Aerosole, Antikörper, Prognosen: Kennen Sie diese Corona-Experten?

  • Prominente Experten wie Christian Drosten und Melanie Brinkmann vermitteln für Laien verständlich die neuesten Pandemieerkenntnisse.
  • Doch natürlich forschen derzeit zahlreiche Wissenschaftler, um Sars-CoV-2, die Pandemie und die Wirkung von Maßnahmen besser zu verstehen.
  • Sieben Steckbriefe von weniger bekannten Wissenschaftlern, die mit Studien und Konzepten dazu beitragen.
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Alle in Deutschland kennen Christian Drosten, Melanie Brinkmann oder Lothar Wieler. Seit mehr als einem Jahr begleiten die Experten öffentlichkeitswirksam die Deutschen mit ihrem Wissen durch die Pandemie – durch die erste, zweite und nun auch dritte Welle. Sie sind in erster Linie Wissenschaftler. So hat Charité-Virologe Drosten den PCR-Test maßgeblich mitentwickelt, der Bonner Virologe Hendrik Streeck hat den beeinträchtigten Geschmackssinn als für eine Corona-Infektion typisches Symptom entdeckt, Melanie Brinkmann untersuchte beispielsweise Ursachen für den großen Tönnies-Ausbruch und entwickelte das No-Covid-Konzept mit.

Neben bahnbrechender Pandemieforschung widmen die Starvirologen zudem einen großen Teil ihrer Arbeit der Kommunikation. Und da sprechen sie eben nicht nur über eigenes Erforschtes, sondern verweisen auf Studienergebnisse vieler weiterer Kollegen.

Video
Intensivmediziner Marx kritisiert Absage von Corona-Gipfel: „Die Zeit drängt“
6:52 min
Gernot Marx, Chef der deutschen Intensivmediziner, kritisiert im Video-Interview die Absage des Corona-Gipfels und legt die aktuellen Probleme offen.  © RND
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Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Virologe muss man nicht unbedingt sein, um zur Pandemie zu forschen. Auch wenn das in der Krise, in der es auf Schnelligkeit ankommt, manchmal untergeht: Wissenschaft ist Teamwork. Wie funktioniert die Impfung? Auf welchen Wegen verbreitet sich das Virus? Wie wird sich die Infektionsdynamik entwickeln? Welche Schutzmaßnahmen wirken? Corona-Expertise kann auf ganz unterschiedlichen Feldern stattfinden.

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Auf der wöchentlich stattfindenden Pressekonferenz, auf der RKI-Präsident Lothar Wieler und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Zahlen zur Infektionsdynamik verlesen, haben langsam voranschreitende Studienvorhaben wenig Platz. Es sind aber viele kleine Puzzleteile, die dazu beitragen, dass wir stückchenweise mehr über das Virus, die Krankheit und Bekämpfung erfahren. Das zeigen auch einige Steckbriefe zu Forschenden, die unter anderem unserer Redaktion und Ihnen als Leserinnen und Leser in den vergangenen Monaten immer wieder geholfen haben, die Pandemie besser zu verstehen.

Martin Kriegel ist Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der Technischen Universität Berlin. © Quelle: TU Berlin/Rosenberg
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Name: Martin Kriegel

Funktion: Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der Technischen Universität Berlin

Schwerpunkt: Prof. Martin Kriegel ist Doktoringenieur für Gebäudetechnik und erforscht unter anderem, wie sich Aerosole in der Luft verbreiten.

Forschungsfortschritt in der Pandemie: Inzwischen gilt als gesichert, dass Sars-CoV-2 zu großen Teilen über Aerosolpartikel übertragen wird. Mithilfe von Simulationen konnten Prof. Martin Kriegel und sein Team zeigen, wie sich Aerosole in unterschiedlichen Räumlichkeiten verbreiten und wie hoch dort das Infektionsrisiko ist. Zum Beispiel haben die Forscher Ende Oktober eine Studie durchgeführt, bei der sie untersucht haben, wie hoch das Übertragungsrisiko von Sars-CoV-2 in einem Reisebus bei unterschiedlichen Lüftungsszenarien ist. Zusammen mit dem Robert Koch-Institut, der Berliner Charité und einem Berliner Gesundheitsamt hat Kriegel zudem ein Modell entwickelt, mit dem es möglich ist, ein potenzielles Infektionsrisiko über Aerosole in Innenräumen zu berechnen.

Prof. Anita Schöbel ist den Entscheidern oft einige Schritte voraus. Die Wissenschaftlerin hat schon Anfang Februar vorausgesagt, dass es ab April wahrscheinlich wieder sehr hohe Fallzahlen geben wird. © Quelle: Fraunhofer ITWM

Name: Anita Schöbel

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Funktion: Leiterin des Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft

Schwerpunkt: Die Professorin für angewandte Mathematik an der Technischen Universität Kaiserslautern hat einen Forschungsschwerpunkt im Gebiet der Optimierung, etwa zu Fahrzeug- und Verkehrssicherheit.

Forschungsfortschritt in der Pandemie: Seit Corona in der Welt ist, berechnen Anita Schöbel und ihr Team anhand mathematischer Analysen mögliche Szenarien zur Entwicklung der Fallzahlen. Sie arbeitet dabei auch mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen zusammen, wie etwa auch mit Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation sowie Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Im Herbst 2020 haben die Wissenschaftler auch die Bundes- und Landesregierungen zu geeigneten Maßnahmen zum Senken der Fallzahlen beraten – und davor gewarnt, wie schnell man bei vermeintlich stabiler Lage in ein exponentielles Wachstums rutschen kann, sobald der R-Wert oberhalb der kritischen Marke von eins liegt. In einem Zusammenschluss mit Wissenschaftlern wie der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek hat Schöbel ein Konzept zu Voraussetzungen erarbeitet, wie Lockerungen nach gesunkenen Fallzahlen ohne Jo-Jo-Effekt auch wirklich gehalten werden können.

„Mathematiker allein können wenig zur Wirksamkeit einzelner Maßnahmen sagen, dies ist die Domäne der Epidemiologie“, sagt Andreas Schuppert. „Mathematische Methoden spielen aber eine wichtige Rolle für Datenanalyse, Modellierung und Simulation.“ © Quelle: Privat

Name: Andreas Schuppert

Funktion: Universitätsprofessor am Lehrstuhl für Computational Biomedicine an der Technischen Hochschule Aachen (RWTH)

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Forschungsschwerpunkt: Datengesteuerte Modellierung in der computergestützten Biomedizin ist das Fachgebiet des Mathematikers und Physikers. Er errechnet, wie viele Intensivbetten bei welcher Infektionsdynamik auf Deutschlands Intensivstationen benötigt werden.

Forschungsfortschritt in der Pandemie: Wenn die Intensivmediziner Christian Karagiannidis und Gernot Marx von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) dieser Tage vor einer dramatischen Lage in den Kliniken warnen, beziehen sie sich auf die Zahlen von Andreas Schuppert. Der Datenkenner hat ein Modell mit Simulationen für die Bettenauslastung auf den Intensivstationen entwickelt – für Gesamtdeutschland, aber auch bundeslandspezifisch. Dafür kombiniert Schuppert die Meldedaten des Robert Koch-Instituts und der Gesundheitsämter mit den Daten aus dem Divi-Intensivregister und Bettenbelegungsdaten aus einzelnen Krankenhäusern auf regionaler Ebene. „Dadurch lassen sich Muster erkennen, die darauf schließen lassen, mit welchen Szenarien wir beim Infektionsgeschehen in den kommenden Wochen rechnen müssen, und wie sich dies auf die Bettenbelegungen auswirkt“, erklärte der Wissenschaftler im Januar in einem Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Impfstoffexperte Prof. Leif-Erik Sander klärt regelmäßig darüber auf, wie kommunizierte Risiken bei den Impfstoffen wirklich einzuschätzen sind. © Quelle: Wiebke Peitz/Charité – Universitätsmedizin Berlin

Name: Leif-Erik Sander

Funktion: Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité und Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie

Schwerpunkt: Prof. Leif-Erik Sander erforscht das menschliche Immunsystem. Er und sein Team gehen der durch Impfstoffe ausgelösten Immunität nach und sammeln Erkenntnisse darüber, wie das Immunsystem Bakterien und Viren erkennt und eine schützende Immunantwort aufbaut.

Forschungsfortschritt in der Pandemie: Seit Beginn der Pandemie betreut Prof. Leif-Erik Sander Covid-19-Patienten an der Berliner Charité und hat frühzeitig mit anderen Kollegen daran gearbeitet, Krankheitsverläufe von Corona-Patienten zu charakterisieren. Gleichzeitig identifizierte er hochwirksame, neutralisierende Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut von Genesenen, die verhindern, dass das Virus sich an die Zellen bindet und sich in ihnen vermehrt. Diese Antikörper könnten zukünftig zur Behandlung von Corona-Erkrankten eingesetzt werden. Außerdem hat die Arbeitsgruppe um Sander Corona-Impfstoffe wie die von Moderna und Biontech/Pfizer untersucht. Dabei erforschte sie, wie die Vakzine im Körper eine Immunantwort hervorrufen.

Prof. Isabella Eckerle hat die unterschiedlichen Reaktionen von Erwachsenen und Kindern auf eine Sars-CoV-2-Infektion untersucht. © Quelle: picture alliance/KEYSTONE

Name: Isabella Eckerle

Funktion: Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen an der Universitätsklinik Genf (Schweiz)

Schwerpunkt: Die Forschungsgruppe von Prof. Isabella Eckerle hat sich auf neuartige zoonotische Viren spezialisiert. Im Labor untersucht sie die Erreger und erarbeitet eine Risikobewertung.

Forschungsfortschritt in der Pandemie: Seit Beginn der Corona-Pandemie entwickeln Eckerle und ihr Team nicht nur Diagnostika für Sars-CoV-2, sondern sie sind auch an mehreren Forschungsprojekten beteiligt. Zum Beispiel konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Kinder genauso infektiös sind wie Erwachsene. Weil Kinder und Jugendliche meist einen asymptomatischen Covid-19-Krankheitsverlauf entwickeln, war lange Zeit unklar, inwiefern sie das Virus übertragen können. Eckerle fand zudem heraus, dass die Viruslast bei Jüngeren genauso hoch ist wie bei Erwachsenen. Damit tragen auch Kinder und Jugendliche zum Infektionsgeschehen bei.

„Vielleicht haben wir Glück und können in ein paar Monaten eine Antwort auf den Ursprung von Sars-CoV-2 geben“, sagt Zoonosenexperte Fabian Leendertz. „Es kann aber auch noch Jahre dauern.“ © Quelle: RKI

Name: Fabian Leendertz

Funktion: Leiter der Arbeitsgruppe Zoonotische Erreger in tropischen Wild- und Nutztieren am Robert Koch-Institut

Schwerpunkt: Das Fachgebiet von Zoonosenforscher und Epidemiologe Fabian Leendertz sind die Schnittstellen zwischen Menschen und Wildtieren, der Evolution von Infektionserregern und der Ökologie von Wildtierkrankheiten.

Forschungsfortschritt in der Pandemie: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Mitte November 2020 – fast ein Jahr nach dem ersten bemerkten Corona-Ausbruch in Wuhan – ein internationales Forscherteam zusammenberufen, um den Spuren zum Ursprung der Pandemie verstärkt nachzugehen. Dazu gehört auch Fabian Leendertz, der auch schon Ebolaausbrüchen in Afrika nachgegangen war. In einem ersten Bericht kommt das Team zu dem Schluss, dass das Virus seinen Ursprung sowohl in Fledermäusen als auch in Schuppentieren haben könnte. Nach Angaben der Forschenden könnten auch Nerze und Katzen Wirte sein. Allen vorläufigen Studien nach müsse es aber einen Zwischenwirt gegeben haben, bevor das Virus auf den Menschen übertragen wurde. Komplett gelüftet ist das Rätsel aber noch nicht – der Zwischenwirt wurde bislang nicht gefunden.

Marco Binder forscht zu Entzündungsprozessen im Kontext von Krebs und von Infektionen mit umhüllten RNA-Viren. Zu dieser Klasse gehört auch das Coronavirus Sars-CoV-2. © Quelle: DKFZ

Name: Marco Binder

Funktion: Leiter der Arbeitsgruppe „Dynamik der frühen Virusinfektion und der angeborenen antiviralen Reaktion“ am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg

Schwerpunkt: Der Virologe und seine Forschungsgruppe beschäftigen sich mit viralen Infektionen. Sie versuchen zu verstehen, weshalb bei manchen Viren die angeborene Immunantwort erfolglos bleibt, was zur Erkrankung führt.

Forschungsfortschritt in der Pandemie: Im eigenen Labor forscht Marco Binder nun auch zur Ausbreitung der Sars-CoV-2-Infektion und der Immunantwort im Körper. Er befasst sich also mit dem frühesten Schritt der Covid-19-Erkrankung und schaut auf die Schleimhautzellen, um zu verstehen: Wieso erkranken manche schwerer als andere? Dabei hat er wie viele weitere Wissenschaftler weltweit Hinweise gefunden, dass diese sehr frühe Phase der Infektion, in der sich die infizierten Zellen selbst gegen das Virus zur Wehr setzen müssen, eine entscheidende Rolle spielen könnte. Sars-CoV-2 besitze ein ganzes Arsenal an Mechanismen, um das in jede Zelle eingebaute Virus­abwehr­system zu verwirren oder auch komplett auszuschalten, berichtete Binder Ende Januar. Das Verständnis von einer möglicherweise fehlgeleiteten Immunantwort des eigenen Körpers ist auch wichtig für die Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19.

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