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  • Coronavirus: Abstand halten und soziale Kontakte minimieren hilft

Corona? Wir doch nicht – warum Social Distancing wichtig ist

  • Noch einmal zum Sport? Eine kleinere Familienfeier? Ein Glas im Biergarten?
  • Trotz drastischer Einschränkungen des öffentlichen Lebens suchen viele Deutsche weiterhin Kontakt zu Mitmenschen.
  • Dabei ist Zusammenrücken in dieser Krise ausnahmsweise nicht der richtige Weg.
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Noch eine letzte Partie Tennis, bevor der Club schließt? Ein schneller Kaffee mit der Nachbarin aus dem zweiten Stock? Oder gemeinsames Lernen mit den Schulfreunden, wenn sich alle die Hände waschen? Die Deutschen stehen angesichts wachsender Fallzahlen von Infizierten mit dem Coronavirus nicht nur vor der großen Frage, wie sie ihren neuen Alltag in der Ausnahmesituation organisieren.

Das bedeutet auch: Wie viele Kontakte zu Freunden, Nachbarn, Verwandten sind noch möglich? Wo sollen sie die Grenze ziehen? In sozialen Netzwerken wird die Debatte um den notwendigen Grad der Abschottung bereits lebhaft unter Hashtags wie Social Distancing (auf Deutsch: räumlich und sozial Abstand halten) geführt. Ärzte, Krankenpfleger aber auch Privatleute appellieren an ihre Mitmenschen, zu Hause zu bleiben, Menschenansammlungen zu vermeiden, sich einzuigeln, damit sich die Zahl der Ansteckungen nicht schneeballartig fortsetzt. Besonders erschreckend liest sich ein Bericht eines deutschen Erasmus-Studenten, der vor Kurzem aus Italien zurückkehrte: „Macht nicht dieselben Fehler wie in Italien“, lautet sein verzweifelter Appell.

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Doch draußen, in der ersten Frühlingssonne, ist Gegenteiliges zu beobachten. Vor den Eisdielen bilden sich mancherorts lange und vor allem dicht gedrängte Warteschlangen. Vom Münchener Viktualienmarkt sah man Bilder, auf denen Menschen in dichtem Gedränge die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings bei einem Glas Wein genießen. Von Wochenmärkten aus anderen Städten gibt es ähnliche Bilder. Und in Berlin-Kreuzberg treffen sich Oberstufenschüler zum sogenannten Cornern – sie hängen gemeinsam draußen ab, es ist ja schließlich schulfrei.

Partys zum Aufbau eines vorgeblichen Immunschutzes

Andere, etwa in Köln, trafen sich in der vergangenen Woche zu sogenannten Corona-Partys. Das Ziel: Sich gleich in der ersten Welle zu infizieren, um einen wissenschaftlich noch gar nicht bestätigten, angeblichen Immunschutz aufzubauen – bevor die erste Welle der Pandemie über ganz Deutschland rollt. Offensichtlich fällt es vielen Menschen schwer, sich in der neuen Situation zurechtzufinden, zu begreifen, was da seit Tagen auf der ganzen Welt und auch in Deutschland passiert: wachsende Infektionszahlen, einstürzende Börsenkurse, Veranstaltungsabsagen, Reisebeschränkungen, Grenzschließungen und nun auch noch Einschränkungen für das öffentliche Leben. Sogar Spielplätze sind nun gesperrt.

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In Krisen wie diesen ist es eigentlich ein gutes Zeichen, wenn die Menschen näher zusammenrücken, einander helfen und sich in der Not Gesellschaft leisten. Doch ausgerechnet jetzt ist Abstand die oberste Bürgerpflicht. „Ich setze auch darauf, dass es ein Einsehen bei den Bürgern gibt“, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erst am Montagabend gesagt. Und: „Es ist sinnlos, eine Schule zu schließen, wenn sich die gleichen Schüler dann woanders treffen.“ Die Botschaft des Krisenstabes der Bundesregierung war eindeutig: Bleibt zu Hause.Tatsächlich gelten hiesigen Experten auch die Erfahrungen aus Asien als Lehre. Am Dienstag vermeldeten die chinesischen Behörden in Wuhan lediglich eine Neuansteckung, landesweit waren es 20 – allesamt importiert aus dem Ausland. Das Virus scheint – zumindest vorübergehend – unterdrückt. Wuhan galt in den vergangenen zwei Monaten als komplett abgeriegelt. Außerdem setzten die chinesischen Behörden auf massive Überwachung – per Handy-Apps, Sicherheitskameras und einem riesigen Repressionsapparat.

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Es geht darum, die Risikogruppen zu schützen

In Deutschland gibt es diese diktatorischen Instrumente der Überwachung nicht, der Staat ist auf Einsicht seiner Bürger angewiesen. Und die ist sehr unterschiedlich. Die Frage ist in der aktuellen Lage nicht, wie groß die Angst des einzelnen vor einer Erkrankung ist, also auch nicht, wie fit sich etwa eine 35-jährige, sportliche Deutsche im Angesicht von Covid-19 fühlt, sondern vielmehr, wie es gelingen kann, die Risikogruppe der Über-60-Jährigen zu schützen, in deren Altersgruppe die Mortalitätsraten ungleich höher liegen als bei den Jüngeren.

Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité und Angehöriger des Krisenstabes der Bundesregierung, warnt seit Wochen, die Kapazitäten der Kliniken nicht zu gefährden, weil Personal und Atemschutzgeräte angesichts zu schnell wachsender Fallzahlen knapp werden könnten. Und erst gestern setzte das Robert-Koch-Institut seine Risikoeinschätzung für die Gesundheit der deutschen Bevölkerung von „mäßig“ auf „hoch“ herauf. „Ich kann nur alle ermahnen und ermuntern, die Maßnahmen, die gestern beschlossen wurden, einzuhalten”, sagt Wieler. „Das öffentliche Leben ist eingeschränkt. Weniger Mobilität, weniger Kontakt zu Menschen."

“Aufeinander acht geben”

Einen entsprechenden Appell richtete auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an die Bevölkerung. „Wir werden diese Situation bewältigen, wenn wir zusammenstehen, wenn wir besonnen bleiben und aufeinander acht geben“, sagte Spahn am Dienstag. Um die Virus-Ausbreitung einzudämmen, gebe es nunmehr die tiefsten Einschnitte in den Alltag der Bürger in der Geschichte der Bundesrepublik. Jeder brauche vielleicht auch ein paar Tage, um die Veränderungen zu realisieren und sich darauf einzustellen.

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Es gelte nun, Zeit zu gewinnen und sie für weitere Vorbereitungen für eine steigende Zahl von Infizierten zu nutzen. Das beträfe höhere Kapazitäten in den Kliniken und Schutzkonzepte für Ältere und Menschen mit chronischen Erkrankungen, die Risikogruppen sind. Für alle im Gesundheitswesen sei es jetzt eine Zeit der Höchstbelastung. Ärzte und Pflegekräfte könnten nicht ins Homeoffice, sondern sie seien es, auf die sich die Bevölkerung nun verlasse. Auch um sie zu unterstützen, sollten die Bürger möglichst zu Hause bleiben, sagte Spahn. Verkäuferinnen in Supermärkten und Drogeriemärkten könne jeder ein Lächeln oder Lkw-Fahrern einen freundlichen Wink schenken.


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