CO₂ aus der Atmosphäre entfernen – was bringt das?

  • Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssen die Staaten ihre CO₂-Emissionen nicht nur schnell und massiv reduzieren.
  • Viele Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass man der Atmosphäre dazu auch Kohlenstoffdioxid entziehen muss.
  • Eine neue Studie legt nun jedoch nahe: Der Effekt „negativer Emissionen“ könnte nicht so ausfallen wie gewünscht.
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Das Ziel ist klar: Mit dem Pariser Klimaabkommen haben sich die Staaten weltweit dazu verpflichtet, die globale Erderwärmung auf einen Bereich um die 1,5 Grad zu begrenzen. Keinesfalls soll die Marke von zwei Grad überschritten werden. Dreh- und Angelpunkt dieser Strategie ist der CO₂-Gehalt in der Atmosphäre: Doch für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C dürften alle Staaten der Welt in den nächsten 80 Jahren weniger als 300 Gigatonnen CO₂ ausstoßen. Derzeit liegt der weltweite CO₂-Ausstoß bei deutlich mehr als 30 Gigatonnen pro Jahr. Ändert sich daran nicht schnell etwas, wäre das CO₂-Budget der Menschheit also – bei allen Unsicherheiten, die solche Rechnungen mit sich bringen – schon in wenigen Jahren aufgebraucht.

Viele Expertinnen und Experten gehen daher davon aus, dass es nicht reichen wird, nur Emissionen einzusparen. Wollen die Staaten ihre Klimaziele erreichen, müssen sie aktiv CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Um diese „negativen Emissionen“ zu erzeugen, gibt es verschiedene Technologien und Ansätze. Doch was auf den ersten Blick wie eine smarte Lösung wirkt, birgt noch viele Unsicherheiten. Während eine Aufforstung zumindest technologisch keine große Herausforderung ist, sind beispielsweise CO₂-Luftfilter noch nicht bereit für einen großflächigen Einsatz. Die „negativen Emissionen“ können wohl nur einen begrenzten Beitrag zum Klimaschutz leisten, schreibt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in ihrem „Factcheck“ zum Klimawandel.

Wie effektiv ist die Entnahme von CO₂?

Doch selbst wenn der Einsatz großflächig gelänge: Die Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre könnte womöglich einen weniger starken Effekt auf den Klimawandel als das Einsparen von Emissionen haben. Zu diesem Ergebnis kommen zumindest Forschende um Kirsten Zickfeld in einer Modellierung, die im Fachjournal „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurde.

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„Die Studie weist auf eine interessante Eigenschaft des Kohlenstoffkreislaufs unserer Erde hin: Fügt man der Atmosphäre 100 Milliarden Tonnen CO₂ hinzu, steigt ihr CO₂-Gehalt stärker, als er umgekehrt absinkt, wenn man der Atmosphäre 100 Milliarden Tonnen CO₂ entzieht“, fasst Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Erkenntnisse gegenüber dem „Science Media Center“ zusammen. Heißt: Ob man CO₂ erst hinzufügt und dann wieder entfernt oder ob man von Anfang an weniger CO₂ ausstößt, hat auch je Menge unterschiedliche Auswirkungen.

Unterschiedliche Bewertung durch Experten und Expertinnen

Doch ist der Unterschied überhaupt relevant? Im Bezug auf die Temperatur betrage der Unterschied maximal ein Zehntel Grad, fasst Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie zusammen. „Ist das relevant vor dem Hintergrund, ob wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens – 1,5 oder 2,0 Grad – überhaupt einhalten können?“

Klimaexpertinnen und Klimaexperten beurteilen dementsprechend auch die Relevanz und den Nutzen der Negativemissionstechnologien unterschiedlich. Rahmstorf hält eine Zukunft, in der der Atmosphäre ein Großteil der CO₂-Emissionen, die aktuell erzeugt werden, wieder entzogen werden, für „unrealistisch“. Es sei „ethisch mehr als fragwürdig, einfach der jungen und weiteren Generationen aufzubürden, unsere Versäumnisse auszugleichen“.

Ausgleich von Restemissionen

Auch für Judith Hauck vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) ist klar, dass vor allem die Reduktion der Emissionen beschleunigt werden müsse. „Negativemissionstechnologien sind mit großen Unsicherheiten behaftet, insbesondere auch über unerwünschte Nebeneffekte. Zudem sind sie im Moment und auf absehbare Zeit nicht in dem Maßstab verfügbar, in dem sie zum Beispiel im vorliegenden Artikel ausgetestet werden.“

Wilfried Rickels vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW) sieht in den Studienergebnissen dagegen einen Anlass, die Diskussion über die Dringlichkeit von Negativemissionstechnologien zu „intensivieren“. So könnten diese Technologien der Logik der Studie folgend zum Beispiel eingesetzt werden, um zu verhindern, dass bestimmte Kipppunkte erreicht werden. „Insofern benötigt es sicherlich weiterer Forschung, wie das Erdsystem auf CO₂-Entnahme reagiert, insbesondere auch in Temperatur-Overshoot-Szenarien.“

Zu den Kippelementen zählen beispielsweise die Permafrostböden: Tauen sie auf, werden große Mengen Treibhausgase freigesetzt, die dann wiederum den Klimawandel beschleunigen können.

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