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Corona und Spanische Grippe: Das Versagen der US-Präsidenten

  • Hygiene- und Abstandsregeln kennen die Amerikaner bereits - von der Spanischen Grippe.
  • So unterschiedlich die Spanische Grippe und Covid-19 auch sind - einige Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen.
  • Damals wie heute haben es die US-Präsidenten nicht geschafft, angemessen mit der Pandemie umzugehen.
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Washington. 100 Jahre wissenschaftlicher Fortschritt haben offenbar nicht viel gebracht. In der Zeit zwischen zwei tödlichen Pandemien - der Spanischen Grippe und Covid-19 - hat die Menschheit mehr über Viren gelernt, Krankheiten besiegt, Impfstoffe und das Internet entwickelt sowie durchorganisierte Gesundheitssysteme aufgebaut. Doch wieder setzen wir Schutzmasken auf, wieder gelingt es uns nicht, eine heimtückische, aber vermeidbare Infektionskrankheit auszumerzen, bevor Hunderttausende daran sterben.

US-Präsidenten versagen in Pandemien

Wie im Jahr 1918 müssen sich die Menschen leere Worte anhören, die in krassem Widerspruch stehen zu den vollen Krankenhäusern und Leichenhallen und den ebenfalls leeren Bankkonten. Die Idee der Quarantäne ist alt, aber sie ist wieder da. Ebenso die Quacksalberei: Rohe Zwiebeln auf die Brust reiben, war 1918 der Rat. Heute grübelt US-Präsident Donald Trump laut darüber nach, ob Infizierte sich nicht Desinfektionsmittel spritzen lassen könnten. Experten sind alarmiert, der Präsident versucht, es als Witz abzutun.

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1918 gab es weder einen Impfstoff noch ein Medikament gegen die große Influenza-Pandemie, weltweit starben mehr als 50 Millionen Menschen. Gegen das Coronavirus gibt es ebenfalls weder noch. Immerhin hat die moderne Wissenschaft das neue Virus schnell identifiziert, den genetischen Code entschlüsselt und einen Diagnosetest entwickelt - ein Wissen, das 1918 niemand besaß. Heute haben daher mehr Menschen überhaupt die Chance, sich vor dem Virus zu schützen, zumindest in Ländern, die schnell Tests entwickelt haben. Zu denen die USA nicht gehören.

Aber wie auch die Gegenmaßnahmen sich kaum verändert haben, so haben auch die US-Präsidenten in beiden Pandemien versagt. Trump erklärte praktisch den Sieg über Corona, noch bevor das Virus sich in den USA ausgebreitet hatte. Und Präsident Woodrow Wilson erklärte damals eigentlich gar nichts. Historikern zufolge hat Wilson nicht ein einziges Mal öffentlich über die Spanische Grippe gesprochen, die massenhaft Amerikaner dahinraffte und obwohl er sich selbst ansteckte und danach nicht mehr derselbe war. Wilson war konzentriert auf den anderen großen Kampf Amerikas, den Ersten Weltkrieg - „wie ein Hund auf einen Knochen”, sagt John M. Barry, Autor von „The Great Influenza”.

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Ähnlichkeiten: Covid-19 und Spanische Grippe

Der Ursprung der Spanischen Grippe wurde sowohl in Kansas als auch in China vermutet, aber immerhin war den US-Behörden schon 1918 klar, dass sie nicht in Spanien begann. Sie hieß so, weil die freie Presse in Spanien viel über die zerstörerischen Auswirkungen der Krankheit berichtete, während Regierungen und Medien in Kriegsländern wie den USA sie herunterspielten, sei es mit Hurra-Patriotismus, Zensur oder einfach Leugnung.

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Wie bei Covid-19 rührte die Pandemie damals von einem Atemwegsvirus her, das von Tieren auf Menschen übergegangen war. Die Übertragungswege und Symptome seien die gleichen, schreibt Barry in einer E-Mail. Damals wie heute sollten sich die Menschen voneinander fernhalten, Hände waschen und Schutzmasken tragen.

„Wenn Sie sich angesteckt haben, bleiben Sie zu Hause, im Bett, halten Sie sich warm, nehmen Sie heiße Getränke zu sich und halten Sie Ruhe, bis die Symptome vorüber sind", sagte John Dill Robertson, Gesundheitsbeauftragter in Chicago, im Jahr 1918: „Bleiben Sie anschließend vorsichtig, denn die größte Gefahr, nachdem die Grippe vorüber ist, ist eine Lungenentzündung oder ähnliche Erkrankung.”

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Opfer der Spanischen Grippe: 20- bis 40-Jährige

Doch in anderen Aspekten unterscheiden sich die Pandemien von 1918 und 2020. Die Spanische Grippe gefährdete vor allem 20- bis 40-Jährige, also die Generation der Kriegsdienstleistenden, und zwar paradoxerweise gerade, weil sie so ein gutes Immunsystem besaßen. Wenn sie sich infizierten, marschierten ihre Antikörper gegen das Virus auf wie Soldaten seinerzeit auf Europas Schlachtfeldern. „Das Immunsystem kämpfte mit allen Waffen gegen das Virus", erklärt Barry. „Das Schlachtfeld hierbei war die Lunge. Sie wurde zerstört.”

Junge Soldaten und Matrosen kamen in Armeelagern massenweise in Kontakt, wurden massenweise in Schiffen nach Europa verfrachtet, kämpften massenhaft Seite an Seite in den Schützengräben und wurden nach dem Sieg zu Hause von den Massen bejubelt. Sie und alle, die sie ansteckten, mussten bitter dafür bezahlen. In diesem Sinne hätte die Spanische Grippe auch die US-Armee-Grippe heißen können. Oder die Deutsche oder Britische Grippe.

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Normale Bürger waren stark von Pandemie betroffen

675.000 Amerikaner starben in der Pandemie, die vermutlich ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung infiziert hatte. Unter den Toten war auch Friedrich Trump, Präsident Trumps Großvater väterlicherseits. Zu jenen, die sich ansteckten und überlebten, gehörten die britischen, deutschen und amerikanischen Anführer der Kriegszeit, die Könige von Großbritannien und Spanien wie auch der spätere US-Präsident Franklin Roosevelt.

Am meisten betroffen aber waren die normalen Bürger und die Armen, die sich in Mietskasernen, Straßenbahnen und Fabriken drängten. Sie konnten nichts anfangen mit dem Rat von US-Generalarzt Rupert Blue: „Halten Sie sich von Menschenansammlungen fern. Der Wert von frischer Luft aus geöffneten Fenstern kann nicht genug betont werden. Versuchen Sie, wann immer und so oft es geht, reine Luft zu atmen."

RND/AP

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