Corona und die Ohnmacht gegenüber den Zahlen

  • Exponentielles Wachstum, Verdopplungsrate, Reproduktionsfaktor, Abflachen der Kurve.
  • Seit Beginn der Corona-Krise wird das Befinden der Republik täglich aufs Neue in Zahlen ausgedrückt – beziehungsweise in mathematischen Begriffen.
  • Und dass sich diese Zahlen unterscheiden, schafft vor allem Verwirrung.
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Sage mir, wessen Zahlen du nutzt und ich sage dir, welcher Corona-Typ du bist: Entweder der, der forsche und schnelle Schlüsse zieht und fordert – oder der, der eher abwartend die Lage sondiert und manchem schon zögerlich vorkommt. Schon der Vergleich zwischen den täglich mehrfach aktualisierten Angaben der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität (JHU) und jenen des deutsche Robert-Koch-Instituts zeigt das ganze Dilemma der Corona-Zahlen auf: Sie weichen voneinander ab.

Zwar gibt es dafür gute Gründe, etwa die Auswertung der Daten deutscher Gesundheitsämter durch das RKI, die halt etwas länger dauert. Doch sorgt dieser Widerspruch, auch wenn er nur scheinbar sein mag, da das RKI immer einige Tage zurück hängt, für große Verunsicherung. Ein Beispiel: Am 5. Mai, Stand 10.20 Uhr, meldet Johns Hopkins 166.152 Infektionsfälle insgesamt in Deutschland (135.100 Genesene, 6.993 Todesfälle).

Das RKI wartet zum selben Zeitpunkt mit 163.860 Fällen auf, bei 135.100 Genesenen und 6831 Todesfällen. Das heißt, an diesem 5. Mai sieht die Johns-Hopkins-Universität 24.059 aktive Fälle in Deutschland, das RKI hingegen nur 21.929 – bei insgesamt 2292 Fällen und 162 Todesfällen weniger. Abgesehen davon, dass die Zahl der Genesenen bei beiden Instituten gleich angegeben wird (warum eigentlich, wenn die einen doch langsamer sind als die anderen?), geht es hier nicht nur um Statistiken, deren Auswertung starken Einfluss auf etwaige weitere Lockerungsmaßnahmen haben könnte – unterschiedliche Zahlen sorgen schlicht für Verwirrung.

Dynamischer als Corona war kein Ereignis der jüngeren Vergangenheit

Denn Zahlen haben – sofern man nicht esoterischen Verirrungen wie der Numerologie oder Zahlenmystik anhängt – etwas zutiefst Rationales. Zur Glaubwürdigkeit eines Vorgangs gehört es, ihn mit Zahlen untermauern zu können. Nun hat es in der jüngeren Vergangenheit kein Ereignis gegeben, das über einen vergleichbar langen Zeitraum dermaßen dynamisch verlaufen wäre wie die Corona-Pandemie. Oder, wie RKI-Chef Lothar H. Wieler sagt, „Wir schätzen die Situation auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen ein, das sind immer nur Momentaufnahmen.” Momentaufnahmen, auf denen politische Entscheidungsprozesse fußen.

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Das Coronavirus, das hat sich schmerzhaft gezeigt in den ersten beiden Monaten seines Regimes, hat Deutschlands digitale Missstände schonungslos aufgedeckt. Ob es nun um eine möglichst zeitneutrale Übermittlung von Daten der Gesundheitsämter ans RKI geht, oder um das täglich tausendfache individuelle Scheitern an Selbstverständlichkeiten wie Videokonferenzen: Das digitale Manko reicht weit ins Analoge hinein. Welche Zahlen sind denn nun gültig und valide? Die schnellen, aufgrund des Zugriffs auf etliche regionale Daten in Deutschland generierten Ergebnisse von Johns Hopkins – oder die mit Abstand eintrudelnden, gewissermaßen amtlichen, des RKI?

Wahrscheinlich wäre es am besten, so wie es regionale TV-Sender bei Wahlen häufig machen, einfach die beiden Leitzahlen (von JHU und RKI ) zu addieren und durch zwei zu teilen, um so einen stabilen Mittelwert zu erzielen. Das tägliche Ritual allerdings, dass die 19-Uhr-Hauptausgabe von heute sich nur auf die JHU bezieht, während das Flaggschiff Tagesschau um 20 Uhr ausschließlich RKI-Zahlen nennt, ist keine Maßnahme, die Vertrauen schafft.

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Zwischen kleiner Zahl und großer Dunkelziffer?

Legt man die Zahlen des RKI zugrunde, dann sind von 83,02 Millionen Einwohnern in der Bundesrepublik derzeit etwa 0,28 Promille an Covid-19 erkrankt. Das ist eine verschwindend geringe Zahl – nämlich etwa einer von 3786. Sieht man sich hingegen die Heinsberg-Studie an, so wird dort eine – nach Angaben der Autoren eher niedrig angesetzte – Dunkelziffer von etwa 1,8 Millionen Infizierten angenommen. Das wäre plötzlich schon jeder 46. Einwohner Deutschlands, der sich mit Covid-19 infiziert hätte. Ganz zu schweigen von der Sterberate. Sie beträgt bei der Heinsberg-Studie 0,37 Prozent, wohingegen sich bei den aktuellen RKI-Berechnungen eine Mortalitäts-Rate von 4,168 Prozent ergibt.

So fundiert also jede einzelne Studie, Berechnung, Schätzung oder Akkumulation auch sein mag, die Differenzen bieten einen gehörigen Deutungsspielraum, der schon weit in die Territorien der wirrsten Verschwörungstheoretiker hineinragt. Was zeigt, wie schwer es die so gern gescholtene Politik hat, hochkonsequente Entscheidungen mit weitreichenden Implikationen für das Wohlbefinden der Bürger und das Überleben der Wirtschaft zu treffen. Denn, so viel wissen wir mittlerweile nach einem Vierteljahr Corona und nach fast zwei Monaten Lockdown: Corona-Statistiken sind empfindlich. Ein einziges Hotspot-Infektions-Ereignis, etwa nach einer Lockerung von Zusammenkunfts-Regeln, an einem Urlaubsort am Meer – dem Sehnsuchtsziel wohl aller Lockdown-Geschädigten – könnte das Kartenhaus der „guten Zahlen" und positiven Tendenzen zum Einsturz bringen.

Reproduktionsfaktor – ein Parameter, an den wir uns gewöhnt haben

Dieses Dilemma wird deshalb umso größer, weil die – individuell völlig berechtigten – Forderungen nach Lockerung immer lauter werden. Und die Rufe, nein, fast schon Schreie, aus der Wirtschaft erst recht. Die Politik muss den Spagat halten, durch vorschnelle Lockerungen nicht die Pandemie wieder anzufachen und gleichzeitig den wirtschaftlichen Würgegriff zu beenden. Das ist wirklich eine Mammut-Aufgabe, jedoch eine essenziell notwendige. Eine, für deren Umfang die Bürger auch weiterhin durchaus noch Verständnis und Geduld werden aufbringen müssen. Aber vielleicht wäre ein Ansatz, wenigstens keine neuen Kriterien mehr zu entwickeln, nach denen dann gehandelt wird. Der Reproduktionsfaktor scheint als Maßeinheit recht verlässlich zu sein, er sollte nun auch Maßstab bleiben, sofern die Forschung es zulässt. Es wäre ein Parameter, mit dem die Bürger jetzt etwas anfangen können.

Für die vorhersehbare Zukunft geht es im Großen und Ganzen sowieso nur noch um Minus und Plus: Minus bei Corona – und Plus bei der Wirtschaft.

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