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Sind wir kurz vor dem Ziel? Die Hoffnung auf den Impfstoff

“Alles im grünen Bereich”: Professor Peter Kremsner injiziert einem Probanden den Curevac-Impfstoffkandidaten CV07050101.

Tübingen/Langen. Nichts soll ihm entgehen. Keine noch so geringe Nebenwirkung, kein Zeichen einer unerwünschten Reaktion. Es ist nicht üblich, dass sich der Leiter einer großen Impfstoffstudie jedes Probanden persönlich annimmt. In diesem Fall allerdings trifft Peter Kremsner jeden Teilnehmer persönlich.

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Gerade, vor einer halben Stunde, hat er dem 99. Teilnehmer der Studie den Kandidaten gegen Covid-19 injiziert. Was er bislang sieht, stimmt ihn optimistisch: “Was Verträglichkeit und Sicherheit angeht, ist alles im grünen Bereich”, sagt Kremsner, “und alles Weitere auch.”

Kremsner, 59, ist Direktor des Instituts für Tropenmedizin der Universität Tübingen. Das Mittel, das er den Probanden injiziert, trägt den Namen CV07050101 – der Impfstoffkandidat des Tübinger Unternehmens Curevac. Jener Firma, an der sich der deutsche Staat vor Kurzem mit 300 Millionen Euro beteiligt hat. CV07050101 ist einer der großen Hoffnungsträger der Weltgemeinschaft im Kampf gegen die Pandemie – und Tübingen ist eines von vier Zentren, neben Hannover, Gent und München, in denen es erprobt wird.

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Aber wie berechtigt ist die Zuversicht? Und wo steht die Forschung an der Impfung gegen das Sars-CoV-2-Virus heute?

Mehr als 160 Impfstoffprojekte

Tatsächlich ist die Frequenz der Erfolgsmeldungen in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen. 165 Impfstoffprojekte listet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf ihrer Website derzeit auf. Davon sind 26 bereits in der klinischen Prüfung, werden also am Menschen erprobt. Sechs sind sogar bereits in der Phase III – das bedeutet, dass sie ihre Sicherheit und Verträglichkeit bereits bewiesen haben und nun an Tausenden Probanden darauf getestet werden, wie effizient sie eine Covid-19-Erkrankung verhindern. Darunter ist auch der Impfstoffkandidat des Mainzer Unternehmens Biontech. Beim Curevac-Kandidaten soll die erste Phase Ende des Monats abgeschlossen sein.

Am Dienstag überraschte der russische Präsident Wladimir Putin mit der Zulassung des ersten Corona-Medikaments weltweit. Eine seiner Töchter habe sich bereits mit dem Mittel des staatlichen Gamaleja-Instituts impfen lassen. Jedoch wurde das Präparat erst an wenigen Menschen getestet. Eine Zulassung vor dem Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien widerspricht dem international üblichen Vorgehen.

Seuchenexperte der US-Regierung rechnet Ende 2020 mit Corona-Impfstoff

Er hoffe, die Pandemie werde Ende 2021 unter Kontrolle sein, sagte Fauci im Gespräch mit dem Reuters-Reporter.

Das alles geschieht in einem riesigen, vor Kurzem noch kaum vorstellbaren Tempo. Bislang waren zehn bis 15 Jahre üblich. Gegen viele Krankheiten, wie HIV oder Hepatitis C, gibt es bis heute keine Impfung. “Die Zeiten sind gigantisch verkürzt”, sagt Kremsner, der selbst seit 15 Jahren an einem Malariaimpfstoff arbeitet.

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Kampf um nationales Prestige

Diesmal jedoch ist alles anders. Ende Juli meldeten britische und – von der Welt weit weniger beachtet – auch chinesische Wissenschaftler, dass ihre Kandidaten im Menschen Immunreaktionen ausgelöst haben, die denen nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung ähneln. In allen Fällen fanden sich neutralisierende Antikörper im Blut – in einer Konzentration, die der bei Genesenen ähnelt.

“Es ist sehr positiv, dass unterschiedliche Impfstoffkandidaten ei­ne Immunantwort beim Menschen gegen das Sars-Coronavirus 2 hervorrufen”, sagt Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, der deutschen Zulassungsbehörde für Impfstoffe. “Und positiv ist auch, dass das mit Dosierungen gelingt, die sich als verträglich erweisen.”

Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel.

Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel.

Dabei sind Meldungen von angeblichen Durchbrüchen mit großer Vorsicht zu lesen. Der Weltwettlauf um den Impfstoff, anfangs durchaus kollegial geführt, ist inzwischen zu einem Konkurrenzkampf um nationales Prestige und sehr viel Geld geworden. Jede Zwischennachricht aus den Impfstofflaboren lässt schon jetzt Aktienkurse steigen oder sinken. Für eine Impfdosis veranschlagen die Pharmafirmen in den Verhandlungen derzeit zumeist Beträge zwischen 5 und 19 Euro – nach der Zulassung winken also Milliardenerlöse.

Das große Rätsel, wann ein Impfstoff funktioniert

Dazu kommt, dass die ersten Ergebnisse noch nichts darüber aussagen, ob die Kandidaten wirklich vor einer Covid-19-Erkrankung schützen. Die Entwicklung von Impfstoffen und die Immunität gegen Krankheiten sind auch für die Forscher selbst immer wieder eine Blackbox: Was funktioniert und was nicht, ist schwer zu prophezeien – und allein an Antikörpern im Blut schwer abzulesen. Nach einer Hepatitis-B-Impfung zum Beispiel sind nach einer gewissen Zeit keine Antikörper mehr nachweisbar. “Dennoch ist man nach einer ordentlichen Impfung ein Leben lang geschützt”, sagt Kremsner.

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Bei Malaria ist es umgekehrt: Da gibt es nach einer Infektion eine starke Antikörperreaktion – immun ist man dennoch nicht.

“Es ist gut, wenn man Immunantworten hat”, erklärt der Tübinger Mediziner. “Aber es sagt noch nicht sehr viel. Um nicht zu sagen: eigentlich wenig.”

“Jeder, der auswendig bis drei zählen kann, macht derzeit einen Covid-19-Impfstoff”

Es ist wie beim Langstreckenlauf: Da geben auch die wenigsten auf den ersten Kilometern auf. Die meisten scheitern im letzten Drittel.

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Andererseits ist es gut, wenn sich bei der Halbzeit noch keine Zeichen von Schwäche zeigen. Wenn also schon die Zwischenzeit auf einen neuen Rekord hindeutet.

Die Zuversicht der Forscher gründet sich daher nicht nur auf die bislang beobachteten Immunreaktionen. Es ist zum einen die schiere Menge kompetenter Forscher, die an der Entwicklung arbeiten. “Ich sage immer: Jeder, der auswendig bis drei zählen kann, macht derzeit einen Covid-19-Impfstoff”, spottet Kremsner. “Aber es ist auch viel Ernstzunehmendes dabei.”

USA versprechen “Warp Speed”

Dazu kommt das Geld: Die USA wollen die Impfstoffentwicklung mit der “Operation Warp Speed” auf “Enterprise”-Geschwindigkeit bringen, von der EU einberufene Geberkonferenzen stellen 14 Milliarden Euro zur Verfügung.

Auch die Technik ist weiter denn je: Klassische Impfstoffe beruhen auf abgetöteten Erregern, die den Menschen unter die Haut gespritzt werden. Gegen Sars-CoV-2 sollen neue Methoden zum Einsatz kommen: Beim sogenannten Vektorimpfstoff nimmt ein Trägervirus, zum Beispiel ein abgeschwächter Pockenerreger, das zentrale Protein des neuen Virus gleichsam huckepack und provoziert so die Immunreaktion. Auf die neueste, geradezu revolutionäre Methode setzen auch Curevac und Biontech: Mit sogenannten MRNA-Impfstoffen wird die Bauanleitung für ein Virusprotein in den Körper geschleust, das wiederum eine Immunantwort auslöst. Der große Vorteil: Es wäre rasch millionenfach herzustellen.

Ein “überschaubares” Virus

Und schließlich gehört Sars­CoV-2 offenbar nicht zu den komplexesten aller Gegner. Während sich das HI-Virus zum Beispiel rasch wandelt und das Immunsystem selbst angreift, ist das neue Coronavirus bislang relativ stabil. Von einem “überschaubaren Virus” spricht Kremsner deshalb: “Das ist nicht HIV. Ich glaube fest, dass es gelingen wird, mehrere Impfstoffe zu entwickeln.”

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In Russland gibt es trotz internationaler Kritik nun den ersten zugelassenen Impfstoff. Das Mainzer Unternehmen Biontech etwa will - eine erfolgreiche Phase-III-Studie vorausgesetzt - im Oktober die Zulassung beantragen.

Klaus Cichutek, Chef der deutschen Genehmigungsbehörde, ist überzeugt, dass noch weitere folgen werden. “Ich gehe derzeit davon aus, dass es Ende 2020 und Anfang des nächsten Jahres Zulassungen geben wird, vorausgesetzt, die Phase-III-Prüfungsdaten sind positiv”, erklärt der Chef des PEI. “Zulassungen, wahrscheinlich mit der Auflage, weitere Daten nachzuliefern.” Aber, immerhin: Der Einsatz könnte beginnen.

Nicht das Ende der Vorsicht

Es wäre eine gewaltige Erleichterung. Die Zulassung könnte dem Virus einen Großteil seines Schreckens nehmen – und viele Leben retten. Nur eines würde sie wohl nicht können: die Welt auf der Stelle in die alte Normalität zurückkatapultieren – und alle Masken- und Abstandsregeln auf einen Schlag überflüssig machen. Das ist das große Missverständnis in Bezug auf einen Impfstoff: Er wäre ein gewaltiger Fortschritt – aber nicht das sofortige Ende aller Vorsicht.

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Denn zunächst müssen die Impfstoffe hergestellt und verteilt werden. Zwar haben einige Unternehmen bereits vor der Zulassung mit der Produktion begonnen, aber dennoch wird es nicht reichen, um alle sofort zu versorgen. Die Frage ist also: Wer zuerst?

Derzeit arbeiten die Ständige Impfkommission, die Bundesregierung und die Länder an Plänen zur Verteilung. Klar ist bislang nur: Medizinische Berufe und Risikogruppen sollen Vorrang haben. Doch dann? Ist vieles noch offen.

Zweite Impfung erhöht Schutz

Zudem ist eine Zulassung des Impfstoffs nicht gleichbedeutend mit einem hundertprozentigen Schutz. Schon eine Wirksamkeit von 70 Prozent gälte als Erfolg. “Ich wünsche mir mindestens 80 Prozent, am besten für ein Leben lang”, sagt Kremsner. Zumal auch die anderen 20 Prozent, die Nichtimmunen, darauf hoffen könnten, dass die Krankheit bei ihnen milder verläuft als ohne Impfung.

Aber auch das würde heißen: Nicht jeder Geimpfte kann sicher sein, dass er verschont bleibt. Zudem erkrankten im Tierversuch einige geimpfte Affen zwar nicht – sie infizierten sich aber. Das könnte heißen: Sie bekommen die Krankheit zwar nicht, könnten das Virus möglicherweise aber übertragen.

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Und auch das haben die Tests gezeigt: dass wahrscheinlich bei einigen Kandidaten zwei Impfungen nötig sein werden, um einen effektiven Schutz aufzubauen.

Der langsame Abschied vom Gefahrenradar

Alles das bedeutet vor allem eines: Die Vorsichtsregeln werden uns möglicherweise dennoch noch länger erhalten bleiben. “Dass größere Teile der Bevölkerung durchgeimpft und dann auch geschützt sind und wir tatsächlich von den Public-Health-Maßnahmen absehen können, da würde ich eher sagen: Hoffentlich schaffen wir das im nächsten Jahr”, sagt PEI-Präsident Cichutek.

Das neue Coronavirus hatte seinen Auftritt hierzulande mit lauten Paukenschlägen: dem ersten Fall Ende Januar, den Schulschließungen im März. Es sieht so aus, als würde sein Verblassen eher ein langsamer Prozess, ein schleichender Abschied von unserem Gefahrenradar.

“Dann hätten wir auch einen Malariaimpfstoff”

Auch das wäre aber ein großer Fortschritt gegenüber anderen Infektionskrankheiten, bei denen die Wissenschaft bislang vergeblich an einem Impfstoff arbeitet. Was es bedeuten würde, wenn die Welt mit ähnlicher Wucht wie bei Sars-CoV-2 nach anderen Impfstoffen suchen würde?

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“Dann hätten wir gleich auch einen Malariaimpfstoff”, sagt Kremsner. “Und einen Tuberkuloseimpfstoff mit dazu.”

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