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“Viele begreifen die Krise als Chance” – Glücksstrategien für die Corona-Zeit

  • Für etliche Menschen bedeutet die Corona-Pandemie finanzielle Sorgen, den Verlust des Arbeitsplatzes oder Zukunftsängste.
  • Doch eine Krise bietet auch immer eine Chance, glaubt Maike van der Boom.
  • Im RND-Interview erklärt die schwedische Glücksforscherin, wie wir unseren Blick für das Positive schärfen.
Michèle Förster
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Stockholm. Fragt man Menschen, ob sie sich ein glückliches Leben wünschen, fällt die Antwort eindeutig aus: Wir alle möchten glücklich sein. Aber was ist Glück eigentlich? Und kann man es trainieren? Ja, sagt Maike van der Boom. Die schwedische Glücksexpertin und Bestsellerautorin ist überzeugt, dass wir noch viel von den glücklichsten Ländern der Welt lernen können. Zum Beispiel den Humor nicht zu verlieren, auch wenn gerade nicht alles so läuft, wie es sollte. Warum sich sogar die Corona-Krise positiv auf unseren Glückszustand auswirken kann, erklärt sie im RND-Interview.

Frau van der Boom, seit Monaten gibt es für alle nur noch ein Thema: Die Corona-Pandemie. Widersprechen sich aus Ihrer Sicht Krise und Glück?

Eine Krise kann dem Glück sogar zuträglich sein. In Island hat man beispielsweise vor, während und nach der schlimmen Finanzkrise 2008 Erhebungen durchgeführt. Und dabei kam heraus, dass die Menschen im Schnitt nicht unglücklicher waren als vor der Krise. Die isländische Glücksexpertin Dóra Guðrún Guðmundsdóttir hat dazu gesagt: “Es geht nicht darum, was dir widerfährt, sondern wie du damit umgehst.” Eine Krise macht also nicht zwingend unglücklicher.

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Was hat sich aus Sicht der Glücksforschung in den letzten Monaten verändert?

Wie man anhand der Medienberichte sehen kann, gibt es viele Menschen, die Angst empfinden. Das resultiert im Wunsch nach Kontrolle und Perfektionismus – aber auch in egozentrischem Verhalten. Andererseits werden die Menschen unglaublich kreativ und helfen anderen.

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Das hat damit zu tun, wie man mit der Krise umgeht. Ich werde oft gefragt, wie ich das persönlich mache. Alle haben gute und schlechte Tage, auch ich. Aber es ist die Kunst, sich aus den schlechten Tagen wieder herauszuheben. Das klappt einerseits durch soziales Engagement: Wenn man etwas für andere Menschen tut, ist das bedeutungsvoll. Man sieht einen Sinn in der Krise, das ist ein wichtiger Glücksfaktor. Außerdem sind wir soziale Wesen. Eine gute Beziehung zu mindestens einem Menschen wirkt sich positiv auf unser psychisches und körperliches Befinden aus.

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Laut dem jährlich veröffentlichten Glücksatlas wird die Zufriedenheit der Deutschen maßgeblich von ihrem Job und Einkommen bestimmt. Ist das ein typischer Glücksfaktor?

Im Schnitt verbringt jeder acht Stunden am Tag im Job, das ist also ein essentieller Teil unseres Lebens. Wenn es auf der Arbeit knirscht, ist es schwierig, sich wirklich glücklich zu fühlen. In den skandinavischen Ländern, die zu den glücklichsten zählen, ist auch die Arbeitswelt etwas softer. Es gibt unter anderem weniger Druck und mehr Verständnis für das Leben außerhalb der Arbeit. Man muss sich also weniger verbiegen. Mit dem Einkommen ist das so eine Sache. Wenn die Einkommensungleichheit größer ist, wie in Deutschland, wird es automatisch wichtiger. Denn der Tod des Glücks ist das Vergleichen. Über eine Gehaltserhöhung von 200 Euro freut man sich genau dann nicht mehr, wenn die Kollegen 400 Euro mehr bekommen. Einkommensgleichheit ist dem Glück zumindest zuträglich. Wenn alle ungefähr gleich viel verdienen, empfinden wir das als fair und das Einkommen wird weniger wichtig.

In der Corona-Krise haben viele Menschen ihren Job verloren oder sind in finanzielle Not geraten. Sind die Menschen deshalb unglücklicher – oder begreifen sie die Krise als Chance?

Ich denke, viele begreifen die Situation als Chance. Wir lernen momentan so viele neue Sachen und entdecken damit auch neue Möglichkeiten und Talente an uns. Das ist durchaus etwas, was glücklicher macht. Wir können trotz der Krise etwas bewegen und uns weiterentwickeln.

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Und Menschen, denen es durch die Krise nicht gut geht oder die ihren Job verloren haben, rate ich, nicht in dieser negativen Stimmung zu verharren. Das führt dazu, dass man Möglichkeiten nicht wahrnimmt – so als hätte man Scheuklappen auf. Damit entzieht man sich selber Energie. Stattdessen sollte man netter und nachsichtiger mit sich sein, wie man es in der gleichen Situation auch mit Freunden wäre. Und sich außerdem auf Beziehungen konzentrieren, telefonieren oder Freunde mit dem nötigen Abstand treffen. Das zeigt auch die Hirnforschung. Mit guter Laune erweitert sich der kognitive Rahmen und man erkennt neue Möglichkeiten.

Wie schafft man es jetzt, den Blick für das Positive nicht zu verlieren?

Ich würde sagen, es ist legitim, nicht immer super informiert zu sein. Anstatt sich um eine zweite oder dritte Infektionswelle Gedanken zu machen, sollte man sich auf das Positive konzentrieren. Zum Beispiel in der Familie oder mit Freunden bewusst nicht über Corona sprechen. Da spielt auch die selektive Wahrnehmung eine große Rolle: Wir nehmen das wahr, worauf wir uns konzentrieren. Man sollte versuchen, seinen Hunger nach Negativem zu bändigen und stattdessen den Blick für gute Dinge schärfen. Anstatt beim Händewaschen zweimal Happy Birthday zu singen, kann man auch drei Dinge aufzählen, für die man dankbar ist, drei Dinge, auf die man stolz ist und drei Sachen, die man in der Zukunft anders machen möchte.

In Ihrer Wahlheimat Schweden setzt die Regierung lieber auf Vernunft als auf strenge Regeln. Wirkt sich das auf das Glück der Bürger aus?

Die Schweden sind gelassener und nicht so gestresst. Das liegt vor allem an der Kontinuität. Wenn Regeln ständig verändert oder widerrufen werden, schafft das Unsicherheit.

In Schweden ist das anders. Hier gibt es nur eine Regel: Halte Abstand, oder du bist echt ein Depp! Aber es gibt auch andere Faktoren. Schweden ist ein hoch digitalisiertes Land, Homeoffice schon ewig Normalität. Und auch für die Schüler war es keine große Umstellung. Hier hatte bereits vor Corona jeder Gymnasiast einen eigenen Schul-Laptop und nimmt so seit Monaten am digitalen Unterricht teil. Da die Kinder bis zur zehnten Klasse durchgehend in die Schule gegangen sind, war es auch nicht so ein großer Druck für die Familien, Arbeit, Kinder und Haushalt unter einen Hut zu bekommen.

Die persönliche Freiheit spielt allerdings auch eine Rolle. Wird die Situation deshalb unterschiedlich empfunden?

Die persönliche Freiheit steht in Schweden an erster Stelle, das lernen schon die Kinder in der Schule. Deswegen gibt es hier weniger Strukturen, Hierarchien und Regeln. Aber wenn die Menschen einen Sinn in sozialen Regeln sehen – wie zum Beispiel dem Abstand halten – halten sie sich auch daran. Deshalb müssen informelle Regeln nicht festgeschrieben und mit Sanktionen verknüpft werden. In Schweden gilt der Grundsatz “frihet under ansvar”, was übersetzt bedeutet: Freiheit gibt es nur, wenn du Verantwortung übernimmst. Und zur Freiheit gehört auch Vertrauen, das einem entgegengebracht wird. Freiheit, Vertrauen und Verantwortung – diese drei Dinge gehören unabdingbar zum Glück dazu.

Maike van den Boom, geboren 1971 in Heidelberg, ist Glücksforscherin und Autorin. Seit 2018 lebt die Halbholländerin in Stockholm. In ihren Ratgeberbüchern "Wo geht’s denn hier zum Glück?" und "Acht Stunden mehr Glück" (Fischer Verlag) verrät sie, was wir aus der skandinavischen Arbeitswelt und von den 13 glücklichsten Ländern der Welt lernen können. © Quelle: Evia Photos

Sie haben einige der glücklichsten Länder der Welt bereist und dabei mit vielen Menschen gesprochen. Haben Sie dabei eine Glücksformel entdeckt?

Eine Formel für Glück gibt es leider nicht. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre! Auf meiner Reise war ich unter anderem in Island, Mexiko, Australien, der Schweiz und Kanada.

So unterschiedlich diese Länder auch sind, haben sie in einem Punkt übereingestimmt: Auf welche Dinge und Werte man sich konzentriert, ist ausschlaggebend für ein glückliches Leben. Die Glücksforschung geht davon aus, dass 50 Prozent unseres Glücks Veranlagung sind und zehn Prozent von der Umgebung beeinflusst werden. Da bleiben noch 40 Prozent, die jeder beeinflussen kann. Aber auch hier kann man immer noch den falschen Weg wählen. Oft genug versuchen wir alles zu kontrollieren, streben nach Karriere und materiellen Dingen – und wundern uns dann, warum wir nicht glücklich sind.

Dabei sollte man das Pferd ja nicht von hinten aufzäumen. Konzentriere dich auf das, was glücklich macht, dann wirst du diese Dinge mit viel mehr Freude erreichen. Wahrscheinlich werden sie dir dann aber nicht mehr so wichtig sein. Und glücklich machen gute Beziehungen: Wenn wir den Mut finden, anderen Menschen zu vertrauen – und vor allem uns selbst. Wenn wir uns der Freiheit bewusst sind, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben, können wir paradoxerweise Kontrolle loslassen und den Mut finden, ein gewisses Risiko einzugehen. Auch das macht glücklich. Und wenn man patzt, einfach aufstehen und weitermachen. Was wir von den Glücksländern lernen können, ist, die Dinge leicht zu nehmen. Wie heißt es doch so schön? Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

“Staat, Sex, Amen”
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