Corona-Impfstoff: Hoffnungsträger für Milliarden

  • Ein Corona-Impfstoff von Pfizer und Biontech zeigt laut Studien eine Wirksamkeit von 90 Prozent.
  • Wissenschaftler halten die Ergebnisse für sehr positiv, weisen aber auch auf noch fehlende weitere Daten hin.
  • Im kommenden Jahr soll eine große Impfkampagne anlaufen – anhand von Kriterien, die der Ethikrat, die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina und die Ständige Impfkommission entwickelt haben.
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Hannover. Diese Euphorie ist nicht zu steigern. Der österreichische Virologe Florian Krammer gehörte immer zu den Zuversichtlichen unter den Wissenschaftlern, die in den vergangenen Monaten um ihre Antwort auf die große Orakelfrage gebeten wurden, wann es denn wohl einen Impfstoff gegen Covid-19 geben werde. An diesem Montag um 14 Uhr hielt der Professor an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York die Zeit für gekommen, um in ebenso knappen wie feierlichen Worten Vollzug zu melden.

„Liebe Welt“, twitterte Krammer da, „wir haben einen Impfstoff! Beste Nachricht seit dem 10. Januar.“

Ende der Durchsage. Damit, fand Krammer, war das Wichtigste erst mal gesagt. Und als sich dann der Rest der deutschsprachigen Wissenschaftswelt äußerte („großartige und vielversprechende Daten“, „ein Silberstreifen am sonst so düsteren Horizont“), klang das ähnlich enthusiastisch.

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Die Politik freut sich mit. Die jüngsten Nachrichten zu einer Impfstoffentwicklung seien „sehr ermutigend“, sagte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn. „Stand heute wird es wahrscheinlich so schnell wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte einen Impfstoff gegen ein neues Virus geben können.“ (Noch-)US-Präsident Donald Trump twitterte begeistert: „Solch großartige Neuigkeiten!“

Auf dem Weg zu einem großen Erfolg: Pfizer-Chef Albert Bourla (links) und Biontech-Chef Ugur Sahin. © Quelle: picture alliance / HERBERT PFARR

Aber ist das jetzt wirklich schon der Durchbruch? Ist damit ein Ende dieses zehnmonatigen weltweiten Albtraums namens Corona-Pandemie in Sicht? Kann die Welt aufatmen?

Die ganze Aufregung bezog sich auf eine Mitteilung, die das US-Unternehmen Pfizer am Montag gemeinsam mit der deutschen Firma Biontech mit Sitz in Mainz in die Welt schickte. Pfizer und Biontech gelten als führende Teilnehmer im weltweiten Rennen um einen Corona-Impfstoff; die Mitteilung zu diesem Zeitpunkt war an sich keine Überraschung, die Details aber sind es sehr wohl. Auf eine Wirksamkeit von mehr als 60 Prozent hatten Wissenschaftler gehofft; wenn es gelänge, vielleicht nicht alle Infektionen, wohl aber viele schwere Verläufe zu vermeiden, dann wäre schon viel erreicht. Das war etwa die Meinung.

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Spahn will Liefervertrag für Corona-Impfstoff
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Deutschland wolle sich insgesamt bis zu 100 Millionen Impf-Dosen sichern, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.  © Reuters

Was Wissenschaftler indes in der seit Juli laufenden Studie an mehr als 44.000 Teilnehmern, von denen die Hälfte ein Placebo erhielt, beobachteten, übertrifft diese Erwartungen deutlich. Nach 94 Infektionen haben die Forscher jetzt Bilanz gezogen. Was sie sahen, war eine Wirksamkeit ihres Impfstoffes von 90 Prozent, das heißt: Die weit überwiegende Zahl der Infektionen trat bei jenen auf, die das Placebo erhalten hatten, nicht die aus zwei Dosen bestehende Impfung.

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Möglicher Corona-Impfstoff beflügelt Börsen
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Nach deutlichen Gewinnen beim Dax, herrschte auch an der Wall Street Euphorie.  © Reuters

Eine Anstrengung von allen

Wenn sich diese Daten auch im weiteren Verlauf der Studie bestätigen, dann wäre dies das Schlusskapitel zweier besonderer Erfolgsgeschichten: Die erste betrifft ein deutsches Unternehmen, das in Mainz unter der schönen Adresse „An der Goldgrube“ residiert. Die andere betrifft eine neue Technologie, die auch künftigen Pandemien rascher ihren Schrecken nehmen könnte.

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Tatsächlich war es die deutsche Firma Biontech, die den Impfstoff mit dem Namen BNT162b2 entwickelt hat. Gegründet haben sie 2008 das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci. Sahin war 1969 als Vierjähriger mit seiner Mutter dem Vater nachgezogen, der damals bei Ford in Köln arbeitete. Türeci wiederum wurde 1967 in Lastrup im Emsland geboren, als Tochter eines türkischen Arztes.

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Beide sind Mediziner an der Universität Mainz, mit Biontech, das inzwischen mehr als 1300 Mitarbeiter hat, entwickeln sie vor allem individuelle Krebstherapien. Den Impfstoff allerdings sieht Sahin als Gemeinschaftsprojekt, Biontech hat sich dafür mit Pfizer und dem chinesischen Unternehmen Fosun zusammengeschlossen. „Ich habe von Anfang an betont, dass wir das Pro­blem als Weltgemeinschaft angehen müssen“, sagte Sahin zuletzt im Oktober. „Weil es zu gigantisch ist.“ Kein Land, kein Unternehmen könne dies allein.

1,3 Milliarden Dosen im nächsten Jahr

Die andere Erfolgsgeschichte beträfe die Technologie, die Biontech und Pfizer nutzen: die sogenannte mRNA-Technik, ein komplett neues Verfahren. Dabei werden Erbinformationen des Virus verabreicht, die die Zellen anregen, charakteristische, aber isoliert ungefährliche Elemente des Virus nachzubauen, gegen die der Körper dann wiederum Antikörper produziert. Bislang gibt es keinen zugelassenen Impfstoff auf mRNA-Basis. Der große Vorteil dieses Verfahrens jedoch ist vor allem, dass sich die Impfstoffe deutlich schneller herstellen ließen als mit konventionellen Verfahren: Schon in diesem Jahr wollen Pfizer und Biontech 50 Millionen Dosen bereitstellen, für das nächste Jahr sind sogar 1,3 Milliarden anvisiert. Die EU hatte sich schon im September 200 Millionen Dosen reserviert.

Doch bei aller Euphorie ist auch längst noch nicht klar, ob dieser Impfstoff tatsächlich schon der Durchbruch ist. Vor allem auf einen Punkt weisen Wissenschaftler bei aller Anerkennung kritisch hin: Bislang sind noch viele Fragen offen.

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„Derzeit gibt es noch wenige Details über die genauen Daten, bezüglich verschiedener Altersgruppen und in welchen Gruppen die 94 Fälle genau aufgetreten sind“, bemerkt zum Beispiel Marylyn Addo, Professorin am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, die selbst an einem Impfstoff arbeitet. Leider seien die Daten in der Pressemitteilung nicht ausreichend, um eine genauere Einschätzung abzugeben, moniert auch der Marburger Virologe Stephan Becker – und fasst damit zusammen, was viele Wissenschaftler derzeit noch als großes Fragezeichen sehen.

Vergabeexperten: Gerald Haug (Leopoldina), Alena Buyx (Ethikrat) und Thomas Mertens (Ständige Impfkommission) (v. l.). © Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Denn gerade die Älteren sind durch das Virus am stärksten gefährdet; ein Impfstoff, der sie nicht schützt, hätte sein vielleicht wichtigstes Ziel verfehlt. Auch wie lange ein möglicher Impfschutz vorhält, ist offen – weil die Probanden ihn erst in den vergangenen Wochen und Monaten erhalten haben.

Ein weiterer kritischer Punkt, der alle mRNA-Impfstoffe betrifft, ist zudem die Lagerung: Sie müssen bis kurz vor der Gabe stark gekühlt werden, auf bis zu minus 70 Grad.

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BioNTech plant Zulassungsantrag von Corona-Impfstoff
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Zahlreiche Regierungen haben sich bereits Millionen Dosen der Impfung vorab gesichert.  © Reuters

In der Frage der Verteilung allerdings ist die Bundesregierung ebenfalls am Montag einen erheblichen Schritt weitergekommen – als Grundlage ihrer Strategie für die ab 2021 erhoffte große Impfkampagne. Die Kriterien haben der Deutsche Ethikrat, die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina und die am Robert-Koch-Institut angesiedelte Ständige Impfkommission (Stiko) bei einer Pressekonferenz vorgestellt.

Keine Impfpflicht

„Anfangs können wir nicht alle mit einem Impfstoff versorgen“, betonte Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Es gebe vier primäre Impfziele: die Verhinderung schwerer Fälle, der Schutz von Personen mit hohem Ansteckungsrisiko bei der Arbeit, die Verhinderung der Übertragungen und die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens. „Eine Priorisierung von Personengruppen leitet sich nicht nur aus medizinischen und epidemiologischen Parametern ab“, sagte Buyx. Auch ethisch-rechtliche Grundsätze müssten beachtet werden – wie die Selbstbestimmung, weshalb es eine allgemeine Impfpflicht nicht geben soll, und wie die Solidarität, weshalb besonders gefährdete Gruppen bevorzugt werden.

Dies sind die Eckpunkte ihres Papiers:

Hochrisikogruppen: Sie sollen zu den Ersten gehören, die geimpft werden. Es geht um Menschen, die wegen ihres Alters oder anderer Erkrankungen „ein signifikant erhöhtes Risiko“ haben, wegen eines schweren Verlaufs von Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert zu werden oder gar zu sterben. Außerdem sollen Personen zuerst geimpft werden, die zum Beispiel in Altenheimen leben und damit auf besonders engem Raum mit anderen Menschen.

Gesundheitswesen: Hier ist eine weitere Gruppe tätig, die bevorzugt geimpft werden soll. Es handelt sich um solche, „die den an Covid-19 Erkrankten beistehen“ und dadurch selbst ein höheres Infektionsrisiko haben. Umgekehrt könnten Ärzte oder Pflegekräfte das Virus in Kliniken und Pflegeheime hineintragen und dort die Patienten anstecken. Auch deshalb sei ein Schutz hier besonders wichtig.

Grundversorgung: Menschen, die eine wichtige Rolle dabei spielen, den Staat am Laufen zu halten, sollen ebenfalls vorrangig Impfungen erhalten. Genannt werden Polizei- und Sicherheitsbehörden, Feuerwehr, Lehrerinnen und Lehrer.

Gemeinsame Regeln im Land

Auf ein einheitliches Vorgehen zur Versorgung mit Impfstoffen hatten sich die Gesundheitsminister der Länder und Spahn am Freitag geeinigt: Der Bund beschafft und finanziert die Impfstoffe, die Länder richten Impfzentren ein. Bundeswehr oder Hersteller sollen die Impfdosen entsprechend dem Bevölkerungsanteil an die Länder verteilen.

Bereits in den nächsten Tagen wollen Pfizer und Biontech in den USA die Zulassung beantragen. Minister Spahn betonte allerdings sogleich, er gehe von einer parallelen Beantragung der Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA aus. Ein Impfstoff eines deutschen Unternehmens könne „nicht zuerst in anderen Ländern zur Verfügung stehen“.

Es sind also weiter viele Fragen offen. Und es wird wohl noch einige Monate dauern, bis der Impfstoff die Welt wieder zu einem normaleren Leben zurückkehren lässt. Doch dieser Montag ist einer der ersten Tage seit Langem, an denen die Zuversicht deutlich berechtigter scheint als die Skepsis. „Diese Nachricht“, sagt Peter Hornby, Professor für neu auftretende Infektionskrankheiten an der Universität Oxford, „lässt mich von Ohr zu Ohr lächeln.“

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