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  • Corona-Medikamente und Impfstoffe: RND-Experte gibt Überblick

RND-Experte gibt Überblick: Diese Wirkstoffe werden gegen Corona getestet

  • Im Zuge der Corona-Krise warten viele auf ein Medikament oder einen Impfstoff.
  • Das Paul-Ehrlich-Institut konnte nun einen ersten Erfolg erzielen: Die erste klinische Studie in Deutschland ist genehmigt.
  • RND-Experte und Infektiologe Matthias Stoll gibt einen aktuellen Überblick über mögliche Medikamente und Wirkstoffe.
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Hannover. Im Zuge der Corona-Krise wird immer deutlicher, dass nur ein Medikament oder ein Impfstoff dabei helfen, wieder in einen normalen Alltag überzugehen. So betonte Lars Schaade, Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, erst am Dienstag: “Man muss immer damit rechnen, dass das Virus zurückkommt, weil es auf der ganzen Welt verbreitet ist.”

Am Mittwoch gab es dann ein erstes Aufatmen: Nach eigenen Angaben verkündete ein Schweizer Virologe, einen Impfstoffkandidaten entwickelt zu haben. Und auch Deutschland macht Fortschritte. Das Paul-Ehrlich-Institut verkündete die erstmalige Genehmigung klinischer Tests für einen RNA-Impfstoff auf Basis von Erbinformation.

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Auch viele RND-Leser interessieren sich für den aktuellen Stand der Entwicklung eines Medikaments, Impfstoffs und verschiedener Wirkstoffe. Der RND-Experte Professor Matthias Stoll, Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, gibt hier einen umfangreichen Zwischenstand:

Ein Forscherteam aus Basel hat in einem Computermodell sage und schreibe 687 Millionen verschiedene chemische Substanzen auf deren Eigenschaften getestet, ein für Sars-CoV-2 wichtiges Enzym zu hemmen, nämlich die Protease M-pro. Es wurden dabei elf Substanzen gefunden, die jetzt in anderen Labors am echten Virus weiter untersucht werden können.

Es gab schon zuvor drei andere als Arzneimittel bereits zugelassene Proteasehemmstoffe, die sich in Vorversuchen als gegen Coronaviren wirksam erwiesen hatten: Die beiden HIV-Medikamente Lopinavir und Darunavir sowie der in Japan zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsenentzündungen zugelassene Proteasehemmer Camostat.

Diese werden inzwischen auch am Menschen eingesetzt. Eindeutige Ergebnisse dazu gibt es noch nicht. Lopinavir hat sich als nicht ausreichend wirksam erwiesen in einer Studie, in der es aber erst sehr spät an schwer erkrankten Fällen eingesetzt wurde.

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Noch unklar, wer wirklich ein Medikament braucht

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Es ist ein grundsätzliches Problem, dass die direkt am Virus ansetzenden Medikamente vermutlich recht früh eingesetzt werden müssen, um wirken zu können. Zum sehr frühen Zeitpunkt geht es aber den Patienten meist noch recht gut.

Da ein bis zur Ausheilung gutartiger Verlauf aber auch ohne Therapie für die ganz große Mehrheit der Covid-19-Fälle eintritt, weiß man zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht, wer das Medikament wirklich braucht, um den selteneren schweren Verlauf später zu verhindern.

Zu den ganz oder vorwiegend antiviralen Medikamenten-Kandidaten und Behandlungskonzepten gegen Covid-19 zählen noch:

  • Remdesivir, ein Nukleotidanalogon, welches die Virusvermehrung durch Hemmung von dessen Erbinformation behindert
  • Das sogenannte Rekonvaleszenten-Plasma, also Immunantikörper aus dem Blut von Menschen, die Covid-19 gut überstanden haben. Dieser passive Immuntransfer funktioniert bei anderen Viruserkrankungen. Vermutlich ist die beste Wirksamkeit in der Frühphase der Infektion als Vorbeugung zum Schutz vor Ansteckung. Die einzige mir in Deutschland bekannte Anwendung geschieht allerdings derzeit in späten Krankheitsstadien an Intensivpatienten.
  • Rekonvaleszenten-Immunzellen (T-Lymphozyten), ein ähnlicher Immunansatz wie Rekonvaleszenten-Plasma, aber nicht mit Immuneiweißen (Immunglobulinen), sondern mit spezifisch gegen Sars-Cov-2 wirkenden Immunzellen
  • Sogenannte NKG2D-ACE2 CAR-NK-Zellen. Das sind mit ACE2-Rezeptor gentechnisch transfizierte, modifizierte Immunzellen (natürliche Killerzellen).
  • Die Malariamittel Chloroquin und Hydroxychloroquin, welche aber neben der Hemmwirkung auf das Virus noch Effekte auf die Immunantwort nehmen. Außerdem verändern die Stoffe den ACE2-Rezeptor, über den das Virus in die Körperzellen gelangt.


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Wichtige Ansätze, die an der übermäßigen Entzündungsreaktion ansetzen, die die meisten ungünstigen Verlaufsformen aufweisen, sind immunsuppressive (unterdrückende) oder immunmodulatorische (verändernde) Arzneimittel, die für andere Erkrankungsbereiche aus dem Kreis der Rheuma- oder Autoimmunerkrankungen oder zur Immunkontrolle von bösartigen Krankheiten entwickelt wurden. Dazu zählen

  • Die Antikörper gegen den Entzündungsbotenstoff Interleukin-6: Tocilizumab und Sarilumab
  • Der Hemmstoff eines für das Immunsystem wichtigen Enzyms (Tyrosinkinase-Inhibitor): Ruxolitinib.
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Liste möglicher Impfstoffe wächst stetig

Diese Liste ist keineswegs vollständig, aber hierzu laufen an verschiedenen Stellen an der Welt klinische Studien an Patienten, die vielleicht schon in einigen Wochen, wahrscheinlicher aber erst in ein paar Monaten aussagefähige erste Ergebnisse liefern werden.

Zu erwähnen ist noch die immer länger werdende Liste von Impfstoffkandidaten, die entweder vorbeugend oder auch krankheitsabschwächend eingesetzt oder auch für diesen Zweck erst weiter entwickelt und geprüft werden:

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  • MRNA 1273, ein Impfstoff aus einer Messenger-RNA („Botenerbsubstanz“), die beispielsweise über die Nasenschleimhaut gegeben zur Produktion von Viruseiweißen führt, gegen die der Körper dann Abwehrstoffe bilden würde
  • NVX-COV2373, ein adjuvantierter Totimpfstoff. Es handelt sich um ein Wirkkonzept wie die meisten Grippeimpfstoffe.
  • LV-SMENP, ein lentiviraler Vektor, also ein künstliches Virus ohne krankmachende Wirkung, das für das Immunsystem wie ein SARS-CoV-2-Virus aussieht und so zur Immunantwort gegen den Erreger von Covid-19 anregt
  • Virusähnliche Partikel und Konstrukte: INO-4800, eine DNA-Plasmid-Vakzine und AD5-NCOV ein nicht vermehrungsfähiger viraler Vektor
  • Impfansätze mit tuberkuloseähnlichen Bakterien, die über verschiedene Mechanismen gegen Covid-19 wirksam sein könnten: VPM1002- und BCG-Impfung

Der Wettlauf mit dem Virus läuft also auf breiter Ebene.

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