600 Menschen sind mit dem Coronavirus gestorben. Die Gesundheitsbehörden räumen jedoch ein, dass die wahre Zahl der Infektionen um ein Vielfaches höher sein dürfte.

“Wir müssen uns auf den schwierigsten, hässlichsten Teil vorbereiten”

Einiges spricht zudem dafür, dass sich die Krise in Mexiko noch in einem frühen Stadium befindet. “Wir müssen uns auf den schwierigsten, hässlichsten Teil vorbereiten”, sagt Mauricio Rodríguez von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko. Es werde künftig mehr voll ausgelastete Krankenhäuser und mehr Todesfälle geben.

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Bisher werden in Mexiko nur sehr wenige Menschen auf das Coronavirus getestet. In der Hauptstadt werden, wie die Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum kürzlich mitteilte, pro Tag etwa 700 Fälle geprüft. In der Regel geschieht dies nur dann, wenn eine Liste von Kriterien erfüllt ist. Die Folge ist, dass immer mehr Familien darüber im Unklaren bleiben, ob verstorbene Angehörige infiziert waren oder nicht.

So ergeht es auch Guadalupe Gutiérrez. Vor wenigen Tagen wurde die Leiche ihres 38-jährigen Sohnes Gabriel Ulises Martínez eingeäschert. Er habe wegen Herzproblemen und grippeähnlichen Symptomen zuletzt elf Tage im Krankenhaus verbracht, sagt die Mutter. Aber man habe der Familie zu einer Feuerbestattung geraten, weil eine Coronavirus-Infektion vorgelegen haben könnte.

Wer zu Hause bleibt, kriegt kein Geld

Auf den Straßen von Iztapalapa – allein in diesem Stadtbezirk leben fast zwei Millionen Menschen – ist es angesichts der großen Ungewissheiten zwar spürbar ruhiger als sonst. Aber viele Bewohner können es sich schlicht nicht leisten, einfach zu Hause zu bleiben – und damit auf Einkommen zu verzichten.

Christian Antonio Castillo arbeitet in Iztapalapa als Koch in einem Krankenhaus. Er ist damit einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Seit sein Vater wegen Sauerstoffmangels ins Krankenhaus eingeliefert wurde, schläft der 27-jährige im Auto – im Haus der Familie leben 20 Personen, von denen fast die Hälfte Diabetiker sind, mit Gemeinschaftsküche und geteilten Badezimmern. “Ich dachte immer, mich würde es als erstes erwischen”, sagt er. Nun hänge sein Vater mit geschädigten Lungen an einem Beatmungsgerät und die Familie warte voller Sorge auf das Ergebnis eines Tests. “Wir sind jetzt alle nervös, denn die ganze Familie hat mit ihm zusammen gewohnt.”

RND/AP

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